BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

"Das Schönste ist, wenn ich tief im Kopf eines anderen bin" | BR24

© Bayern 2

Carmen Buttjer ist gleich mit ihrem Debüt "Levi" für den Bayerischen Buchpreis nominiert. Im Interview erzählt sie, wie sie auf ihre ungewöhnliche Hauptfigur kam – und wie sie der Jurydiskussion über ihr Buch vor Publikum entgegensieht.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

"Das Schönste ist, wenn ich tief im Kopf eines anderen bin"

Carmen Buttjer ist gleich mit ihrem Debüt "Levi" für den Bayerischen Buchpreis nominiert. Im Interview erzählt sie, wie sie auf ihre ungewöhnliche Hauptfigur kam – und wie sie der Jurydiskussion über ihr Buch vor Publikum entgegensieht.

Per Mail sharen

Die 1988 geborene Autorin Carmen Buttjer wird mit ihrem Romandebüt "Levi" unter den sechs Nominierten sein, die am 7. November nicht nur die Preisbekanntgabe, sondern zuerst live und vor Publikum die Jury-Sitzung zur Entscheidung über den Bayerischen Buchpreis verfolgen werden. "Levi" ist Carmen Buttjers Romandebüt, aber nicht ihre erste Veröffentlichung. Die Autorin schreibt Kolumnen für die deutsche Vogue und Texte der selbstkreierten Gattung "Designfiction". Judith Heitkamp hat mit Carmen Buttjer gesprochen.

Judith Heitkamp: Sie kann man ja fragen, Frau Buttjer – wie hängen Brillen-Entwürfe, gutes Möbeldesign und Literatur zusammen?

Carmen Buttjer: Im Endeffekt ist es gar nicht so kompliziert. Bei Gestaltung geht es um den Prozess, um die richtigen Fragen, ob es sich um eine Brille oder etwas anderes dreht. Was ist das richtige Gestell? Wie kann man eine Gesichtsform richtig gut herausbringen? Oder eben, was ist ein Gedanke, der mich interessiert, und wie sieht die Szene dazu aus? Die Möglichkeiten, etwas zu entwickeln, sind gar nicht so unterschiedlich.

Man könnte von Ihnen also einen Roman mit Lifestyle-Themen erwarten …

Ganz falsch!

… und das ist überhaupt nicht der Fall. Überhaupt finde ich, dass Ihr Buch erst mal einige Erwartungen weckt und dann – richtigerweise – gar nicht bedient.

Das wird interessant.

Der Verlag verrät Folgendes: Levi flüchtet von der Beerdigung seiner Mutter, nachdem er die Urne geklaut hat, er versteckt sich auf dem Dach eines Mietshauses in Berlin. Und ich mit einer gewissen Leseerfahrung denke, aha, das Buch wird wohl davon handeln, wie Levi wieder da heruntergeholt wird, Vertrauen fasst oder auch nicht … wahrscheinlich ist das eine Art Sozialarbeiter-Roman, die Rettung des verlorenen Kindes. Tatsächlich ist Ihr Buch weit entfernt davon.

Ja.

Beschreiben Sie uns dieses Kind, Levi, und welches Verhältnis Sie als Autorin zu ihm haben.

Mit Levi hat der Roman angefangen. Levi war eine Stimme, die mich interessiert hat, auch aufgrund seines Alters. Levi ist elf Jahre alt, er ist kein Kind mehr, aber auch noch kein Jugendlicher und kein Erwachsener. Die Erwachsenen begegnen ihm hauptsächlich mit der Haltung "Du bist noch nicht stark genug, ich muss dir Sachen verheimlichen, ich kann dir nicht alles sagen". Gleichzeitig sind die Erwachsenen heillos überfordert von der Situation, in der sie stecken. Und so muss er sich selbst einen Weg suchen und sich seine Welt zusammenbauen. Vieles vermischt sich mit magischen Elementen, mit Fiktion, mit Ideen, von denen man als Erwachsener weiß, so ist es eigentlich nicht, aber sich auch erinnert – für Kinder ist das so. Und als Kind hat man dieses Urvertrauen, dass die Erwachsenen schon wissen, wie es geht. Bei mir war das auch so. Und erst langsam bekam ich heraus: So groß ist der Unterschied manchmal gar nicht. Auch für Erwachsene gibt es Situationen, in denen sie zum ersten Mal sind, mit denen sie überhaupt nicht umgehen können. Nur versuchen sie meistens, ihre Unsicherheit zu überdecken. Was Kinder natürlich nicht tun.

© Maria Dominika Vogt

Gleich mit dem Debutroman nominiert für den Bayerischen Buchpreis: Carmen Buttjer

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Levi mit dieser Urne aufs Dach zu schicken?

Ich bin die Beerdigung durchgegangen. Ich habe mir vorgestellt, wie er dort sitzt, und was ich in der Situation am liebsten tun würde. Du verlierst jemanden, du weißt, du siehst ihn nicht wieder, kannst aber nicht begreifen, dass jemand einfach so aus der Welt verpufft. Also versuchst du, das Letzte zu greifen, das den anderen symbolisiert. Nicht ein Möbelstück oder eine Jacke, sondern wirklich die Asche. Du versuchst, sie bei dir zu behalten, sie soll nicht weggebracht werden, du stopfst sie wirklich unter dein T-Shirt und rennst weg damit, um sie für dich zu behalten und sie mit niemandem zu teilen.

Der gewaltsame Tod der Mutter ist ein Trauma in diesem Buch, aber nicht das einzige. Traumatisierug und der Umgang damit sind die Kernthemen des Romans. Wie kann man darüber schreiben?

Ich bin über verschiedene Perspektiven an das Thema herangegangen. Es gibt noch den 65-jährigen Kolja, einen ehemaligen Kriegsfotografen, der aufgrund einer Verletzung nicht mehr arbeiten kann. Er hat einen Kiosk in Berlin, verkauft Zeitungen, fotografiert seine Nachbarn, im Hinterzimmer entwickelt er Bilder. Er denkt viel über die Zeit nach und über Kollegen, die alle schon verstorben sind, er führt Zwiegespräche mit ihnen. Seine Art, mit Verlust umzugehen, wird der von Levi gegenübergestellt.

Beide haben eine ganz eigene Realität und Realitäswahrnehmung.

Ich finde, das ist auch das Interessanteste am Schreiben. Auch wenn ich selber Filme sehe oder Bücher lese – das Schönste ist der Moment, wenn ich richtig tief im Kopf eines anderen bin. Eine äußere Szene, Leute treffen sich, und im inneren Monolog kann genau das Gegenteil von dem passieren, was in der Szene offensichtlich gesagt wird. Man bekommt das Innerste von jemand mit, die verbotenen Gedanken, das, was man sich nicht traut zu sagen oder aus Höflichkeit weglässt.

Was ist mit der Frage "Whodunnit? – Wer war's?"

Das wird nicht verraten, weil es darum einfach nicht geht. Es ist ein Roman, der sich mit einer Vater-Sohn-Beziehung beschäftigt, mit Verlust, mit Menschsein und Alltag. Was ist, wenn dein Leben kurz zerfällt? Kann das auch eine Art von Alltag sein? Woran habe ich mich gewöhnt? Was stelle ich nicht mehr in Frage?

© Galiani Berlin

"Levi" von Carmen Buttjer

Sie sind nominiert für den Bayerischen Buchpreis. Als einzige Debütantin, was schon eine Auszeichnung bedeutet. Das Besondere an diesem Preis ist, dass die Entscheidung von der Jury erst am Abend der Verleihung selbst getroffen wird, nach einer öffentlichen Diskussion der Juroren. Die Nominierten sitzen dabei im Publikum und hören zu, wie über ihre Bücher gestritten wird. Wie ist diese Vorstellung für Sie?

Ich wurde schon häufig gewarnt, gestern erst wieder. Ich solle mit mindestens zwei Leuten hingehen, Lektor und Agent zum Beispiel, Freunden, mich in die Mitte setzen und Ohropax oder einen sehr guten Song und sehr unauffällige Kopfhörer dabei haben … . Anscheinend gab es in den letzten Jahren Autoren, die danach zwei Jahre nicht mehr geschrieben haben. Also, ich bin – neugierig darauf. Ich freue mich unheimlich über die Nominierung und auch auf die Diskussionsrunde. Weil es natürlich interessant ist, was andere in einem Buch sehen. Ich weiß ja um meine Fehler in dem Roman, wenn ich ihn für perfekt halten würde, würde ich aufhören zu schreiben … . Um was geht es mir beim Schreiben? Was möchte ich noch ausprobieren? Worauf habe ich noch Lust? – Das ist noch lange nicht zu Ende.

"Levi" von Carmen Buttjer ist bei Galiani Berlin erschienen.

Der Bayerische Buchpreis wird am 7. November verliehen. Die Preisverleihung wird ab 20.05 Uhr live auf Bayern 2 sowie in der Mediathek des Bayerischen Rundfunks übertragen.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die wöchentliche Dosis Literatur – der Diwan als Podcast. Hier abonnieren!