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Die Grenzgänger: Hölderlin goes Pop | BR24

© Pressefoto: Die Grenzgänger

Hölderlin goes Pop: Die Grenzgänger haben die Gedichte von Hölderlin vertont.

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    Die Grenzgänger: Hölderlin goes Pop

    Das Cover weist den Weg: da prangt neun Mal das bekannteste Hölderlin-Konterfei in bunten Siebdruck-Designs à la Andy Warhol. Musikalisch geht es ähnlich bunt zu – die Grenzgänger interpretieren Hölderlin-Texte zu Folk, Blues, Walzer und Reggae.

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    Gegründet wurden die Grenzgänger 1989 als Folkband. Sie widmeten sich anfangs vor allem der Aufgabe, verschollene und in Vergessenheit geratene Volkslieder für ein zeitgenössisches Publikum wieder attraktiv zu machen, etwa Emigrantenlieder von Auswanderern nach Amerika oder Lieder des Märzaufstands 1920 im Ruhrgebiet. Zum Teil thematisieren sie die Bezüge zur Gegenwart und bearbeiteten die Lieder textlich und musikalisch.

    Tradition und Preise

    Fünf Mal wurden die Grenzgänger für ihre Alben schon mit dem "Preis der deutschen Schallplattenkritik" ausgezeichnet, zum Beispiel 2002 für "Knüppel aus dem Sack". Da lieferte ihnen Hoffmann von Fallersleben die Textvorlagen, dem wir auch die deutsche Nationalhymne verdanken. Später vertonten sie Lieder des revolutionären Arbeiterdichters Georg Herwegh oder Gedichte des jungen Karl Marx. An Friedrich Hölderlin interessiert sie die "teilweise erstaunliche Aktualität" seiner Gedichte, denn Hölderlin schreibe "in einer bis heute modernen Sprache von der 'bleiernen Zeit', die alles Lebendige erstarren lässt, von der Sehnsucht nach Liebe und Schönheit und der Gewissheit, dass der Mensch von Natur aus gut ist."

    Leben und Wirkung

    Zu Lebzeiten war Friedrich Hölderlin wenig bekannt. Nur ein Bruchteil seiner Werke erschien in gedruckter Form, zeitweise musste er sich als Hauslehrer durchschlagen. Unter den Intellektuellen seiner Zeit wurde er allerdings geschätzt – mit den Philosophen Hegel und Schelling bildete er zu Studentenzeiten eine Wohngemeinschaft, Friedrich Schiller war zeitweise sein Mentor und stellte ihn gern als seinen "liebsten Schwaben" vor. Nach einem psychischen Zusammenbruch lebte Hölderlin die letzten Jahrzehnte seines Lebens dann in einem Turmzimmer in Tübingen und schrieb nur noch für die Schublade.

    © picture alliance/Heritage-Images

    Er war Schillers "liebster Schwabe": Johann Christian Friedrich Hölderlin. Seine Geburt jährt sich 2020 zum 250. Mal.

    Als Hölderlin im 20. Jahrhundert vom Kreis um den Dichter Stefan George wiederentdeckt wurde, setzte eine bis heute anhaltende Wirkungsgeschichte ein. Sein hymnischer Stil und seine oft fragmentarischen Texte haben Lyriker*innen wie Ingeborg Bachmann, Georg Trakl und Paul Celan nachhaltig beeinflusst. Die Nationalsozialisten reklamierten ihn wegen patriotischer Verse wie "Der Tod fürs Vaterland" für sich, gleichzeitig vertonten aber auch Nazi-Gegner wie Paul Hindemith und Hanns Eisler seine Gedichte und der jüdische Komponist Viktor Ullmann schuf noch 1943 im KZ Theresienstadt Hölderlin-Lieder.

    Dichtung und Songwriting

    Auch die Grenzgänger interessieren sich vor allem für den von der französischen Revolution inspirierten Freiheitsdichter, für den eigenwilligen Romantiker mit seiner "Zornigen Sehnsucht", für den Philosophen, der mit "Rosseau" einem seiner Vorbilder huldigt und mit "Blödigkeit" tatsächlich – zumindest aus heutiger Sicht – so etwas wie einen durch und durch positiven Rap-Text geschrieben hat. Was den Brückenschlag in die Gegenwart anbelangt: Zwar tasten die Grenzgänger die Formulierungen Hölderlins nicht an, aber beim Umbau seiner oft länglichen Werke in Songs nehmen sie sich Freiheiten. Sie lassen manchmal Strophen weg, wiederholen andere als Refrains. Und sie gewinnen der Rhythmik der Hölderlinschen Verse oft überraschende Facetten ab, etwa wenn sein "Lebenslauf" im Walzertakt vorgetragen wird.

    Poesie und Pop

    Überhaupt ist die musikalische Bandbreite des Albums verblüffend – als hätten die Grenzgänger am Beispiel Hölderlins zeigen wollen, wie gründlich sich ehemalige Folk-Musiker andere Genres aneignen können. Das "Schicksalslied" kommt als Zeitlupenballade in Tom-Waits-Manier daher, die "Hymne an die Freiheit" wird zum folkig-hymnischen Reggae und wenn in "So kam ich unter die Deutschen" Hölderlin am deutschen Wesen kaum ein gutes Haar lässt, dann wird das mit einem coolen Motown-Rhythmus unterlegt und beim Refrain auch noch von nimmermüden Bläsern.

    © Pressefoto: Helena Wuttke

    Die Grenzgänger gründeten sich als Folkband, jetzt haben sie Hölderlin vertont.

    Die Grenzgänger Michael Zachcial (Gesang, Gitarre), Anette Rettich (Cello, Gesang), Felix Kroll (Akkordeon, Gesang) und Frederic Drobnjak (Gitarre) haben diesmal viele Gastmusiker an Schlagzeug, Bass, Saxophon, Geige und Mundharmonika ins Studio geladen. Und sie haben ein Album eingespielt, das den Spagat zwischen Folk und Pop wie einen kleinen, eleganten Tanzschritt wirken lässt. Über die Musik und den ausdrucksstarken Gesang von Michael Zachcial rückt einem der vor 250 Jahren geborene Dichter plötzlich ungewohnt nahe – und wer weiß: vielleicht haben die Grenzgänger Hölderlin in seinem Jubiläumsjahr eine Menge Fans verschafft, die sonst von dem schwäbischen Dichter kaum mehr als den Namen gekannt hätten.

    „Die Grenzgänger: Hölderlin“ ist beim Müller-Lüdenscheidt-Verlag / Broken Silence erschienen.

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