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Wie die Miniserie "Chernobyl" den Dark Tourism ankurbelt | BR24

© dpa/ picture alliance

Gebäude in Prypjat nahe Tschernobyl, wo vor dem GAU 50.000 Menschen lebten. Die einstige Idealstadt ist jetzt Ruine - und Touristenmagnet.

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    Wie die Miniserie "Chernobyl" den Dark Tourism ankurbelt

    Die Serie "Chernobyl" beschert HBO und Sky großes Lob – und den verstrahlten Zonen der Ukraine viele Katastrophen-Touristen. Inzwischen suchen auch prominente Influencer*innen den havarierten Reaktor für Selfies vor gespenstischer Kulisse auf.

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    Reisen zu düsteren Orten wie ehemaligen Schlachtfeldern, Konzentrationslagern und Gefängnissen sind schon eine Weile lang voll im Trend. Der neueste Hit sind allerdings Touren in Gegenden, die echt gefährlich werden können: nicht nur psychisch, weil hier Menschen Katastrophen erlitten oder unsägliche Verbrechen begangen haben, sondern auch körperlich. Gerade boomt der Dark Tourism (zu Deutsch: "Schwarzer Tourismus") in Tschernobyl, obwohl in der sogenannten "Exclusion Zone" des Reaktors noch heute die Strahlenbelastung das Zigfache der normalen Dosis einer Großstadt beträgt. Der Grund dafür, dass in diesem Jahr besonders viele Touristen aus aller Welt in die verstrahlte Gegend der Ukraine fahren, ist die Miniserie "Chernobyl", nach dem Ranking der Filmdatenbank IMDb aktuell die beste Serie der Welt.

    Der Super-GAU als US-amerikanischer Actionfilm

    HBO und Sky, die die Serie gemeinsam produziert haben, und Regisseur Johan Renck haben keine Mühen gescheut, um der – mit teils erfundenen Geschichten ausstaffierten – Serie einen dokumentarischen Anstrich zu geben. Alles stimmt: Gebäude, Kleider, Frisuren, ja sogar die Telefonapparate sehen authentisch und sowjetisch aus. Das Schwimmbad von Prypjat, der Idealstadt, die extra für Kraftwerksarbeiter von Tschernobyl aus dem Boden gestampft wurde, ist eigens für den Dreh rekonstruiert worden – und lockt mit seiner Pracht nun die Touristen und prominente Influencer in die verstrahlte Geisterstadt.

    © Sky UK Ltd/HBO

    Vor dem GAU – Film-Still aus der "Chernobyl"-Serie: Das prächtige Schwimmbad in der sowjetischen Idealstadt Prypjat

    © Bornglobals

    Das prächtige Schwimmbad heute – 33 Jahre nach dem Super-GAU

    Längst bieten viele Ukrainer in Tschernobyl Touren für neugierige Touristen an, die sich mit Geigerzähler auf die Suche nach den Schauplätzen der Serie machen. Block vier, der inzwischen mit einem sogenannten Sarkophag ummantelte Katastrophenreaktor, der verfallene Vergnügungspark von Prypjat samt Riesenrad und die verlassenen Plattenbauten der Geisterstadt sind zu Selfie-Hotspots geworden. Vergessen ist in den Schnappschüssen von dort das Leid von Abertausenden, die am 26. April 1986 und danach Opfer des Reaktorunfalls und seiner verheerenden Folgen wurden.

    Unersetzbar: Die Vor-Ort-Erfahrung

    An dieses Leid – und das Leid, das die Sowjets mit angemesseneren und schnelleren Reaktionen hätten verhindern können – des bislang größten Atom-Reaktor-Unfalls der Geschichte will die Serie "Chernobyl" mit all ihren teils erfundenen Geschichten zwar erinnern. Aber selbst Craig Mazin, einer der Macher der Serie, beschwört die Vor-Ort-Erfahrung in Tschernobyl als Erleuchtung und kurbelt so vermutlich auch wieder den Dark-Tourism in der Sperrzone an: Im Podcast zur Serie schildert Mazin seine eigene Erfahrung beim Besuch von Tschernobyl. Er sei kein religiöser Mensch, aber der Besuch habe ungeheuer religiöse Empfindungen in ihm geweckt: "Dort entlang zu gehen, wo sie gingen, unter dem selben Stück Himmel zu sein wie sie, das bringt einen ein bisschen näher an sie – und wer sie waren – heran."

    © dpa/ picture alliance

    Touristenmagnet: Das Riesenrad im Vergnügungspark von Prypjat – es war nie in Betrieb, der GAU kam dazwischen.

    Wenn die Sperrzone von Tschernobyl – nach dem Super-GAU wurde das Areal des Reaktorunfalls im Umkreis von 30 Kilometern abgesperrt – wirklich so "sicher" und nicht gesundheitsgefährdend ist, wie die Touristen-Führer behaupten, dann wäre es sinnvoll, den neuen Tschernobyl-Hype aufzufangen und mit Dokumentations- und Gedenkstätten für die Opfer und Informationszentren über Kernenergie und ihre Gefahren zu bereichern. Bislang gibt es nur in Kiew, von wo aus die Touristentouren meist ins 120 Kilometer entfernte kontaminierte Reaktor-Gebiet starten, ein Museum über die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl.

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