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"Wir bleiben mehr" in Chemnitz: Was bewirkt Musik politisch? | BR24

© Bayern 2

In Chemnitz findet auch in diesem Jahr ein Konzert für eine offene Gesellschaft statt. Mit dabei ist der Rapper Fatoni. Für ihn ist klar: Der Rechtsruck wirkt längst bis in die Mitte, man muss sich wehren – und die Zeit für Zynismus ist vorbei.

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"Wir bleiben mehr" in Chemnitz: Was bewirkt Musik politisch?

In Chemnitz findet auch in diesem Jahr ein Konzert für eine offene Gesellschaft statt. Mit dabei ist der Rapper Fatoni. Für ihn ist klar: Der Rechtsruck wirkt bis in die Mitte, man muss sich wehren – und die Zeit für Zynismus ist irgendwie vorbei.

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Der Hashtag #Wirsindmehr stand letztes Jahr für ein sehr spontan auf die Beine gestelltes Konzert in Chemnitz, ein Konzert gegen Rechts, nach den tagelangen rechtsextremen Ausschreitungen in der Stadt, ein Konzert, zu dem 65.000 Menschen kamen. Ein Jahr danach heißt es in Chemnitz "Wir bleiben mehr", wieder positioniert die Stadt sich mit Musik. Beim Line-Up in Chemnitz dabei: der aus München stammende, in Berlin lebende Rapper Anton Schneider alias Fatoni. Judith Heitkamp hat mit ihm gesprochen.

Judith Heitkamp: Ich mache mal einen geografischen Bogen und komme von Lampedusa nach Chemnitz. "32 Grad hat es auf Lampedusa", so heißt einer Ihrer Songs, in dem Sie Touri-Spaß und Flüchtlingsdrama auf der Insel gegenüberstellen. Ein Song von 2015, aus einer Zeit, als noch weitgehend Übereinstimmung darüber herrschte, dass man in Seenot Geratene an Land holen muss. Was denken Sie, wenn Sie den Titel heute hören?

Fatoni: Das war einerseits zynische Satire, andererseits war die damals auch Wirklichkeit. Ich habe Fotos gesehen von der Realität auf diesen Inseln, auch auf Lesbos zum Beispiel, wo wir damals das Video zu dem Song gedreht haben. Da gab es Urlauber, die im Urlaub sein wollten, und 500 Meter weiter, in Sichtweite, landeten die Flüchtlingsboote an. Jetzt ist es gewissermaßen noch schlimmer geworden, weil wir uns inzwischen darüber unterhalten müssen, ob man Menschen rettet, die in Seenot sind. Das ist natürlich eine schreckliche, unmenschliche Entwicklung.

Und Carola Rackete, die Kapitänin des Flüchtlingsretters Sea Watch 3, die ihr Schiff gegen den Willen der italienischen Regierung in den Hafen von Lampedusa gefahren hat, versteckt sich derzeit an einem sichern Ort … Wie beschreiben Sie die gesellschaftlichen Veränderungen in diesen letzten Jahren?

2015 war ja das Jahr der Willkommenskultur, die Menschen haben geklatscht, wenn am Münchner Hauptbahnhof Geflüchtete ankamen. Jetzt ist das umgeschlagen beziehungsweise die andere Seite ist sehr viel lauter geworden. Viele Menschen haben ihre Meinung auch ins Gegenteil verkehrt. Das ist eine schlechte Entwicklung aus Sicht der Menschlichkeit.

Herbert Grönemeyer tritt heute auch in Chemnitz auf. Er sagt, er habe immer gedacht, er sei immun gegen Rechts. Erst in den letzten Jahren habe er zum ersten Mal verstanden, wie es zugehe, wenn eine Gesellschaft nach rechts rutscht. Können Sie das nachvollziehen?

Das kann ich auf jeden Fall nachvollziehen. Ich bin ein Kind der 80er, Jahrgang 1984. Ich bin aufgewachsen in dem Bewusstsein, dass in Deutschland gewisse Dinge nie wieder gedacht und gesagt werden können und dürfen. Das fühlt sich jetzt schon so an, als wäre das nicht mehr so.

© picture alliance/Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa

"Wir sind mehr"-Konzert 2018 in Chemnitz (Auftritt von Dirk Zöllner und Band)

Was spielt die größte Rolle? Die Sprache, die ständige Wiederholung, die Provokation?

Sprache ist auf jeden Fall ein sehr zentrales Thema. Es geht um Grenzüberschreitung, und aus der folgen dann auch Taten. Extremes Gedankengut wird nicht mehr als extrem wahrgenommen. Und dann redet man über Pro und Kontra des Ertrinkenlassens von Menschen. In der Mitte der Gesellschaft, nicht nur in rechtsextremen Kreisen. In großen seriösen Zeitungen werden solche Fragen offen ausgesprochen. Das war 2015 noch nicht so, zumindest nicht in meinem Bewusstsein. Man hat schon gewusst, dass nicht unbedingt strukturell geholfen wird, aber es wurde nicht offen darüber diskutiert, ob das besser so ist, dass man Menschen ertrinken lässt.

Was ist die Konsequenz bei Ihnen? Der Song "32 Grad", über den wir gerade gesprochen haben, ist von 2015, Ihr neues Album heißt "Andorra". Dort geht es weniger politisch zu, Alltagsthemen, persönliche Themen stehen im Zentrum.

Den Eindruck macht es, das ist auf jeden Fall richtig. Ich finde das schwer zu beantworten. Die politischen und gesellschaftlichen Themen stecken in den Zwischentönen. Das hat viel mit der Form zu tun. Ich finde es generell schwierig, politische Themen in Songtexte zu packen, ohne dabei irgendwie sperrig oder peinlich zu wirken. Damals habe ich den Kunstgriff verwendet, zynisch zu sein. Das scheint mir jetzt nicht mehr angebracht, weil sich alles so verschärft hat. Und weil ich es schwach gefunden hätte, mich zu wiederholen.

Was können Musik und Text politisch bewirken?

Das ist natürlich die große Frage. Man weiß es nicht, viele sagen, gar nichts. Ich glaube, Musik von jemandem wie mir kann die eigene Hörerschaft immer wieder bestätigen, dass man nicht alleine ist mit der eigenen Meinung. Aber einen stark Rechtskonservativen oder einen Rechtsextremen oder einen Verschwörungstheoretiker mit einem Song davon zu überzeugen, seine Meinungen zu überdenken – das ist, glaube ich, sehr schwierig. Man kann ermutigen und vielleicht auch ein Bewusstsein schaffen bei nicht so politisierten Menschen.

Wir können es ja auch eine Nummer kleiner machen: Was erhoffen Sie sich von dem Konzert heute in Chemnitz?

Ich glaube, es geht ganz konkret darum, die Menschen dort, die am meisten darunter leiden, die Bewohner von Chemnitz, die keine Rechtsextremen sind, nicht alleine zu lassen. Ich kenne da nicht so viele. Aber ich habe einige getroffen, die betont haben, wie wichtig das Konzert letztes Jahr war.

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