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Auf der Durchreise in die Katastrophe: "Cabaret" in München | BR24

© Kaufhold/Deutsches Theater München

Nacktes Begehren im Kit-Kat-Club

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    Auf der Durchreise in die Katastrophe: "Cabaret" in München

    Im verwegenen Berliner Kit Kat Club leben alle aus dem Koffer: Regisseur Tom Littler verlegte das Musical über die Endzeit der Weimarer Republik am Deutschen Theater in eine Bahnhofshalle. Die Band spielt im Waggon zur Fahrt in den Untergang.

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    Mehr als dreißig Jahre hat es gedauert, bis der Hauptdarsteller endlich schwul sein durfte: Als "Cabaret" 1966 am Broadway heraus kam, war Cliff Bradshaw, der junge amerikanische Schriftsteller, der sich ein paar Monate in Berlin herumtreibt, noch ein ziemlich braver und biederer Beobachter ohne eigenes Liebesleben. Später, in den achtziger Jahren, war er dann immerhin bisexuell, aber erst 1998 hatte er am Broadway in einer damaligen Neuproduktion sein Coming-Out. Das sagt auch was über die durchaus nicht immer wagemutige Unterhaltungsindustrie. Auch im bekannten Film von 1972 war Michael York in der Hauptrolle allenfalls bisexuell veranlagt. Mehr war damals in Hollywood nicht möglich.

    © Kaufhold/Deutsches Theater München

    Emcee und Sally Bowles

    Gestern Abend im Deutschen Theater München durfte der Brite Ryan Saunders als Cliff Bradshaw immerhin schon nach einer halben Stunde einen Mann küssen. Äußerlich hat er viel Ähnlichkeit mit dem jungen Christopher Isherwood, dem schwulen Autor, der es im prüden England nicht mehr aushielt, von 1929 bis 1933 in Berlin lebte, sich dort vielfach verliebte, ausschweifend feierte und daraus zwei Romane machte: "Mr. Norris Changes Trains" und "Goodbye to Berlin", die Grundlage für "Cabaret". Die sexuelle Orientierung der Hauptfigur ist also in diesem Fall nicht ganz unwichtig. Regisseur Tom Littler vom English Theatre in Frankfurt zeigt diesen Cliff Bradshaw als scheuen, schüchternen, neugierigen Burschen, der völlig überfahren ist von den Berliner Nachtgestalten, allen voran natürlich von Sally Bowles, der mittelmäßigen Sängerin aus dem verwegenen Kit Kat Club, für die Jean Ross das Vorbild war, eine britische Schauspielerin, die mit Isherwood zeitweise zusammen wohnte.

    © Kaufhold/Deutsches Theater München

    Cliff Bradshaw (links) und Ernst im Zugabteil

    Menschen auf der Durchreise

    Helen Reuben spielt und singt sie herrlich schnoddrig und herablassend. Klar, "Cabaret" in dieser englischsprachigen Fassung ist eigentlich kein Musical, sondern eher ein Schauspiel mit Musik, zumal die Ausstattung aufs Nötigste beschränkt ist. Bühnenbildner Simon Kenny zeigt Menschen auf der Durchreise in die Katastrophe: Alle sind mit Koffern in einer Bahnhofshalle unterwegs. Die Band spielt in einem Waggon. Bekanntlich war auch die Demokratie damals in Deutschland nur auf der Durchreise in den Untergang, die Zuschauer wissen, wie es ausgeht: Die Koffer und der Eisenbahnwagen nehmen den Holocaust vorweg. In London endete eine Inszenierung vor ein paar Jahren sogar in der Gaskammer, nackte Menschen standen zusammen gepfercht vor einer Ziegelwand, was die englischen Kritiker keineswegs als unpassend und geschmacklos, sondern als beklemmend authentisch würdigten.

    © Kaufhold/Deutsches Theater München

    Die Mama weiß von nichts

    Vom Walzer in den Marsch-Rhythmus

    So drastisch ist die Inszenierung im Deutschen Theater München nicht, allerdings auch weit entfernt davon, das Publikum aufzuwühlen oder zu verstören. Dafür hatte Choreographin Cydney Uffindell-Phillips einige gute Ideen, etwa, als sie einen Walzer urplötzlich in den Marschrhythmus fallen lässt. Lindsay Goodhand ist als leichtes Mädchen Fräulein Kost eine umwerfend präsente Saxofon- und Klarinettenspielerin, Seiden-Bademantel-Trägerin und Matrosen-Gespielin. Matt Blaker als schneidigem Jung-Nazi fehlt es etwas an entsprechend herrischer und kühler Ausstrahlung, Greg Castiglioni gibt überzeugend den androgynen Conférencier Emcee, der mit aasigem Blick und schlüpfrigen Anspielungen das Publikum im Kit Kat Club bei Laune hält.

    Insgesamt eine zeitgemäße, unterhaltsame, wenn auch nicht besonders wagemutige oder gar provokante Inszenierung. Bei "Cabaret" ist optisch vieles, vielleicht sogar alles möglich, wenn es darum geht, die Nazi-Gräuel anzudeuten - aber die Frankfurter Produktion beweist: Weniger ist mehr. Die Koffer reichen als Sinnbild. Seit Mel Brooks Musical "Frühling für Hitler" von 1968 gibt es diesbezüglich ja eigentlich keine Geschmacksgrenzen mehr - obwohl: In Deutschland ist das Stück bis heute nicht so richtig erfolgreich. Und wer weiß, wie es seinerzeit dem Film "Cabaret" ergangen wäre, wenn da nicht Fritz Wepper mitgespielt hätte.

    Bis 30. März am Deutschen Theater München

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