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Blick auf die alte Leipziger Universität. Auch hier spielt Christoph Heins neuer Roman.

Das thüringische Solebad Heiligenstadt bildet den geographischen Mittelpunkt Deutschlands. Hier – und ebenso in Leipzig – siedelt Christoph Hein sein neues Buch „Verwirrnis“ an. Wie die Vorgänger „Glückskind mit Vater“ von 2015 und „Trutz“ von 2016 handelt es sich wiederum um einen Vater- und Deutschland-Roman, in dem das Schicksal des jeweiligen Sohnes auf tragische Weise von der Geschichte des 20. Jahrhunderts beeinflusst wird. Die Hauptfigur von „Verwirrnis“ wird 1933 als Sohn eines bigotten Lehrers im katholischen Eichsfeld geboren. Er hört auf den klingenden Namen Friedeward Ringeling.

Ein zartes Gefühl von Freiheit

Wie seine Geschwister wird Friedeward bei jeder angeblichen Verfehlung vom Vater Pius körperlich gezüchtigt, am liebsten mit einem wahren Folterinstrument, dem sogenannten Siebenstriemer, einer Peitsche mit sieben Lederstreifen. Pius Ringeling erlitt im Ersten Weltkrieg eine Vergiftung mit Senfgas, die seine Lunge dauerhaft schädigte. Der sensible Gymnasiast Friedeward interessiert sich besonders für die musischen Fächer. Eines Tages kommt der musikalische Wolfgang in seine Klasse, Sohn eines Kantors. Dieser Moment verändert alles für Friedeward, zum ersten Mal erlebt er das Gefühl von Freiheit und Sympathie.

Verwirrung der Gefühle

Der schöne altertümliche Begriff Verwirrnis steht für Gefühlschaos. In dieses sieht sich Friedeward gestürzt, seit ihn der Vater erbarmungslos auspeitschte, nachdem er den Halbwüchsigen in einer eindeutigen Situation mit Wolfgang erwischt hatte. Sie hätten eine Szene aus Thomas Manns Novelle „Tonio Kröger“ nachgestellt, behauptet Wolfgang, der mit einer leichteren Natur als sein Freund gesegnet ist. Friedeward nimmt sich die Verurteilung als angeblicher Sünder und sogenannter Sodomist dagegen schwer zu Herzen, auch noch als Erwachsener. Denn Homosexualität wird in der offiziell progressiven DDR weitgehend tabuisiert.

Friedeward und Wolfgang, die nach ihrer Entdeckung durch den wütenden Vater getrennt wurden, treffen sich im liberalen Klima der Leipziger Universität wieder. Dort werden sie Zeugen der legendären Vorlesungen des Germanisten Hans Mayer, der im Roman als „Goethe-höchstselbst“ firmiert. Auch Christoph Hein studierte ab 1967 Philosophie in Leipzig.

"Es ist immer Dichtung und Wahrheit", sagt Christoph Hein. "Ich hab’s immer ganz gerne, wenn ich beim Schreiben von diesen erfundenen Personen, wenn ich da für eine Person jemanden habe oder sogar zwei oder drei, die ich da zusammenführe."

Am Ende keine Freiheit

Friedeward Ringeling geht schließlich mit einer lesbischen Kommilitonin eine Scheinehe ein. Dennoch wird er vom Staatssicherheit wegen seiner sexuellen Orientierung erpresst. Er erlebt die Eckdaten der DDR-Geschichte bis hin zu den Leipziger Montagsdemonstrationen 1989. Da hat sich seine große Liebe Wolfgang, genannt Wölfchen, längst von ihm getrennt.

Obwohl die öffentliche Moral scheinbar liberaler wird, scheitert Friedeward am Ende doch an ihr. So lässt sich „Verwirrnis“ als eine weitere eindringliche Hein’sche Anklageschrift gegen lebensfeindliche Ideologien aller Art lesen.

"Verwirrnis" von Christoph Hein ist im Suhrkamp-Verlag erschienen. Am 19. September stellt der Schriftsteller sein Buch in München vor, um 19.30 Uhr im Tukan-Kreis.