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"Die Strategie des Christchurch-Attentäters ist aufgegangen" | BR24

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Der Attentäter von Christchurch übertrug seine Tat live über soziale Medien und schrieb ein Manifest, das nun verbreitet wird. Damit ist die Strategie des Täters aufgegangen, sagt Karolin Schwarz, Expertin für rechtsextreme Kommunikationsstrategien.

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"Die Strategie des Christchurch-Attentäters ist aufgegangen"

Der Attentäter von Christchurch übertrug seine Tat live über soziale Medien und schrieb ein Manifest, das nun verbreitet wird. Damit ist die Strategie des Täters aufgegangen, sagt Karolin Schwarz, Expertin für rechtsextreme Kommunikationsstrategien.

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50 Menschen sind in Christchurch gestorben, ermordet von einem Rechtsextremen. Reflexhaft stürzten sich die Medien auf die offenen Fragen: Was hat den Täter dazu gebracht? Wie hat er sich radikalisiert? Was wollte er erreichen? Vor allem wollte er bei seiner Tat gesehen werden und seine Botschaft in die Welt streuen. Das hat er zynischerweise geschafft. Sein Name und die Videobilder seiner Helmkamera kursieren im Netz. Sein Manifest wird gelesen und analysiert. Das sei das Resultat einer bis ins Detail geplanten Social Media-Inszenierung, sagt Karolin Schwarz, Journalistin aus Berlin, spezialisiert auf rechtsextreme Kommunikationsstrategien.

Joana Ortmann: Gehen wir noch einmal einen Schritt zurück, vor den Anschlag: Welche Strategien sind dem schon vorausgegangen?

Karolin Schwarz: Man sieht ganz klar, dass sich der Attentäter lange mit der Frage beschäftigt hat, wie er seine Ideologie und seine Strategie an möglichst viele Menschen weitertragen kann. Das heißt: er hat seine Tat angekündigt in einer eher kleinen Community, die von eher rechten Trollen frequentiert wird, hat aber auch Social Media Accounts angelegt, konkret einen Twitter-Account und einen Facebook-Account, auf dem das Ganze dann live gestreamt wurde – während der Tat. Parallel dazu hat er sein Manifest, dieses Pamphlet, über Twitter und verschiedene andere Wege verbreitet, hat es auch mehrfach hochgeladen, um dafür zu sorgen, dass dieses Dokument möglichst lange online bleibt und so möglichst viele Menschen erreicht.

Können Sie jetzt an den Reaktionen darauf ablesen, in welchem Ausmaß diese Strategie aufgegangen ist?

Nicht alle Medien sind darauf hereingefallen, aber man sieht schon, dass dieses Dokument hochgeladen wird und bei mehreren Medien in vollständiger Länge verlinkt wird. Dass es wörtlich zitiert wird oder Screenshots aus diesem Dokument verbreitet werden. Wir beobachten auch, dass das Video zumindest von einigen Medien aufgegriffen und in Auszügen gezeigt wird. Damit ist die Strategie aufgegangen. Der Attentäter wollte seine Sicht auf die Dinge zitiert wissen und hat das soweit vorbereitet, dass es sogar zitiert werden kann, falls er während der Tat selbst getötet wird.

Wenn man in dieser zynischen Logik weiter argumentiert, könnte man dann sagen: Die Inszenierung des Ganzen, die Live-Übertragung, ist am Ende für ihn wichtiger als der terroristische Akt selber?

Sicherlich wäre diese grausame Tat nicht möglich gewesen ohne die vielen Toten, aber die Inszenierung ist schon ein wichtiger Aspekt. Täter dieser Art veröffentlichen immer dieses Paket an "Begleitmaterial" zur Tat, nicht nur um die Medien zu manipulieren, sondern auch, um ihre Ideologie in die Welt zu tragen, auch um mögliche Nachahmer zu erreichen.

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Karolin Schwarz, Journalistin aus Berlin, spezialisiert auf rechtsextreme Kommunikationsstrategien

In einigen Medien wurde das Live-Video analysiert und mit einem Ego-Shooter-Spiel verglichen. Trifft das aus Ihrer Sicht zu?

Eine schwierige Frage. Diese Spiel-Referenzen sind natürlich in gewisser Weise vorhanden. Der Täter bezieht sich sogar auf dieses Klischee des Gamings, des Ego-Shooters als Grundlage für Gewalttaten und antizipiert quasi diese Deutung. Letztendlich geht es aber darum, die Dinge aus seiner Perspektive darzustellen. Das heißt, wir sehen aus seiner Sicht, wie Morde begangen werden – und das ist eben Teil dieser Inszenierung, weniger eine Referenz auf Computerspiele oder ähnliches.

Dient das dann einer Art schwarzen Mythologie?

Das kann man so sagen. Er will sich quasi zum Helden stilisieren für seinesgleichen. Das funktioniert zum Teil auch. Viele Menschen bejubeln seine Taten, laden dieses Video hoch, suchen danach. Und er selber beruft sich auf Anders Breivik, gibt ihn als Vorbild an, weil er genau die gleichen Motive verfolgt und die gleiche Technik benutzt hat, um seine Taten bekannt zu machen. Auch Breivik hatte ein Manifest, hat für Bildmaterial gesorgt und sich bei Gerichtsterminen oder an anderer Stelle immer wieder als Held inszeniert.

Das Material kursiert nach wie vor, es ist wahrscheinlich nicht mehr aus der Welt zu bekommen. Welchen Umgang damit empfehlen Sie?

Natürlich müssen sich Forscher und Sicherheitsbehörden damit auseinandersetzen. Letztendlich sollte man der Strategie des Täters aber nicht anheimfallen, sich von ihm manipulieren lassen, und das Ganze so nochmal weiterzuverbreiten. Das sollte nicht passieren, und dafür sollten auch soziale Plattformen in irgendeiner Form sorgen.

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Autor
  • Joana Ortmann
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