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Warum jetzt eine gute Zeit ist, über Autorität nachzudenken | BR24

© Audio: BR/ Bild: Horst Galuschka/ dpa picture alliance

Die Schweizer Philosophin Catherine Newmark im Gespräch mit Barbara Knopf über Autoritäten - und warum wir ihnen Glauben schenken.

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Warum jetzt eine gute Zeit ist, über Autorität nachzudenken

Die Corona-Krise ist auch eine Zeit der Autoritäten: Staaten beschließen weltweit rigide Maßnahmen, Wissenschaftler werden zu Medienstars. Lernen wir gerade einen neuen Umgang mit Autorität? Antworten der Schweizer Philosophin Catherine Newmark.

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Warum auf Autoritäten hören? Gute Frage, gerade in Zeiten von Corona und weltweiter autoritärer Maßnahmen wie Ausgangssperren. Aber die Schweizer Philosophin Catherine Newmark hat ihren Essay "Warum auf Autoritäten hören?" vor der Pandemie geschrieben, um einen sehr virulenten Punkt unserer liberalen Gesellschaft zu hinterfragen: Wie viel Autorität wollen oder brauchen wir eigentlich, und zwar nicht nur, um reaktionäre Bedürfnisse zu erfüllen? Barbara Knopf hat mit Catherine Newmark für die kulturWelt gesprochen.

Barbara Knopf: Wir müssen mit der Corona-Krise beginnen: Da haben wir ganz ungewohnte Erfahrungen mit staatlicher Autorität erfahren, einen plötzlichen, sehr harten Einschnitt in unsere offene Gesellschaft, das war so ja bis vor kurzem nicht vorstellbar!

Catherine Newmark: Ja, das ist natürlich immer die Frage: Ist das eine autoritäre Ansage, geht es um die Botschaft, ihr macht jetzt mal, was wir sagen, oder- und das scheint mir zumindest bei Kanzlerin Merkel sehr stark der Fall zu sein-, ist es ein Appell an uns als Gesellschaft, an unsere eigene Einsicht. Wenn es einfach heißt, sorry, wir können euch das nicht erklären, aber ihr müsst das mal machen, dann würde das natürlich zu sehr viel mehr Widerstand führen, als bisher. Auch wenn es durchaus skeptische Stimmen gibt, aufzupassen, dass dieser Ausnahmezustand nicht zur Norm wird.

Also kommt es auf die Kommunikationsform an, aber wahrscheinlich auch darauf, wofür man Autorität einsetzt: Um Missbrauch zu erzeugen oder um Verantwortung zu übernehmen?

Genau. Die Frage nach der Autorität eines Politikers oder einer Politikerin bemisst sich ganz massiv auch an deren persönlicher Glaubwürdigkeit: Inwiefern wir ihnen zutrauen, dass sie das im Interesse des Gemeinwohls tun und vertrauen, dass sie glaubwürdige, plausible Autoritäten sind, die durchaus auch um die Begrenzung ihrer Macht und ihrer Autorität wissen. Die also schon wissen, dass ihre Legitimität sich auf den Volkswillen stützt. Damit erwecken sie mehr Vertrauen als die Agierenden in osteuropäischen Ländern oder in anderen Staaten, wo man das Gefühl hat, hier sind Politiker am Werk, denen ich nicht unbedingt zutraue, dass ihnen klar ist, wo die Grenzen ihrer Macht und Autorität sind.

Das Interessante ist ja: Die Populisten sind erstaunlich leise in dieser Krise?

Ich weiß nicht, ob sie leise sind oder ob wir ihnen einfach nicht mehr zuhören, weil wir anderes zu tun haben! Aber immerfort diese Zweifel zu säen, Wissenschaft ist Humbug, wir können uns auf die Wissenschaftler und die staatlichen Institutionen nicht verlassen – diese Art von Populisten, die sind gerade nicht so hoch im Kurs. Denn im Moment dreht sich alles um eine Krankheit, ein Virus, das tatsächlich nur mit den Mitteln der modernsten Wissenschaft erforscht, verstanden und behandelt werden kann. Da sind wir doch eigentlich ganz froh, Autoritäten zu haben, die wissenschaftsaffin sind, wie beispielsweise Doktor Christian Drosten von der Berliner Charité mit seinem NDR-Corona Podcast. Ein Beispiel für einen Wissenschaftler, der in der Öffentlichkeit ganz viel Autorität genießt, obwohl er eigentlich dauernd darauf hinweist, dass er selber nicht alles weiß. Das ist eine ganz leise Experten-Autorität, die er ausübt. Keine brachiale autoritäre Attitüde, die vorgibt, alles zu wissen. Und das ist im Moment, wie ich finde, sehr viel beruhigender.

Sie haben Ihren Essay "Warum auf Autoritäten hören?" vor Corona geschrieben. Was bedeutet denn Autorität überhaupt? Die einen sehnen sich ja danach, die anderen weisen das völlig von sich...

Wenn man es ganz grundlegend ansieht, heißt Autorität: Jemand, der über mehr Wissen verfügt oder auch mehr Wirkmöglichkeiten, übernimmt Verantwortung und übt diese Macht und dieses Wissen verantwortungsvoll aus. Wir autorisieren diese Person dann, das heißt: Wir anerkennen diese Autorität. Da wir nicht genug Kraft haben, alles selber zu regeln, müssen wir uns auf andere verlassen können. Andererseits reagieren wir auf Autorität allergisch, weil Autorität historisch gesehen auch sehr oft missbräuchlich war oder aber als missbräuchlich kritisiert wurde. Die ganze Geschichte der Neuzeit ist eigentlich eine Geschichte der Kritik an Autoritäten, von der Aufklärung im 17. Jahrhundert bis zum Feminismus des 20. Jahrhunderts findet man immer die Kritik an Autoritäten, die man als illegitim aufgefasst hat. Das ist ein ganz zentrales Motiv unserer Kulturgeschichte.

Ich fand auch interessant, dass sich eigentlich am längsten die väterliche Autorität im Haushalt gehalten hat.

Ja, das finde ich auch eine interessante Ungleichzeitigkeit, die möglicherweise auch einiges an der Jetztzeit erhellen kann. Denn wir haben im Politischen schon ganz lange die Kritik an der Autorität von monarchischen, sehr hierarchischen Gesellschaften. Das beginnt ganz früh mit der Aufklärung, mit der Französischen Revolution, mit der Absage an die Autorität der Kirche, der Säkularisierung, die sich nach und nach entwickelt. Aber man lässt lange den Familienbereich unangetastet – der Ehemann und Vater bleibt sehr lange relativ unangefochten die Autorität in der Familie. In Deutschland zum Beispiel wurde das Eherecht erst in den 1970er-Jahren dahingehend reformiert, dass keine Vorherrschaft des Ehemanns über die Ehefrau mehr besteht. In diesem Sinne ist die Entwicklung sehr jung. Und man sieht auch: Es gibt einen Backlash. Ich glaube, der Erfolg der derzeitigen populistischen Inszenierungen von Autorität, die ganz stark auch mit Männlichkeit flirten, ist: Da geht es ganz stark darum, sich als Mann zu inszenieren, als richtiger Mann, als starker Mann. Das hat auch damit zu tun, dass wir, wie ich denke, Autoritäten durchaus brauchen – und uns genau diese Bilder von Autorität vertraut sind, weil sie im kulturellen Repertoire schon so endlos lange existieren.

Das heißt, wir bräuchten ein neues kulturelles Repertoire?

Ja, wir bräuchten andere Bilder. Das Problem an einer leisen Experten-Autorität oder einer mütterlichen Autorität, die sehr viel weniger bildgewaltig und machterfahren daherkommt, ist doch: Es handelt sich um Bilder, die ein bisschen weniger sexy sind.

Sie haben den Ausgangspunkt Ihrer Überlegungen auch in der Familie angesiedelt, in der Eltern-Kind-Beziehung, wo heutzutage nicht mehr so sehr Gehorsam eingefordert, sondern viel erklärt wird. Das bringt dann auch eine andere Generation hervor – das zeigen Ihre Beobachtungen zu Fridays for Future sehr deutlich.

Ja, wenn man die Fridays for Future mal vergleicht mit den Achtundsechzigern, stelle ich fest: Den Achtundsechzigern ging es darum, Autoritäten grundsätzlich anzugehen, also gegen diese autoritären, auch faschistischen Väter zu kämpfen. Den Fridays for Future geht es absolut null darum, sich gegen Autoritäten aufzulehnen. Sie sagen: Ihr habt doch jetzt diese Autorität, dann macht das mal richtig, seid mal irgendwie "gelungene Autoritäten"! Zur Autorität gehört eben, dass man Verantwortung übernimmt. Verantwortung für die Gesellschaft, für die Zukunft, für den Planeten. Und wenn Ihr das nicht macht, dann seid ihr einfach keine glaubwürdigen Autoritäten. Dann würden wir gerne, dass ihr euch da entweder ändert oder zurücktretet und andere ranlasst!

"Warum auf Autoritäten hören?", der Essay von Catherine Newmark, ist im Duden Verlag erschienen.

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