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Sage und Stadtpolitik: Christian Petzolds "Undine" im Kino | BR24

© Audio: Bayern 2 / Bild: Schramm Film/ Marco Krüger

Franz Rogowski spielt einen Industrietaucherin Christian Petzolds "Undine", einem schwebenden romantischen Drama.

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Sage und Stadtpolitik: Christian Petzolds "Undine" im Kino

Bei der Berlinale gehörte der Film zu den Favoriten für den Goldenen Bären, Paula Beer wurde schließlich als beste Schauspielerin ausgezeichnet. Dabei ist gerade ihr Auftritt nicht der stärkste im romantischen Drama, das Christian Petzold inszeniert.

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Ein riesiger Wels taucht aus der Finsternis des tiefen Wassers auf und blickt Hauptdarsteller Franz Rogowski lange in die Augen. Der ist Industrietaucher und führt unter Wasser Schweißarbeiten aus, in einem Stausee irgendwo in Nordrhein-Westfalen. Der Wels ist eine wichtige Kreatur in Christian Petzolds neuem Film "Undine" – und Paula Beer als die titelgebende Hauptfigur wird mit ihm später noch einen magischen Unterwassertanz aufführen. Da sieht man dann zwei verfluchte Wesen: den riesigen Fisch, der von vielen Menschen außerhalb des Sees für ein Monster gehalten wird, und die Nymphe, die – so der Sagenstoff – außerhalb ihres Elementes nur eine Seele bekommt, wenn sie geliebt wird. Beide wirken einsam.

Die Sage von der Wasserfrau

Wenn Undines Freund ihr am Anfang des Films den Laufpass gibt, dann sagt sie: "Wenn du mich verlässt, muss ich Dich töten." Danach passiert erstmal nicht viel. Dann lernt Undine den Industrietaucher kennen – und der Mythos von der Wassergeistfrau, die als Mensch leben darf, wenn einer sie liebt, wird erneut real. Christian Petzold holt diese romantische Geschichte ins Berlin der Gegenwart, denn Paula Beer als Undine arbeitet im Märkischen Museum als Fremdenführerin und erläutert dort die ausgestellten Stadtmodelle. Es ist im Film ein langer, langer faszinierender Prolog, denn ihre Vorträge etwa über die ehemalige DDR-Stadtplanung, das Berliner Schloss und dessen umstrittenen Wiederaufbau als Humboldt Forum besitzen Sogwirkung, so beseelt hat Petzold das inszeniert und empfunden. "Es ist ja das Schöne, dass man Heimat erst hat, wenn man etwas begreift von der Stadt, in der man lebt. Und die Paula hat diese Stadt zum Leben erweckt."

Christian Petzold, der schon immer ein Faible für Architektur und das chaotische Provisorium Berlin hatte, verbindet in "Undine" in recht abenteuerlicher Mischung Märchen und Urbanistik, erzählt von einer außergewöhnlichen Liaison vor stadtpolitischem Hintergrund, was den Film für sich schon sehenswert macht: "Berlin ist reich geworden durch Havel, Spree und Kanäle. Das Wasser hat uns die Mythen gebracht, und hat uns auch Undine gebracht. Und jetzt fängt Berlin an, sich zu zerstören, es fängt an, sich trockenzulegen, seine Brachgebiete zu bebauen. Es fängt an, seine Mieten zu erhöhen, so dass es hier kein Leben mehr gibt. Undine erzählt davon, wie ihr Lebensraum zerstört wird."

"Undine" als feministisches Märchen

Bei der Berlinale, wo "Undine" im Wettbewerb lief, lag der Film im internationalen Kritikerspiegel lange Zeit ganz vorne. Er hat einen schönen Rhythmus, Christian Petzold beschreibt ihn als flüssig, und in vielen Momenten ist es, als würden die Darsteller durch die Geschichte schwimmen, so schwebend hat der Regisseur seine "Undine"-Adaption inszeniert. Man schaut sich das gerne an, hadert dann aber mit zunehmender Zeit doch ein bisschen mit Hauptdarstellerin Paula Beer, die als Stadtführerin überzeugt – nur als Nymphe, die sich, so die Sage, rächen muss, wenn der Mann zu einer anderen geht, wirkt sie in ihrer Ausdruckskraft allzu brav und nicht gefährlich oder gar bedrohlich.

Warum sie in Berlin mit einem Darstellerpreis ausgezeichnet wurde, bleibt ein Rätsel. In manchen Momenten ist Beer gefühlt näher dran an Disneys "Arielle, die Meerjungfrau" als an einem modern interpretierten Märchen mit feministischen Ansätzen à la Ingeborg Bachmann und deren Erzählung "Undine geht". Andererseits überwindet Petzold mit seiner präzisen Inszenierung immer wieder die seichteren Momente. Ihm ist etwas gelungen, was es im deutschen Film kaum gibt: eine romantische Liebesgeschichte, die nicht in Banalität oder Kitsch versinkt, sondern klug in unsere Lebenswelt eingebettet ist.

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