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Musikalische Quintessenz nach Knast & Nervenheilanstalt | BR24

© Mayimba Music

"I Think I'm Good" - Findet, dass er ganz okay ist: US-Drummer Kassa Overall

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    Musikalische Quintessenz nach Knast & Nervenheilanstalt

    Mal klingt es wie frischer Fusion-Jazz, mal wie autobiografischer R'n'B oder wie Clubmusik mit Trap-Beats. Souverän switcht US-Drummer Kassa Overall auf "I Think I'm Good" zwischen Jazz und Pop-Stilistiken – ganz auf der Höhe der Zeit!

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    Es ist ein Zeichen unserer Zeit, dass der Jazz, wie es in der Sportberichterstattung heißt, derzeit wieder "einen Lauf hat", also ganz vorne mitmischt in der Publikumsgunst wie in der Kraft seiner Kreationen. Trotz aller Unkenrufe ist die Welt (und eben auch die Musikwelt) diverser geworden: Vegane Speisen, früher nur für Eingeweihte zugänglich, sind mittlerweile im Mainstream angekommen. Selbst in Hollywood wurde eine südkoreanische Filmproduktion mit Oscars ausgezeichnet.

    Dass nun auch dem Jazz (und den jungen Jazz-Künstlerinnen) wieder hohe Aufmerksamkeit zuteil wird, passt da ins Bild. Rock, Pop und Techno haben sich abgenutzt und sind nicht mehr besonders innovativ. Zu guter Letzt handelt es sich beim Jazz um eine Kunstform, die schon immer die "Alternative der Alternative" war, wie das Jazzpianist Jamie Cullum einmal treffend formuliert hat.

    Erinnerungen an Jazz-Rockerfinder Weather Report

    Dass Jazz wieder zurück ist mit stilprägenden Produktionen, die auch Popmusik beinhaltet und vorantreibt, belegt eindrucksvoll der afroamerikanische Schlagzeuger Kassa Overall mit seinem brandneuen Studio-Album "I Think I’m Good". Wie viele jüngere Jazz-Künstler ist auch der Musiker aus Seattle, der seit Jahrzehnten in New York lebt, eine, was Stile und Haltungen angeht, polyglotte Figur. Auf seinem neuen Album finden sich erfrischende-Jazz-Fusion-Stücke mit den Sounds analoger Synthesizer, die an die Jazzrock-Erfinder von Weather Report erinnern. Es gibt programmierte drumpatterns zu hören, zu denen Overall auf dem konventionellen Schlagzeug spielt, sowie Passagen, in denen er rappt oder in spoken-word-Manier von seiner Kindheit erzählt: vom gemeinsamen Musizieren mit seinem Bruder, der am Saxophon dem Jazzheroen Dexter Gordon frönte.

    Flöte & Klavier mischt sich mit Telefonklingeln & linker Politik

    Das Tolle an diesem Album ist die Instrumentierung: Kassa Overall, der in der Tourband des New Yorker Stil-Brechers (und Stil-Verbandelers) Arto Lindsay gespielt hat, kennt sich aus mit ungewöhnlichen Klangfarben. Harfe und Quer-Flöte kommen ebenso zum Einsatz wie ein Konzertfügel, Trapbeats aus dem Computer mehrstimmiger Gesang. Die sonische. die klangliche Ebene der Gegenwart findet zudem in Form von Telephonklingeln und Aufnahmen der linken Polit-Aktivistin Angela Davis statt. Kassa Overall, soviel dürfte klar sein, bevorzugt wie sein früherer Arbeitgeber Arto Lindsay, die Mannigfaltigkeit der Sounds und Stile.

    Keine Songs, sondern spannender Sound-Trip ...

    Es sind keine Songs im herkömmlichen Sinne, sondern eher Fragmente, musikalische Etüden und Statements, die Kassa Overall auf "I Think I’m Good" vorführt beziehungsweise zu Gehör bringt. Geholfen haben ihm dabei diverse New Yorker Jazz-Größen, unter anderem die Free-Pianisten Craig Taborn und Vijay Iyer. Inhaltlich resümiert der 38-Jährige die Erfahrungen einer bipolaren Störung, die für Aufenthalte im Knast und in mehreren Nervenheilanstalten gesorgt hat.

    Scheint als ob nur Jazzkünstler wie Kassa Overall derzeit fähig wären, die Polystilistik der Popmusik wie des Jazz zu spiegeln und weiter zu drehen. "I Think I’m Good" ist zwar kein Meisterwerk, aber ein erfrischender, mutiger Sound-Trip anhand der Biografie des Afroamerikaners Kassa Overall.

    "I Think I’m Good" ist bei brownswood recordings, dem Label des Londoner NuJazz-Gurus Gilles Peterson, erschienen.

    © brownswood recordings/ Montage BR

    Cover von "I Think I'm Good" von Kassa Overall

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