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"Justiz" von Friedrich Dürrenmatt am Schauspielhaus Zürich
© Schauspielhaus Zürich
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"Justiz" von Friedrich Dürrenmatt am Schauspielhaus Zürich

Vordergründig ist der Roman von Friedrich Dürrenmatt ein Krimi, in Wahrheit aber eine philosophische Abhandlung. "Justiz“ heißt das Ganze, aber es geht natürlich um den Unterschied zwischen Recht-Sprechung und Gerechtigkeit; es geht aber auch um Selbstgerechtigkeit und diverse sehr Schweiz-spezifische Orte und Figuren. Der Politiker Isaak Kohler erschießt in einem Nobel-Lokal den Literaturprofessor Winter, fährt sodann einen Gast an den Flughafen und geht in die Oper, danach lässt er sich festnehmen.

Ein Mord scheinbar ohne Motiv, der Täter bekannt – das ist die hohe Schule des Kriminalromans. Natürlich ist das alles für Dürrenmatt nur ein Vorwand für viel weitergehende Reflexionen. Denn Kohler, der Täter, wird zwar verurteilt und landet im Knast, aber das Verfahren war schludrig geführt und hat Formfehler. Der Täter beauftragt – aus dem Gefängnis heraus – den ziemlich heruntergekommenen Rechtsanwalt Spät mit einer Gegen-Recherche, um ein neues Verfahren zu erreichen. Und Kohler wird tatsächlich freigesprochen – von einem Mord, den er zweifelsfrei begangen hat.

Ein Dürrenmatt wie ein Dostojewski

Für Frank Castorf ist die Dürrenmatt-Vorlage mindestens so ausufernd und widersprüchlich wie ein Dostojewski. Die angesagte Spieldauer von fünf Stunden wird nochmal um eine halbe Stunde überschritten. Der Rechtsanwalt Spät, den der grandiose Alexander Scheer als eine Art versoffene, verhurte Philip-Marlowe-Version spielt, taucht immer tiefer ein in ein Schweizer Netzwerk aus Intrigen und Waffenhandel in den besten Kreisen. Und Robert Hunger-Bühler gibt den Mörder Kohler wie gewohnt mit düsterer Attitüde und diabolischem Grinsen – und bringt die Figuren dieses Puzzles durcheinander wie ein Billardspieler, der die Kugeln gegeneinander stößt. Das ist die Haupt-Metapher, mit der auch Castorf arbeitet. Am und auf dem Billardtisch finden wesentliche Szenen statt; der Tisch wiederum steht in einem gigantischen, Corbusier-haften Haus, das Aleksandar Denic auf die Drehbühne gebaut hat: Sitz eines Restaurants, das bei Dürrenmantt "Du Théâtre" heißt – aber gemeint ist natürlich die "Kronenhalle“, berühmter Treffpunkt der Züricher besseren Kreise am Bellevue.

Reaktionäres Stadttheater in postdramatischem Gewand

Dieser Schweiz-Bezug wird auch von der Inszenierung weidlich ausgeschlachtet, freilich auf eine sehr unschweizerisch-postdramatische Art. Denn Castorf hat den Roman mit weiteren, essayistischen Dürrenmatt-Texten angereichert und lässt seine Protagonisten ausufernde Fensterreden halten. Besonders Ueli Jaeggi macht sich hier verdient, während der Rest des Ensembles hinter der Bühne wahrscheinlich in der Kantine sitzt und Tee trinkt (oder anderes…).

Im Ernst: Castorf reiht einen enervierenden Monolog an den nächsten und zoomt mit der Wackelkamera ständig nah an die Figuren heran, während zwei heftig aufgezäumte Schauspielerinnen als Nutten aus dem Züricher Rotlicht-Milieu nur mäßige Erotik verbreiten. Der Recherche-Gang in die Schweizer Unterwelt, zu einer gewissen Frau Steiermann, dauert jedenfalls deutlich zu lange – und ist eigentlich ja auch nur Vorwand für die üblichen Castorf-Etüden. Der Regisseur hat offensichtlich mit den Schauspielern kaum gearbeitet, sondern lässt sie meist nur pathetisch deklamieren oder sich sportlich ins Zeug werfen: Das ist im Grunde altes, reaktionäres Stadttheater in postdramatischem Gewand. Nach der Pause ist der Zuschauerraum halb leer, und beim Schlussapplaus nachts um 0.30 Uhr applaudieren erschöpfte Castorf-Fans, von denen allerdings einige zuvor schon selig schlummerten. Dürrenmatts These, dass wir an der Freiheit zugrunde gehen, wird von Frank Castorf wieder einmal beeindruckend beglaubigt.

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