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Cate Blanchett ist in "Bernadette" die Wucht in Zuckertüten | BR24

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Sie ist ein irrer Hybrid aus Wucht und wackliger Würde: Cate Blanchett spielt in "Bernadette" eine selbstbewusste Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs. Auf schauspielerischer Ebene ist das eine Meisterleistung. Der Rest ist Geschmackssache.

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Cate Blanchett ist in "Bernadette" die Wucht in Zuckertüten

Sie ist ein irrer Hybrid aus Vehemenz und wackliger Würde: Cate Blanchett spielt in "Bernadette" eine selbstbewusste Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs. Schauspielerisch ist das eine Meisterleistung. Der Rest ist Geschmackssache.

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Es gibt eine Szene in Richard Linklaters neuem Film, bei der man nicht weiß: Soll man jetzt lachen oder weinen? Bernadette, die titelgebende Hauptfigur, fährt mit ihrer 15-jährigen Tochter Bee im Auto. Aus dem Radio tönt Cindy Laupers 80er-Jahre-Hit "Time after time". Und die beiden tun, was man eben so macht, wenn die Welt mit all ihrem Gefühlschaos plötzlich in einen einzigen Song gepresst zu sein scheint: Sie singen lauthals mit.

In der tragikomischen Szene artikulieren Mutter und Tochter etwas, das sie zuvor stillschweigend in sich eingeschlossen haben: den nahenden Trennungsschmerz. Bald schon wird Bee das Elternhaus in Seattle verlassen und auf eigenen Wunsch in ein Internat, in eine fremde Stadt ziehen. Die symbiotische Beziehung der beiden wird erstmals durchschnitten, der vertraute Alltag muss neu sortiert werden. Ein emotionales Desaster.

Solitär und Epizentrum in einem

Wollte man ein vernichtendes Urteil über Linklaters Film abliefern, könnte man dieses Stimmungsbild auch als Kurzzusammenfassung stehenlassen: ein emotionales Desaster. Aber ganz so einfach beziehungsweise ganz so schlimm ist es dann doch nicht. "Bernadette" ist zwar oft hochgradig kitschig und hat kaum etwas von dem dialoglastigen Naturalismus, der viele Linklater-Filme auszeichnet, aber dafür hat die Tragikomödie etwas, das sogar bei einem so sensibel agierenden Regisseur wie Linklater Seltenheitswert hat: eine Protagonistin, die alle anderen Figuren überragt und so zentral ist für die Geschichte, dass man sie ohne weiteres als Epizentrum bezeichnen kann. Und als solches muss Bernadette heftigsten Erschütterungen standhalten.

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Sieht aus wie bei Wes Anderson, ist aber ein Film von Richard Linklater: die Tragikomödie "Bernadette"

Denn die Ende Vierzigjährige ist extrem labil, seit gut und gerne zwanzig Jahren. Die bevorstehende Trennung von ihrer Tochter wirft sie endgültig aus der Bahn. Cate Blanchett spielt diese eigentlich selbstbewusste Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs mit Wucht und wackliger Würde. Ihr Gesicht ist eine irrlichternde Leinwand der Gefühlsschwankungen, eingerahmt von einem Anna-Wintour-Bob. Selbst wenn es zur Hälfte hinter einer überdimensionierten Sonnenbrille verschwindet, ist ihre Unberechenbarkeit spürbar. Denn die Brille ist kein Schutzschild, sondern ein Warnhinweis: Wer nicht zur Familie gehört, sollte ihr keinesfalls zu nah kommen.

Arg reduzierte Romanvorlage

Warum sie so ist, warum sie jede noch so simple Aufgabe von einer indischen Sprachassistentin erledigen lässt und warum die Familie in einer wild eingewachsenen und halb verfallenen Villa inmitten eines Neureichen-Viertels wohnt, all das klärt sich mit fortschreitender Filmhandlung. Es sei denn, man kennt die Romanvorlage. Denn "Bernadette" basiert auf einem Bestseller, einer in Brief- und Dialogform verfassten Krimikomödie von Maria Semple. Deren deutscher Titel lautet "Wo steckst du, Bernadette" und setzt auf Doppeldeutigkeiten.

Einerseits geht es im Roman um die irgendwann auf der Strecke gebliebene kreative Persönlichkeit von Bernadette, die früher eine Architektin mit Geniestatus war. Andererseits geht es um die Klärung ihres rätselhaften Verschwindens, das von ihrer Tochter in akribischer Detektivarbeit aufgedeckt wird. Im Film wird dieser Part nahezu komplett eliminiert und eher unmotiviert ans Ende der Handlung gepackt. Spannend ist "Bernadette" also nicht. Schräg und absurd unterhaltsam, das schon. Aber zu den Linklater-Meisterwerken zählt die überzuckerte Romanverfilmung keinesfalls. Sehenswert ist "Bernadette" vor allem aus einem Grund – und der heißt Cate Blanchett.

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