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Dieser Roman erzählt von einer abenteuerlichen Forschungsreise | BR24

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Buchkritik zu "Das Museum der Welt" von Christopher Kloeble

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Dieser Roman erzählt von einer abenteuerlichen Forschungsreise

In der Mitte des 19. Jahrhunderts brachen die Brüder Schlagintweit zu einer großen Expedition nach Indien auf. Christopher Kloeble erzählt davon in seinem Roman "Das Museum der Welt". Mit dem Buch ist er zu Gast beim Literatur-Festival "Wortspiele".

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Heute beginnen die "Wortspiele" - das internationale Festival junger Literatur - im Münchner Muffatwerk, präsentiert von Bayern 2. An drei Abenden stellen 18 junge Autorinnen und Autoren ihre aktuellen Bücher vor, darunter Dana von Suffrin aus München und Tonio Schachinger aus Wien. Sie alle sind nominiert für den Bayern 2-Wortspiele-Preis für junge Literatur, der am Freitag (6.3.), zum Abschluss des Festivals verliehen wird. Die "Wortspiele" finden heuer zum 20. Mal statt. Auch Christopher Kloeble ist bei der Jubiläumsausgabe zu Gast, mit seinem Roman über die Indien-Expedition der Brüder Schlagintweit.

Das „Museum der Welt“ - das Zentrum von Christopher neuem Kloebles Roman - existiert nur in der Phantasie, zunächst in Bombay, in der Mitte des 19. Jahrhunderts: Der Waisenjunge Bartholomäus, der Ich-Erzähler im Roman, sammelt in seinen Gedanken viele Objekte, füllt mit ihrer Beschreibung Seite um Seite eines Schreibheftes. Er berichtet von Dingen, Menschen und Situationen und schafft so sein imaginäres Ausstellungshaus. Bartholomäus, benannt nach einem berühmten Missionar aus Deutschland, ist ein Sprach-Genie und wurde von einem Jesuiten-Pater seines Waisenhauses den Brüdern Schlagintweit als Dolmetscher empfohlen.

Die drei Forschungsreisenden unternahmen in der Mitte des 19. Jahrhundert eine große Expedition in Indien. Sie bildet den Rahmen für Christopher Kloebles Roman. Der Schriftsteller erfuhr aus dem Familienkreis von der Reise, erzählt er – in diesen Tagen noch in seiner Wahlheimat Indien – in einem Gespräch mit dem Saarländischen Rundfunk: "Es waren drei Brüder aus Bayern, die gerne Berge bestiegen haben, aber gleichzeitig Wissenschaftler waren - Geologen, Geographen - und die gesagt haben, wir reisen drei Jahre nach Indien, wir helfen da bei der Vermessung Indiens und auch Hochasiens. Das klingt nach einer ziemlich guten Geschichte."

Kritischer Blick auf die Forscher

Der Weg führte Hermann, Adolph und Robert Schlagintweit von Bombay über Madras im Süden des Subkontinents nach Kalkutta und weiter in den Himalaya und in das Karakorum-Gebirge. Die drei Welterkunder reisten im Geist ihres Idols Alexander von Humboldt. Der berühmte Wissenschaftler ist auch im Roman von Christopher Kloeble präsent, mit einem Brief und einem Haar, das zu einem wohlgehüteten Schatz von Bartholomäus gerät. Mit der imaginären Erzählerfigur erzeugt Kloeble eine spürbare Distanz zu den Forschern.

Bartholomäus blickt mit gemischten Gefühlen auf sie. Er bewundert ihre Faszination für die Wissenschaft und blickt zugleich kritisch auf die mit ihr einhergehende Eroberung seiner Welt. Auch weiß er nicht, ob er den Brüdern aus dem fernen Bayern wirklich vertrauen kann. Und Bartholomäus wird – eher ungewollt – Teil einer Verschwörung gegen die Reisenden. Sie werden von Anhängern der indischen Rebellion, der Freiheitsbewegung im 19. Jahrhundert, als Verbündete der Engländer betrachtet.

"Letztendlich, auch wenn sie das vielleicht nicht offiziell als Titel hatten, waren viele Wissenschaftler eigentlich so etwas wie Spione", erklärt Christopher Kloeble im Gespräch. "Weil sie so viele Informationen gesammelt haben, gerade auf die Humboldt‘sche Weise, nämlich alles mit eingreifen. Und dann konnten sie zurückkommen und sagen: 'Da kannst du das anbauen, das ist der einzige Weg über den Berg, da können Truppen hinüber geschickt werden, das Wetter dort ist so, der Herrscher dort ist so alt und hat so viele Söhne.' Das ist wunderbar, wenn du ein Land beeinflussen beherrschen willst. Da haben die Schlagintweits auch viel geholfen."

© picture alliance/imageBROKER

Bergfreunde aus Bayern und Forschungsreisende in Indien: Die Brüder Robert, Hermann und Adolph Schlagintweit (von links).

Nicht Wissenschaft, sondern Identität

Die Perspektive von Bartholomäus bestimmt die Konstruktion des Romans von Christopher Kloeble. Selten berichtet der Junge, zu Beginn zwölf Jahre alt, detailliert von den Forschungen der Brüder Schlagintweit. Er schildert diese vielmehr aus einer gewissen Entfernung, mal neugierig, mal altklug und immer wieder auch mit einer jugendlichen Arroganz. Zunehmend wichtiger als die Forschung wird für ihn – und auch für die gesamte Geschichte – das Thema der Identität, in mehrfacher Hinsicht. Bartholomäus, der keine Erinnerung an seine Eltern hat, will wissen, wer er wirklich ist, woher er kommt. Zugleich will er – mit der Idee seines Museums – auch den Menschen in Indien (den „Indiern“, wie es immer wieder heißt) ein Gefühl für die eigene Geschichte geben.

Der mit der zentralen Figur einhergehende Perspektivwechsel war Christopher Kloeble wichtig: "Wer ist denn hier wirklich der Schräge?", fragt er im Gespräch. Die Antwort: "Und zum größten Teil sind das tatsächlich nicht die Leute in Indien, sondern es sind diese drei Brüder. Das ist verrückt, wenn man sich vorstellt, es kämen drei Forscher aus Indien Mitte des 19. Jahrhunderts nach Bayern und würden auf irgendeinen Berg gehen und sagen: 'Wir nennen ihn so und so, weil wir sind die ersten, die hochgegangen sind.' Und das fand ich sehr interessant, mich da mehr hinein zu bewegen."

Am Ende ein Debakel

Christopher Kloeble hat die Geschichte der heute nur noch wenig bekannten Schlagintweit-Expedition intensiv erforscht. Sein Roman „Das Museum der Welt“ mag in der Mitte des 19. Jahrhunderts spielen, zugleich erzählt er viel über unsere Zeit, über die Sehnsucht nach Selbstbestimmung, ebenso über Fanatismus und die mit ihm einhergehende Gewalt. Die lange Forschungsreise der Brüder aus Bayern endete in einem Debakel. Mit Christopher Kloebles literarischer Rekonstruktion begreift mach schnell: Der Versuch, eine – in westlicher Perspektive – zu Teilen noch unbekannte Welt zu erkunden und damit zu vereinnahmen, war von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Christopher Kloebles Roman "Das Museum der Welt" ist bei dtv erschienen. Christopher Kloeble stellt sein neues Buch am Freitag beim Festival "Wortspiele" im Münchner Muffatwerk vor.

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