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Kondensstreifen in einer Wolkenlücke über Hausdächern
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Christoph Leibold
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Kondensstreifen in einer Wolkenlücke über Hausdächern

Wir sollen durch Chemtrails vergiftet werden, die BRD existiert nicht, die globalen Eliten sind Echsenmenschen: Die Bayern 2-Autoren Christian Alt und Christian Schiffer haben ein paranoides Land durchreist und Verschwörungstheoretiker, Aussteiger und Opfer besucht. Und dabei so einiges über die Seelenlage der Gegenwart erfahren. Christoph Leibold hat mit den Autoren über ihr Buch "Angela Merkel ist Hitlers Tochter" gesprochen.

Christoph Leibold: Wenn es Priester und Gläubige gibt, wer sind in dem Zusammenhang dann Sie beide? Sind Sie die Exorzisten, die den Verschwörungstheoretikern den Irrglauben austreiben und den Rest der Menschheit gegen diesen oft hanebüchenen Blödsinn immunisieren wollen?

Christian Alt: Ich würde mich als Tourist beschreiben, der den Jakobsweg geht. Der läuft so ein bisschen mit und schaut sich an, wie diese Gläubigen zu ihrem Ziel pilgern, um dann darüber zu berichten. Wir bleiben in dem Buch natürlich journalistisch, aber wir haben einen Reisebericht geschrieben über das Land der Verschwörungstheorien…

…wobei mancher, der auf dem Jakobsweg unterwegs ist, dann ja selbst konvertiert oder ein Erweckungserlebnis hat.

Christian Alt: Es war tatsächlich ganz, ganz knapp. Das Buch führt am Ende hin zu dem Oberverschwörungstheoretiker David Icke, den haben wir in Maastricht getroffen, wo wir ein zehnstündiges Umprogrammierungs-Seminar erlebt haben. Das hat 70 Euro gekostet. Und der hat dann in ungefähr 8.000 Powerpoint-Folien bewiesen, dass die globalen Eliten Echsenmenschen sind. Da fährt man dann nach Hause von diesem Termin und denkt sich: Vielleicht ist doch irgendetwas dran? Der Zweifel wächst dann schon.

Ihr Buch haben Sie nach einer besonders kruden Verschwörungstheorie betitelt, eben "Angela Merkel ist Hitlers Tochter". Was war denn das Abstruseste, das ihnen untergekommen ist? Die Echsenmenschen-Theorie?

Christian Schiffer: Tatsächlich ist die Theorie, dass Angela Merkel Hitlers Tochter sein soll, meiner Meinung nach die abstruseste Verschwörungstheorie. Das war wirklich etwas, wo man davorsaß und sich dachte: Wie kann es das geben? Noch dazu, weil diese Verschwörungstheorie hochgradig unverständlich ist. Da wird Sperma eingefroren von Hitler, die Schwester von Eva Braun trägt das dann aus. Danach mischen noch die Sowjets und die katholische Kirche mit. Ich habe echt lang gebraucht, das auseinanderzuklamüsern.

Aber es gibt ja auch die Verschwörungstheorien, bei denen man nicht sofort sagt, das ist vollkommen abgefahrener Blödsinn. Sondern solche, wo es gefährlich und unheimlich wird.

Christian Schiffer: Auf jeden Fall. Deswegen haben wir ja das Buch geschrieben. In Bayern wurde ein junger Polizist von einem Reichsbürger erschossen, der Verschwörungstheoretiker war. Es gibt Leute, die mit Laserpointern Flugzeuge herunterholen wollen, weil sie Angst haben vor Chemtrails, also sie glauben an die Idee, dass die Kondensstreifen sie vergiften, und so weiter. Da hört natürlich der Spaß auf. Und nicht zuletzt dürfen wir nicht vergessen, dass im Weißen Haus jemand sitzt, der groß geworden ist durch eine Verschwörungstheorie, nämlich Donald Trump, der die Verschwörungstheorie verbreitet hat, dass Barack Obama kein Amerikaner sei, und dadurch sehr populär geworden ist.

Was sind Verschwörungstheoretiker für Menschen? Gibt es ein klassisches Persönlichkeitsprofil?

Christian Alt: Klassisch in dem Sinne nicht. Es kann wirklich jeder Verschwörungstheoretiker sein. Auch ich würde von mir sagen, dass ich bestimmt mal in schwachen Momenten meines Lebens an Verschwörungstheorien geglaubt habe. Aber generell kann man da keine richtige Klasse bilden. Was aber auffällt, ist tatsächlich, dass es oft Menschen sind mit einer gebrochenen Biografie, die auch schon ein paar Schicksalsschläge hinter sich haben. So etwas merkt man dann schon.

Wobei Verschwörungstheoretiker ja Skeptiker sind. Und Skepsis ist ja erstmal ein gesunder Reflex, vor allem auch im Investigativ-Journalismus. Beispiel Oktoberfest-Attentat: Wer die Einzeltäterthese angezweifelt hat, galt erst auch als Verschwörungstheoretiker. Inzwischen ist das anders.

Christian Schiffer: Das stimmt. Verschwörungstheoretiker sind radikale Skeptiker. Aber sie sind natürlich auch radikale Gläubige. Sie stellen alles infrage mit einer massiven Radikalität, was von der Regierung oder Wissenschaftlern oder der so genannten "Lügenpresse" kommt, aber auf der anderen Seite sind sie sich unglaublich sicher in ihren Theorien, dass etwa die Erde eine Scheibe ist oder was auch immer.

Verschwörungstheorien hat es immer gegeben, aber sie haben gerade Hochkonjunktur. Bei der Ursachenforschung landet man schnell beim Internet – was als Erklärung erst mal mäßig spannend ist, weil das jedem durchschnittlichen Kulturpessimisten als Erstes einfällt. Spannend wird es aber, wenn zwei wie Sie das sagen, die eigentlich Internet-Junkies sind. Wobei Sie erklären, das Internet sei nur zum Teil schuld. Inwiefern stimmt die Erklärung und wo reicht sie nicht aus?

Christian Alt: Durch das Netz ist es natürlich viel, viel einfacher, sich mit anderen Verschwörungstheoretikern zu treffen. Früher, in den 80ern und 90ern, wenn ich damals daran geglaubt hätte, dass die Erde eine Scheibe ist, hätte ich mir erstmal aus irgendwelchen Katalogen obskure Bücher aus den USA schicken lassen müssen per Einschreiben und per Nachnahme. Ich hätte dann drei Wochen warten müssen und in der Zeit nochmal nachdenken können, ob das wirklich so stimmt mit der flachen Erde. Aber heute ist das alles viel einfacher. Und vor allem bewegen sich die Leute in Foren im Internet, die wie Verschwörungs-Biotope sind.

Und je mehr man im Netz die gleichen Begriffe sucht, Stichwort "Filter-Bubble", desto mehr wird man dann dort beballert mit Informationen, die die eigene Verschwörungstheorie stützen.

Christian Alt: Das mit den Filter-Bubbles ist sehr umstritten, also inwiefern es überhaupt so ein Phänomen gibt wie die Filter-Bubble. Man baut sich ja die Filter-Bubble auch zu gewissen Teilen einfach selbst aus seinem sozialen Umfeld. Wenn man aber in die Psychologie schaut, wie Verschwörungstheoretiker überhaupt zu Verschwörungstheoretikern werden, sieht man, dass sie ganz oft in ihrem Leben keine Selbstwirksamkeit erleben. Das heißt, man hat das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren über die Entscheidungen, die man tagtäglich trifft. Und dieser erlebte Kontrollverlust führt dazu, daran zu glauben, dass sich Leute gegen mich verschworen haben. Und man kann natürlich auch sagen, es ist nicht nur das Internet, sondern es ist auch eine neoliberale Sparpolitik oder die Hartz IV-Gesetzgebung, die den Leuten das Gefühl geben, dass ihnen die Kontrolle entzogen wurde.

Christian Schiffer: Ich finde, die Erklärung, dass das Internet schuld ist, die hat auch schon fast was Quasireligiöses. Natürlich kann es sein, dass das Internet eine gewisse Rolle dabei spielt. Allerdings gab es Zeiten in der Geschichte der Menschheit ohne Internet, wo der Verschwörungsglauben noch sehr viel größer war. Wenn man es immer nur auf das Internet schiebt, lenkt das auch von anderen Themen ab.

"Angela Merkel ist Hitlers Tochter. Im Land der Verschwörungstheorien" von Christian Alt und Christian Schiffer ist im Hanser Verlag erschienen.