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Carola Lentz wird 2020 neue Präsidentin des Goethe-Instituts | BR24

© Stefan F. Sämmer/Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Carola Lentz

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    Carola Lentz wird 2020 neue Präsidentin des Goethe-Instituts

    Die renommierte Mainzer Afrika-Spezialistin wird Klaus-Dieter Lehmann nachfolgen, der die deutsche auswärtige Kulturpolitik seit 2007 maßgeblich geprägt hat. Carola Lentz forschte über Migrationskonflikte - und trat Thilo Sarrazin entgegen.

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    Carola Lentz wurde am vergangenen Freitag vom Präsidium des Goethe-Instituts in einer Sondersitzung gewählt, heißt es in einer Mitteilung des Auswärtigen Amts. Die Ethnologin promovierte 1987 an der Universität Hannover. Sie habilitierte mit einem Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft, war ab 1996 Professorin für Ethnologie an der Goethe-Universität Frankfurt und ist seit 2002 Professorin für Ethnologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Gastprofessuren und Fellow-Aufenthalte führten sie nach Frankreich, in die Niederlande, in die USA und nach Südafrika.

    "Gemeinsamkeiten mit syrischer Intellektueller"

    Im Sommer 2016 veröffentlichte die Professorin "einige begriffliche Lockerungsübungen", in denen sie entschieden den Thesen von Thilo Sarrazin widersprach. So sei es unzutreffend, dass Konflikte sich zwischen Gruppen häuften, die kulturell sehr unterschiedlich seien. Vielmehr habe es blutige Bürgerkriege gerade unter Völkern gegeben, die sich sehr ähnelten, etwa in Jugoslawien und Ruanda. Außerdem kritisierte Lentz einen "Kulturfundamentalismus" und bezweifelte, dass Sprache, Kultur und Volksgruppe zwingend zusammengehörten und sich voneinander abgrenzen müssten. Wörtlich schrieb Lentz: "Einzelne Menschen gehören gleichzeitig – oder in ihrer Lebensgeschichte nacheinander – unterschiedlichen Kollektiven an. So hätte ich etwa in vielen Hinsichten persönlich mit einer sechzigjährigen syrischen Intellektuellen der oberen Mittelklasse mehr Gemeinsamkeiten als mit einem überzeugten bäuerlichen AfD-Wähler in Oberfranken oder einem arbeitslosen Hauptschul-Dropout und Heavy-Metal-Fan im Ruhrgebiet."

    Außenminister Heiko Maas zeigte sich über die Personalentscheidung erfreut: "Mit Frau Professor Lentz wird das Goethe-Institut erneut eine Frau an der Spitze haben und dazu eine ausgewiesene Spezialistin für Afrika. Es setzt mit dieser Entscheidung auch inhaltlich einen Schwerpunkt, der uns besonders am Herzen liegt, und ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit gerade zum Thema Afrika, aber auch darüber hinaus." Maas erhofft sich von der Arbeit des Instituts "neue Zugänge zu Bildung und Kultur" und ein "zivilgesellschaftliches Wirken" .

    Erfahrungen auf mehreren Kontinenten

    Lentz forschte zu Beginn ihrer Karriere in Südamerika und ist in den letzten Jahrzehnten regelmäßig in Westafrika tätig. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Nationalismus, Kolonialismus und Erinnerungspolitik. 2014 wurde ihr Buch "Land, Mobility, and Belonging in West Africa: Natives and Strangers" über die Migration im nördlichen Ghana und südwestlichen Burkina Faso ausgezeichnet. Es geht darin um die immer schwerer werdende Abgrenzung zwischen Einheimischen und Neuankömmlingen, um die Landverteilung und die gesellschaftlichen Folgen der Wanderarbeit.

    Johannes Ebert, der Generalsekretär des Goethe-Instituts, lobte die bisherige Arbeit von Lentz und verwies darauf, dass die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik weiter an Bedeutung zunehmen werde: "Deshalb ist es wichtig, dass die oberste Repräsentantin und Vorsitzende des Aufsichtsgremiums unserer Institution sich in Auslandsstationen auf mehreren Kontinenten intensiv mit zentralen Themen des globalen Diskurses beschäftigt hat und dieses Wissen und diese Erfahrungen für das Goethe-Institut fruchtbar machen wird."

    "Kulturarbeit braucht Verlässlichkeit"

    Das Goethe-Institut soll die deutsche Sprache fördern und die kulturelle Zusammenarbeit im Ausland stärken. Derzeit gibt es 157 Institute in 98 Ländern. Im vergangenen Jahr besuchten allein rund 244 000 Menschen die Deutschkurse des Instituts im Ausland. Finanziell unterstützt wird das 'Goethe' vom Auswärtigen Amt. Lentz wird die zweite Frau an der Spitze der Einrichtung sein. Von 2002 bis 2008 hatte die frühere Verfassungsrichterin Jutta Limbach das Amt ausgeübt.

    Klaus-Dieter Lehmann, der am 18. November 2020 aufhört, kommentierte die Nachfolge-Entscheidung auf der Internetseite des Goethe-Instituts mit den Worten: "In unseren kurzatmigen Zeiten ist die frühzeitige Entscheidung für meine Nachfolge ein wichtiges Signal für die Wertschätzung des Goethe-Instituts. Auswärtige Kulturarbeit braucht Verlässlichkeit! Dass eine renommierte Wissenschaftlerin mit einem internationalen Netzwerk künftig die Geschicke lenken wird, begrüße ich sehr. Bildung und Kultur sind für mich ein Begriffspaar."

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