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Der französische Konzeptkünstler Christian Boltanski ist tot.

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    Französischer Erinnerungskünstler Christian Boltanski gestorben

    "Letzte Sekunde" heißt eine Arbeit des französischen Künstlers. Eine riesige Digitalanzeige, die die Sekunden seines Lebens zählte. Jetzt steht sie still. Der mehrmalige Documenta-Teilnehmer starb im Alter von 76 Jahren in Paris.

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    Von
    • Joana Ortmann

    "Letzte Sekunde" heißt ein Werk von Christian Boltanski. Eine riesige Digitalanzeige, die die Sekunden seines Lebens zählte und mit seinem Tod aufhören sollte. Seit gestern steht diese Anzeige. Der Künstler ist in Paris gestorben, mit 76 Jahren. Boltanski gehörte zu den in Deutschland bekanntesten französischen Künstlern. Sein großes Thema, lebenslang: Das Erinnern und das Vergessen, das Verklären und das Verdrängen.

    Jeder Mensch hat eine geschlossene Tür vor sich und jeder sucht diesen Schlüssel, um diese Tür zu öffnen. Manche glauben, ihn gefunden zu haben. Für mich wird sich diese Tür niemals öffnen, aber Menschsein bedeutet eben, danach zu suchen. Christian Boltanski

    Boltanski suchte diesen Schlüssel in den dunkelsten Ecken der Geschichte. Dreh- und Angelpunkt seiner Kunst war der Holocaust. Er baute enge Gänge aus Metallkästen ins Museum, stapelte Berge getragener Kleidung, zeigte Schränke und Schubladen voller Notizen, Fotos, Kartei-Karten. Lauter Requisiten, die anonym auf Menschen und ihre Schicksale verwiesen – im Kampf ums Erinnern und zugleich im vollen Bewusstsein der Vergeblichkeit dieses Unterfangens. "Meine Arbeit ist in gewisser Weise ein einzige Scheiitern," sagte Boltanski.

    Boltanski war der Sohn eines jüdischen Vaters, 1944 gegen Kriegsende in Paris geboren, das hat ihn geprägt. Der Krieg blieb die Macht, die ihn antrieb. Er nutzte viele Mittel in seiner Arbeit. War Konzeptkünstler, Maler, Fotograf, Bildhauer, hatte sich das alles selbst beigebracht.

    Internationaler "Erinnerungskünstler"

    Seine Erinnerungskunst ist weltweit bekannt. Gerade in Deutschland war er schon früh sehr gefragt, seit den 1970ern. War drei Mal an der Documenta in Kassel beteiligt, schuf 1999 im Reichstagsgebäude die Installation "Archiv der Deutschen Abgeordneten und 2018 im Weltkulturerbe Völklinger Hütte einen Erinnerungsort für Zwangsarbeiter mit Spinden, aus denen Stimmen kamen. Die Gebrauchsanweisung für seine Kunst formulierte er vor zwei Jahren in einem Interview mit der ARD so:

    Ich bin überhaupt nicht gläubig, aber für mich ist der Besuch einer Ausstellung wie der Besuch einer Kirche, deren Türen sperrangelweit offen stehen. Man geht hinein, ein Herr hebt die Hände hoch, es gibt einen Duft, es gibt Musik, man setzt sich, schaut die Bilder an den Wänden an. Nach einer viertel Stunde geht man wieder. Man weiß nicht genau, was passiert ist, aber etwas ist passiert! Christian Boltanski

    Die Ausstellungen von Boltanski hatten tatsächlich immer auch etwas Spirituelles und Philosophisches. Die Betrachter sind gefordert. Welche Realität meinen wir, wenn wir uns erinnern? Woran erinnern wir uns überhaupt? Und was hat das mit der Geschichte unserer Familien, unseres Landes und der Welt, in der wir leben, zu tun? Christian Boltanski lieferte Fragen - keine Antworten. Im Alter von 76 Jahren ist Christian Boltanski in Paris gestorben.

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