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Wie Chemnitz um die Doku "Chemnitz – ein Jahr danach" ringt | BR24

© Bayern 2

Die Ermordung des Chemnitzers Daniel H. vor einem Jahr war Auslöser von rechtsradikalen Ausschreitungen. Wie "Chemnitz – ein Jahr danach" gegen das braune Image kämpft, zeigt eine Doku des MDR, die den Chemnitzern schon gezeigt wurde – und spaltete.

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Wie Chemnitz um die Doku "Chemnitz – ein Jahr danach" ringt

Die Ermordung des Chemnitzers Daniel H. vor einem Jahr war Auslöser von rechtsradikalen Ausschreitungen. Wie "Chemnitz – ein Jahr danach" gegen das braune Image kämpft, zeigt eine Doku des MDR. Sie wurde den Chemnitzern vorab gezeigt – und spaltete.

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Linke, Rechte, bürgerliche Mitte. Eines haben sie alle gemein: Sie können die Erinnerung an die Aufzüge vor einem Jahr kaum noch ertragen. "Da standen plötzlich Nazis und daneben standen ganz normale Leute, die überhaupt kein Problem hatten, dass neben ihnen jemand den Hitler-Gruß zeigt." sagt die eine Passantin. Die andere erinnert sich: "Wir haben die Wohnung zehn Tage lang nicht verlassen.".

Chemnitzer begegnen sich selbst bei der Vorführung der Doku

Die Bilder und Töne sind der Ausgangspunkt für den Film, die die Chemnitzer vergangene Woche als erste zu sehen kriegen sollten. Im vollen Saal viele Menschen, von denen ein Chemnitzer IT-Unternehmer im Film dann sagen wird: "Im Moment ist die politische Lage ja so, dass man nicht mal mehr miteinander redet, und dass man auch nicht den Eindruck hat, dass diese Spaltung der Gesellschaft irgendwie geringer wird." Die Vorführung des Films wird zu einer Begegnung von Chemnitzern mit sich selbst. Darunter Rechtsradikale, Rechtspopulisten, Linke, Grüne, die bürgerliche Mitte und wohl auch Chemnitzer, die sich wie im Film gerne betont unpolitisch geben: "Politik ist für mich eine Hure", sagt einer von ihnen.

Der Film zeigt eine Stadt im Ringen mit sich selbst

Marcel Siepmann, einer der fünf Filmautoren sagt: "Es ist bestimmt ein gespaltenes Chemnitz und ich glaube, das haben wir ganz gut abgebildet, die unterschiedlichen Perspektiven und Seiten gezeigt." Im Gespräch mit Siepmann ahnt man, wie die Autoren gerungen haben, um ihren Protagonisten gerecht zu werden und somit einer Stadt, die - wie Thomas Ott ein weiterer Autor betont - voller Brüche und Widersprüche ist. "Statistisch ist der Chemnitzer relativ alt im Vergleich zu anderen Großstädten in Deutschland. Und deshalb, denke ich, hat Chemnitz natürlich tatsächlich ein Problem, dass viele Leute weggegangen sind und dass Chemnitz mit diesen Problemen bis heute zu kämpfen hat. Allerdings muss man auch sagen, es gibt in Chemnitz in jeder Altersgruppe Leute, die Ideen haben, die vielleicht nicht so viel darüber reden, die aber einfach machen. Das ist eine Seite an Chemnitz, die schon sehr beeindruckend ist."

Der Film zeigt eine Stadt im Ringen mit sich selbst: ein Ringen, leiser als vor einem Jahr, seltener auf offener Straße, gelegentlich aber immer noch hoch emotional, vor allem vielfältiger und zunehmend politisch artikuliert. Wie da gerungen wird, sollte auch die Publikums-Debatte zeigen. Das erste Wort ergreift Arthur Österle, ein Mann, der im Film noch als einstiger Ordner zu erfahren ist: für Pegida, Legida und für das des Rechtsextremismus' verdächtige Pro Chemnitz.

Die Debatte über den Film gerät sehr kontrovers

Österle lobt den Film: "Mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden". Um dann zu monieren "dass zu meiner Person eine Verleumdungs-Kampagne sondergleichen angelaufen ist, die die Presse übernommen hat, blindlings ohne zu recherchieren". Das will ein Chemnitzer Hochschullehrer so wiederum nicht stehen lassen. "Wenn dieser Herr Österle sagt, von ihm ging keine Gewalt aus. Das ist eine Lüge. Ich war dort an dem Montag, ich war Gegen-Demonstrant, und wir sind von der Seite aus angegriffen worden. Die sind oft über die Straße gerannt und haben die Polizeikette durchbrochen und haben auf uns mit Flaschen geworfen und da war er Ordner und ist damit mitverantwortlich."

Gerade mal so schrammt die Debatte an einem Eklat vorbei. Österle ist neuerdings bei der AfD und so übt er sich nach seinen markigen Zwischenrufen im weiteren dann lieber doch in konzilianter Höflichkeit. Wir reden mit Menschen, die andere Töne pflegen, die eine andere Sicht haben auf die Gesellschaft auf das Eigene und auf das Fremde.

© MDR

Olafa Kanoun, Professorin in Chemnitz

"Die meisten Chemnitzer haben ein großes Herz"

Unter dem Eindruck des eben im Film Gesehenen stellen sich all die Fragen im Publikum noch einmal in einem neuen Licht. Nicht dass es an diesem Abend grundsätzlich neue Antworten darauf gibt, eines zeigt sich aber doch: Auch bei sehr zerstrittenen Chemnitzern setzt sich die Erkenntnis durch, es könnte sich lohnen, gelegentlich aufeinander zu zu gehen. Hilfreich dabei, – darauf werden sie ausgerechnet von einer Zuwanderin, der Professorin Prof. Olfa Kanoun, die aus Tunesien stammt, hingewiesen – wenn sie begriffen, was sie an Chemnitz alle gemeinsam haben. "Chemnitz ist die grünste Stadt Ostdeutschlands. Chemnitz ist sehr schön. Und die Chemnitzer, die ich kennengelernt habe, die meisten haben ein großes Herz. Die können noch lachen und die können Leute aufnehmen."

Chemnitz eine ungewöhnliche, eine immer noch aufwühlende Stadt. Die Kämpfe zwischen abschottendem Verharren und neugierigem Aufbruch werden dort nun - wie Film und Film-Debatte vermuten lassen - immer noch spannungsreich aber doch zivilisierter ausgetragen. Wie sie ausgehen, das bleibt allerdings ungewiss.

"Chemnitz – Ein Jahr danach" läuft Montag, 26. August, um 22.45 Uhr im Ersten und am Mittwoch, 28. August, um 20.45 Uhr im MDR-Fernsehen.

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