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Jetzt auch als Serie: So gut ist "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" | BR24

© Audio: BR, Bild: Mike Kraus/Constantin Television

"Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" soll eindeutig ein heutiges junges Publikum ansprechen. Nicht nur durch den Stil, sondern vor allem durch die universelle Story, die altersunabhängig funktioniert - so das Kalkül.

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Jetzt auch als Serie: So gut ist "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo"

Sie ist der berühmteste Junkie der Welt: Christiane F., die Antiheldin aus "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo". Das Buch verkaufte sich millionenfach, der Film schockiert noch heute. Jetzt wurde die Geschichte als Serie adaptiert – mit einigen Änderungen.

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Von
  • Katja Engelhardt

Christiane ist auf ihrem ersten Konzert und gleich im Backstage-Bereich gelandet. Die 15-Jährige ist nicht auf irgendeinem Konzert irgendeines Künstlers. Sie ist im Backstage von David Bowie. Der Raum ist zwar verlassen, aber Christiane sitzt auf Bowies Stuhl, zieht an seiner noch glimmenden Zigarette - dann betritt eine mysteriöse Figur den Raum, in schwarzem Umhang und mit Hundemaske vor dem Gesicht. Die Kreatur macht Christianes Arm frei – und setzt ihr ihren ersten Schuss Heroin.

Es ist eine von mehreren surrealen Szenen in der Amazon-Prime-Serie "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", die unmissverständlich klar macht: Es geht hier nicht zwingend um eine authentische Darstellung der Biografie von Christiane F. - auch wenn die Serie stark an die berühmte Buchvorlage angelehnt ist. In acht Folgen wird der Weg nachgezeichnet, wie die Schülerin Christiane F. zur Abhängigen wird und was sie tut, um ihre Sucht zu stillen.

Das Anti-Märchen vom berühmtesten Junkie der Welt

Surreale Szenen wie die beschriebene haben dabei eine Schlüsselfunktion, erklärt Annette Hess, Hauptautorin des Drehbuch-Teams: "Wir haben immer wieder mit märchenhaften Elementen gespielt. Weil wir fanden, dass das auch ein Märchen ist, von so einem kleinen Mädchen in Gropiusstadt zum berühmtesten Junkie der Welt - ein Anti-Märchen. Und das Zweite ist, dass wir auch immer versucht haben, simple Kausalitäten zu vermeiden. Deshalb wollten wir diesen Moment, wenn sie das erste Mal Heroin nimmt, schön schrecklich haben."

© Constantin Television / Mike Kraus

Noch ist die Welt von Christiane und ihrer Clique in Ordnung

Die Serie konzentriert sich nicht ausschließlich auf Christiane F. – ihre Clique ist von Anfang an integraler Bestandteil der Geschichte. Jede Figur in dieser Gruppe ist auf ein bestimmtes Profil geschärft, das Identifikationspotential fürs Publikum ist also hoch – auch, weil der Cast großartig besetzt ist.

Die Jungs decken vom arglosen Axel (Jeremias Meyer) über den fürsorglicheren Benno (Michelangelo Fortuzzi) hin zum aggressiven und in Benno verliebten Michi (Bruno Alexander) eine große Bandbreite von Männlichkeitsentwürfen ab. Und auch die weiblichen Figuren könnten aus einer Popband-Fabrik kommen. Babsi (Lea Drinda) ist zart, lebensmüde und trägt Kleidung mit Roaring-Twenties-Anleihen. Stella (Lena Urzendowsky) ist die Selbstbewusste und Christiane (Jana McKinnon) ist eher naiv – und eine dermaßen durchschnittliche Teenagerin, dass ihrer Mutter sofort unangenehm auffällt, wenn ihre Tochter Absatzschuhe tragen möchte.

Neuauflage ohne zeitliche Einordnung

Schon früh wird angedeutet, dass Mode in der Serie eine große Rolle spielt. Die Kleidung verändert sich gleichsam mit der Charakter-Wandlung. Wenn Christiane in Hotpants und hochhackigen Schuhen bei Verwandten auf dem Land herumstakst, dem urbanen Berlin enthoben, dann ist sichtbar, wie wenig sie mit anderen Jugendlichen in ihrem Alter gemein hat, wie wenig Kind sie ist.

Zeitlich verorten lässt sich die Mode dabei nicht. Sie ist aus verschiedenen Jahrzehnten zusammengestellt, entzieht sich wie die ganze Serie einer konkreten Einordnung. Auf dem zeitlichen Spektrum liegt sie irgendwo zwischen "Handys gibt's noch nicht" und "David Bowie lebt noch". "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" spielt damit konsequent auf allen Ebenen: Musiker Robot Koch und Komponist Michael Kadelbach haben sogar die Songs, die im berüchtigten Club "Sound" laufen – dem Treffpunkt von Christiane F. und ihren Freunden – klanglich ambivalent gehalten.

David Bowie weniger im Fokus

Der David-Bowie-Zauber, der in der Verfilmung aus dem Jahr 1981 eine große Rolle spielte, geht somit größtenteils verloren – zumindest im Soundtrack. Denn komplett eliminiert wurde Bowie nicht. Hinzu kommt: Auch, wenn die ursprüngliche Geschichte umgeschrieben wurde – eigenständige Inszenierungen fangen die geballte Wucht aus Freiheit und Sucht ein.

"Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" soll eindeutig ein heutiges junges Publikum ansprechen. Nicht nur durch den Stil, vor allem durch die universelle Story, die altersunabhängig funktioniere, sagt Anette Hess: "Ich glaube zum Beispiel, dass das heute auch wieder ein Riesenthema ist: Diese ganzen bürgerlichen Wege von Lehrerausbildung, Geselle, Meister, Rente – die gibt es ja gar nicht mehr. Es ist alles so aufgelöst und unsicher. Ich glaube, dieses Schwimmen in der Gesellschaft betrifft heutige Mittdreißiger so wie es damals manche 14-Jährigen betroffen hat."

© Constantin Television / Mike Kraus

Die Drogen fordern ihren Tribut.

Großes Entertainment, aber nicht der maximale Schock

Doch gerade weil die Serie so durchdacht und zeitgemäß ist, fallen die Unterschiede zu anderen aktuellen Produktionen auf. Beispiel "Euphoria": Die US-Serie, die ebenfalls sehr düster ist und Hochglanz-Teenager und deren Probleme zeigt, hat einen weit diverseren Cast. In "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" ist dieser Punkt zu simpel abgehandelt.

"Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" will das große Entertainment, ist aber keine reine Protz-Produktion. Die surrealen Szenen sind mutig. Die Serie gibt nicht alles kleinlich vor. Es lohnt sich, nach der letzten Folge noch einmal die erste anzusehen: Um zu verstehen, was hier schon alles angelegt war. Zum Beispiel geht es nicht um den maximalen Schock. Während die echte Christiane F. schon mit 13 das erste Mal Heroin geschnieft hat, sehen die Seriendarsteller und -darstellerinnen bewusst deutlich älter aus.

Bitte kein Voyeurismus

Drehbuchautorin Anette Hess wollte damit den Effekt vermeiden, den die Verfilmung aus dem Jahr 1981 bei ihr ausgelöst hatte: "Wenn die den Entzug machen, war ich mehrere Momente rausgeworfen aus der Empathie. So als ob ich eine RTL-2-Doku über die schlimmsten Drogenkranken hinterm Bahnhof sehe, wo ich fast voyeuristisch draufgucke und denke 'Oh Gott, die armen Schweine'. Das hat mir nicht gefallen. Und das wollte ich in der Serie unbedingt verhindern, dass man in bestimmten Szenen zum Voyeur wird."

Eine Sozialstudie ist die Neuauflage von "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" nicht mehr, die Serie ist kein Bericht aus einer spezifischen Szene. Die Buchvorlage aus dem Jahr 1978 und der drei Jahre später entstandene Film werden vielmehr um eine Erzählung erweitert, die sich jederzeit und nahezu überall abspielen kann und deswegen nicht so leicht als Einzelfall zu verbuchen ist. Denn Heroin als Droge mag abgelöst worden sein, Sucht und Eskapismus als Überlebensstrategie sind es nicht. Nicht als Anomalie dargestellt zu werden, das ist doch, was Christiane F. und ihrem damaligen, zum Popkulturphänomen gewordenen Umfeld, gerecht wird.

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