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Was Carolin Emcke in der #MeToo-Debatte fehlt | BR24

© picture-alliance/Sven Simon

Schriftstellerin und Publizistin Carolin Emcke

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    Was Carolin Emcke in der #MeToo-Debatte fehlt

    Noch ein Buch über #MeToo? Ja, und was für eines! In „Ja heißt ja und…“ denkt Carolin Emcke über Sexualität, Macht und Abhängigkeiten nach. Die Autorin schont auch sich selbst nicht – und plädiert für mehr Achtsamkeit.

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    Sie versteht die Männer nicht. Sie versteht nicht, wie jemand einen Bademantel trägt, wenn er eine Frau erwartet, eine junge Kollegin, eine abhängige Schauspielerin oder eine Hotelangestellte. Und sich dann vor der Frau entblößt. Aber wenigstens ist dann alles klar. Wenigstens finden Männer, die es für normal halten, von Frauen jederzeit und überall Sex einfordern zu können, kaum noch Unterstützer.

    Emcke wehrt sich gegen die immer noch gern vorgebrachte Schutzbehauptung, die Frauen hätten es doch besser wissen müssen. Was hätte die Hotelangestellte erwarten müssen, als sie das Hotelzimmer von Dominique Strauss-Kahn betrat, um sein Zimmer zu reinigen? Was eine junge Schauspielerin, die zu einem Vorstellungstermin eingeladen wird? Muss sie von jedem Mann erwarten, dass er die Grenzen der Professionalität außer Acht lässt und sich gegen den Willen einer Untergebenen einfach nimmt, was nie Gegenstand der Verhandlung hätte sein dürfen?

    Eine Karte emotionaler Abhängigkeiten

    Schwieriger sind für Carolin Emcke Grenzbereiche. Sie zweifelt, sie ringt danach, die richtigen Worte zu finden. Natürlich muss Nein auch Nein heißen. Aber gibt es Zwischenzonen? Sicher nicht beim mächtigen alten weißen Mann, der seinen Bademantel vor einer Hotelangestellten öffnet, weil er sich sicher ist, ein Recht auf Sex auch ohne Einverständnis zu haben. Aber sind alle Situationen so eindeutig? „Es gibt auch die Macht des Charismas, die Macht aus Nähe, Macht durch Erfahrung, durch Wissen, durch Aura, Macht, die Bewunderung auslöst und durch Bewunderung bestätigt wird“, schreibt Carolin Emcke. Und genau dieser Bereich werde nicht beleuchtet durch Slogans wie #MeToo oder sein französisches Gegenstück „balance ton porc - Verpfeif dein Schwein“. Es gäbe eben auch Situationen, in der eine echte Nähe missbraucht werde. Was es unendlich schwierig mache, das Geschehene zu erklären oder es gar anzuklagen. Weil dann die Bewunderung für ein Werk abgewogen wird gegen den Missbrauch (Was übrigens auch erklärlich macht, warum Opfer oft Jahrzehnte brauchen, um wie im Fall von Michael Jackson sich überhaupt als Opfer zu sehen). „Es braucht eine Phänomenologie der emotionalen Abhängigkeiten, die in der allzu unscharfen Vorstellung von Macht als Herrschaft verlorengehen“, fordert Emcke. Damit kommende Generationen verstehen, was mit ihnen geschieht. Und es eines Tages nicht mehr mit ihnen geschieht. Aber eben trotzdem ein Raum bleibt, sich zu begegnen, sich zu berühren.

    Kein Ende des Flirtens

    Emckes Buch ist ein extrem wichtiger Beitrag zur #Metoo-Debatte. Die Publizistin macht es sich nicht einfach. Sie nennt selbst ein Beispiel, in dem sie nachträglich erkennen musste, nicht entschieden genug für eine Freundin eingetreten zu sein. Sie beleuchtet die blinden Flecken der Debatte. Und weist daraufhin, aufeinander zu achten, sorgsam miteinander umzugehen, bedeutet auf keinen Fall das Ende des Flirts, bedeutet auf keinen Fall ein Beschneiden sexuellen Begehrens. „Tugendterror“, ein Wort, das sie erst einmal für einen Druckfehler hielt, ist für Emcke die letzte sprachliche Verteidigungsbastion einer (zumeist männlichen) Macht, der ihr Gegenüber komplett gleichgültig ist. Und auf so einen Sex können alle gut verzichten.

    Carolin Emcke: "Ja heißt ja und ..." ist im S. Fischer Verlag erschienen.

    Im Nachtstudio liest die Schauspielerin Katja Bürkle am 9. Juli einen Ausschnitt aus Emckes Text.

    In den Münchner Kammerspielen tritt Carolin Emcke am Mittwoch, 10. Juli mit ihrer gleichnamigen Performance "Ja heißt ja, und" auf.

    © S.Fischer/ Montage BR

    Carolin Emcke: Ja heißt ja und ...

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