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Chinesische Zensur: Mongolen-Ausstellung in Nantes verschoben | BR24

© Wolfram Cüppers/Picture Alliance

Vierzig Meter hohe Dschingis-Khan-Statue aus Edelstahl

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    Chinesische Zensur: Mongolen-Ausstellung in Nantes verschoben

    Museumschef Bertrand Guillet zog die Notbremse: Weil die chinesischen Partner sich immer mehr in Wortwahl und Konzept einer großen Schau über den mongolischen Herrscher Dschingis Khan einmischen wollten, wurde das Projekt erst mal auf Eis gelegt.

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    In der französischen Presse macht der Vorfall reichlich Schlagzeilen: Das Schloss der Herzöge der Bretagne in Nantes sollte eigentlich seit diesem Monat Schauplatz einer großen Ausstellung über den legendären mongolischen Herrscher Dschingis Khan (ca. 1162 - 1227) sein. In Zusammenarbeit mit dem Museum der Inneren Mongolei in Hohhot, etwa 500 Kilometer westlich von Peking, wollte Museumdirektor Bertrand Guillet erstrangige Kunstwerke zeigen. Wegen der Pandemie war die Eröffnung bereits auf das kommende Jahr verschoben worden, aber jetzt stellt sich heraus, dass die Ausstellung so wie ursprünglich geplant überhaupt nicht stattfinden wird. Grund dafür: Offenbar zunehmende Nervosität der chinesischen Partner, die nach Auffassung von Guillet ein unangebrachtes Mitspracherecht bei Wortwahl und Konzept der Schau beanspruchten. Der Verdacht des Direktors: "Die Haltung der chinesischen Regierung gegenüber der mongolischen Minderheit im Land hat sich in diesem Sommer verschärft."

    "Wir hatten versucht zu tricksen"

    In der Autonomen Region Innere Mongolei in Nordchina leben schätzungsweise 4,2 Millionen Mongolen, die 17 Prozent der Bevölkerung in der Region ausmachen. Im September fanden dort Demonstrationen statt, um gegen Pekings Wunsch zu protestieren, Mandarin in die Lehrpläne der Schulen aufzunehmen. Das könnte dazu beigetragen haben, dass die chinesischen Behörden derzeit sensibel auf alles reagieren, was mit der mongolischen Geschichte und Kultur zu tun hat. Guillet zufolge bemängelten die Partner den Namen "Dschingis Khan" im Titel der geplanten Ausstellung und wollten auch Begriffe wie "Reich" und "Mongolen" nicht erwähnt wissen. "Wir hatten versucht zu tricksen und die Schau 'Sohn des Himmels und der Steppe' zu nennen, mit Dschingis Khan im Untertitel", so Guillet, doch auch dies wurde nicht akzeptiert.

    © Bildagentur Fischer/Picture Alliance

    Stein des Anstosses: Dschingis Khan

    Vielmehr sollen die chinesischen Fachleute auch beansprucht haben, sämtliche Texte, Karten, den Katalog und die Presseunterlagen vor der Veröffentlichung zu sichten und in ihrem Sinne abzuändern. Das vorgeschlagene neue Konzept, das von der Pekinger Verwaltung für Kulturerbe erstellt wurde, sei "tendenziös" und davon geprägt gewesen, die mongolische Geschichte und Kultur zugunsten einer rein nationalen Geschichtsschreibung zurücktreten zu lassen. Aus Pflichtgefühl und um seine "menschlichen, wissenschaftlichen und ethischen Werte" zu verteidigen, habe es das französische Museumsteam daraufhin vorgezogen, "diese Variante aufzugeben" und das heikle Thema gänzlich ohne Kooperation mit China noch einmal neu anzugehen, diesmal ausschließlich mit Exponaten aus europäischen und amerikanischen Sammlungen. Der neue Eröffnungszeitpunkt soll 2024 sein. Bertrand Guillet in der Zeitung "Ouest France": "Wir hatten mit dieser Ausstellung das Ziel, die mongolische Kultur zu fördern. Offenbar im Gegensatz zu dem, wie China seine Geschichte versteht."

    Die chinesische Vertretung in Paris reagierte auf eine Anfrage der britischen Zeitung "The Guardian" zunächst nicht auf den Vorfall.

    Centre Pompidou in Schanghai

    Der Vorgang wirft ein bezeichnendes Licht auf das schwierige Verhältnis zwischen Europa und China bei jeglicher kulturellen Zusammenarbeit. Noch im vergangenen November hatte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in Schanghai das erste und bisher einzige "Centre Pompidou" außerhalb Frankreichs eröffnet. Das Gebäude wurde von der chinesischen Seite finanziert, für den Inhalt sind die Franzosen zuständig. Die Dauerausstellung, die fünf Jahre zu sehen sein wird, hat den Titel "The Shape of Time" und zeigt Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, insgesamt rund hundert Werke. Daneben sollen Wechselausstellungen stattfinden, zur Eröffnung fünfzehn Videoinstallationen internationaler, aber auch chinesischer Künstler.

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