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Warum das Deutsche Kaiserreich für eine prekäre Moderne steht | BR24

© Audio: BR / Bild: picture alliance / Heritage-Images

Nach einem Bild aus dem Jahr 1885, im Bismarck-Museum in Friedrichsruh: die Kaiserproklamation in Versailles, 18 Januar 1871.

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Warum das Deutsche Kaiserreich für eine prekäre Moderne steht

Wie lässt sich an einzelnen Tagen eine ganze Epoche erzählen? Der Historiker Christoph Nonn macht es vor. Er nimmt zwölf Tage zum Ausgangspunkt, um die Geschichte des Deutschen Kaiserreichs und dessen Wirkung auf die Nachwelt zu begreifen.

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Von
  • Niels Beintker

Anton von Werners Darstellung der Proklamation des Deutschen Kaiserreiches ist eine Ikone: das Vivat der Fürsten und Militärs auf den gerade zum Kaiser erhobenen preußischen König. Gezückte Säbel, gehobene Hüte, im Zentrum Bismarck, wie üblich grimmig blickend, in weißer Uniform.

Dass der zum Staatskünstler aufgestiegene Werner das Geschehen ein paar Jahre früher ganz anders gemalt hatte, ist dagegen weniger bekannt: Die erste Fassung, ein Monumentalbild für das Berliner Schloss, 1877 präsentiert, 1945 zerstört, zeigt das Ereignis aus Sicht der Soldaten. Der Blick geht quer durch den Spiegelsaal von Versailles, Bismarck ist kaum zu erkennen.

Bismarck: nur eine unter vielen Figuren

Eine aufschlussreiche Perspektive, findet der Historiker Christoph Nonn: "Das war eigentlich die liberale Sicht des Kaiserreichs, auch der Nationalstaatsgründung. Der Nationalstaat ist gegründet worden von der Nation, vom Volk. 1877 ist Bismarck eine unter vielen ganz kleinen Figuren – die Fürsten sind hinten in der Ecke und ganz klein zu sehen. Und was man vorne vor allem sieht, sind die einfachen Soldaten, die das bejubeln. Das Volk steht viel stärker im Mittelpunkt."

Das Deutsche Kaiserreich ist seit 100 Jahren Geschichte. Dennoch ist es in der Gegenwart auf verschiedene Weise präsent: etwa im Berliner Reichstag, dem Sitz des Deutschen Bundestages, ebenso in den Diskussionen über die deutsche Kolonialvergangenheit und die Rückgabe geraubter Kunstgegenstände aus Afrika oder auch der Südsee. Die Literatur zur Epoche ist unüberschaubar.

Wandel der Gesellschaft

Christoph Nonns Buch "12 Tage und ein halbes Jahrhundert" gibt auch eine gute Einführung in die historische Forschung, und das gerade für Leserinnen und Leser jenseits der Universitäten. Der Düsseldorfer Historiker zeigt zudem einmal mehr, wie tiefgreifend sich die deutsche Gesellschaft in den fünf Jahrzehnten zwischen Reichsgründung und Revolution verändert hat: Aus einem Agrarstaat wurde ein modernes Industrieland.

"Die Hauptthese des Buches war eigentlich, dass diese Moderne, die im Kaiserreich entstanden ist, sowohl demokratische Potenziale hat als auch diktatorische Potenziale", sagt der Autor und erklärt, dass beides nah beieinanderliege, weil beides modern sei: "Sowohl die Demokratie der Weimarer Republik als auch der Bundesrepublik waren und sind modern – wie auch der Nationalsozialismus modern gewesen ist. Die demokratische Moderne ist eine prekäre Moderne, die immer umschlagen kann in die andere, die dunkle, diktatorische Moderne."

© Ulrich Lotz

Historiker Christoph Noll

Ein Buch, zwölf Tage

Christoph Nonn hat für seine Geschichte zwölf besondere Tage ausgewählt und erzählt, dicht und ausführlich, von den mit ihnen verbundenen Ereignissen und Personen.

Hier stolpert Anton von Werner mit dem Skizzenblock durch den Spiegelsaal von Versailles, dort empfängt Julie Bebel, die Frau August Bebels, die Nachricht von einem neuerlichen Attentat auf den Kaiser und stellt sich auf eine Verhaftung ihres Mannes ein. Da wird Bismarck entlassen, dort schließlich ignoriert Reichskanzler Bernhard von Bülow im Urlaub auf Norderney ein brisantes Dokument mit Äußerungen Wilhelms II. zur Politik gegenüber Großbritannien – und bringt so die "Daily-Telegraph-Affäre", eine heftige diplomatische Verstimmung, ins Rollen.

Bismarcks Machtpolitik

Ausgehend von den einzelnen Tagen weitet Christoph Nonn den Fokus auf die großen Themen, darunter die brutale Politik Bismarcks gegenüber den angeblichen Reichsfeinden, den Katholiken und den Sozialdemokraten, die verheerenden kolonialen Ambitionen mit der Folge eines Völkermords oder auch die zunehmende, wenn auch begrenzte Parlamentarisierung: "Das Wichtigste ist, dass der Reichstag durchaus Einfluss hat und die Parteien Macht ausüben können, dass sie aber gleichzeitig nicht Verantwortung übernehmen wollen", sagt Nonn.

Konkret heißt das: Parlamentarier können nicht Regierungsmitglieder werden. Und die Regierung wird vom Kaiser nach wie vor ernannt. "Und da könnte man sagen, das wollen wir ändern. Es gibt auch einzelne, die das ändern wollen, aus dem rechten Flügel der SPD zum Beispiel, aber auch im linken Flügel der Linksliberalen. Aber bis 1916, 1917 sind das relativ kleine Minderheiten."

Ein informierter, aber frischer Blick auf die Epoche

Es ist ein Gemeinplatz, von einer bewegten Epoche zu sprechen. Doch genau das war das Deutsche Kaiserreich, das im November 1918, mit der Ausrufung einer demokratischen Republik, zu Ende ging. Christoph Nonn erzählt dieses Finale aus der weniger bekannten Perspektive von Felix Fechenbach, dem 'Macher' der Räterevolution in München.

Nonns Buch führt immer wieder die Dramatik der fünf vorangegangenen Jahrzehnte vor Augen. Gleichzeitig stellt es lieb gewonnene Ansichten in Frage, etwa die, das Kaiserreich sei allein ein Hort des Militarismus. Es gab ebenso öffentliche Kritik an dieser fatalen Einstellung. Und auch das macht die besondere Geschichte von Christoph Nonn aus: eine große Freude am Erzählen.

Christoph Nonns Buch "12 Tage und ein halbes Jahrhundert. Eine Geschichte des Deutschen Kaiserreiches“ ist im Verlag C.H. Beck erschienen.

© Cover: C.H. Beck Verlag / Collage: BR

Das Cover von Christoph Nonns Buch: "12 Tage und ein halbes Jahrhundert"

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