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C. Bernd Sucher erzählt seine Geschichte als Sohn | BR24

© Bayern 2

Eine jüdische Mutter, die das KZ überlebte, und ein Sohn, den sie streng protestantisch erzieht: Der Theaterkritiker C. Bernd Sucher hat mit seinem Erinnerungsbuch "Mamsi und ich" die Geschichte einer Befreiung geschrieben – und eine Liebeserklärung.

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C. Bernd Sucher erzählt seine Geschichte als Sohn

Eine jüdische Mutter, die das KZ überlebte, und ein Sohn, den sie streng protestantisch erzieht: Der Theaterkritiker C. Bernd Sucher hat mit seinem Erinnerungsbuch "Mamsi und ich" die Geschichte einer Befreiung geschrieben – und eine Liebeserklärung.

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"Bernd, ich möchte darüber nicht sprechen!", erklärte die Mutter, wenn ihr Sohn sie nach der Vergangenheit fragen wollte. Eine Gesprächsverweigerung, klipp und klar. Margot Sucher, geborene Artmann, war die Mutter des Theaterkritikers und Kulturjournalisten C. Bernd Sucher. Sie wurde in den 40er-Jahren als Jüdin ins KZ verschleppt, überlebte aber und heiratete nach dem Krieg einen Protestanten. Margot Sucher ist vor etwa anderthalb Jahrzehnten verstorben. Jetzt hat ihr Sohn ein Buch über sie und vor allem seine Beziehung zu ihr geschrieben, "Mamsi und ich". Christoph Leibold hat mit C. Bernd Sucher gesprochen.

Christoph Leibold: Im Untertitel heißt Ihr Buch "Die Geschichte einer Befreiung". Aber eigentlich sind es ja zwei Geschichten der Befreiung: Die Ihrer Mutter aus dem KZ. Und Ihre Befreiung aus den Fittichen einer nicht ganz einfachen, übermächtigen Mutter. Fangen wir chronologisch an: Erzählen Sie kurz die Geschichte der Befreiung Ihrer Mutter aus dem Konzentrationslager?

C. Bernd Sucher: Wir haben kurz überlegt im Verlag, ob wir das Wort "Befreiung" in den Plural setzen. Meine Mutter wurde befreit durch den glücklichen Umstand, dass sich ein polnischer Graf in sie verliebte und sie mit Hilfe seiner Magd von den Feldern, auf denen die Jüdinnen arbeiten mussten, zu sich geholt hat, um sie zu verstecken und später mit einem falschen Pass wieder nach Deutschland zu bringen.

Diese Geschichte hat Ihre Mutter aber nicht frei heraus erzählt, die mussten Sie recherchieren, denn Ihre Mutter wollte gar nicht wirklich darüber sprechen.

Ich hatte sie natürlich gefragt, wie das kam, dass sie lebt, denn alle anderen haben das KZ nicht überlebt. Ich wusste, dass es jemanden gab, der sie gerettet hat. Dass es eine Frau war, nämlich diese Magd, das hatte sie erzählt. Die ganzen Umstände kriegte ich aber erst später raus, weil diese Magd meine Mutter suchte. Und ich besuchte dann auch diese Frau. Aber ich glaube, das Wort "Recherche" ist falsch, denn das meiste, was ich jetzt weiß von meiner Mutter, habe ich gefunden in Handtaschen und Koffern…

… in denen Dokumente waren, die sie aufgehoben, aber niemandem vorgelegt hatte.

Richtig.

Sie waren ein Nachkriegskind, das heißt, was Ihre Mutter im KZ erlebt hat, das war vor Ihrer Zeit. War die Geschichte der Mutter trotzdem auch schon in der Kindheit präsent und prägend, obwohl sie nicht darüber gesprochen hat?

Immer präsent und prägend war eigentlich nur, dass ich einen protestantischen Vater hatte. Dass ich eine jüdische Mutter hatte, das wusste ich. Und ich wusste, dass ich offensichtlich protestantisch erzogen werden sollte und auch so erzogen worden bin, weil mein Großvater – der christliche, denn den anderen gab es ja gar nicht mehr – darauf gedrungen hatte, dass diese Hochzeit nur zustande kommen würde, wenn meine Mutter zustimmt, dass die Kinder, die dann irgendwann geboren würden, auf keinen Fall jüdisch erzogen werden sollten.

Nun schildern Sie einerseits die Geschichte Ihrer Mutter, dann aber auch Ihre eigene Kindheit, in der Ihre Mutter nicht unbedingt eine liebevolle Mutter war. Und es gibt auch einen Zusammenhang, den Sie herstellen, zwischen den dramatischen KZ-Erlebnissen Ihrer Mutter und deren Erziehungsstil, den Sie als kontrollierend, fordernd, ja sogar gewalttätig erlebt haben. Woran zeigte sich das?

Das zeigte sich daran, dass meine Mutter eigentlich nie zufrieden war, wenn andere Menschen dachten, ich hätte Erfolg. Und ich selber dachte das auch, dass es nie genug war. Sie war eine ständig fordernde, sehr ehrgeizige Mutter, weil sie – so meine Erklärung – aus einer großbürgerlichen Familie kam. Sie hätte eine riesige Karriere gemacht, hat sie aber nicht, sondern sie hat diesen Mann geheiratet. Sie wollte aber für ihr Kind, also für mich, just diese Karriere.

© Piper

"Mamsi und ich" von C. Bernd Sucher

Jude ist nach jüdischer Überzeugung, wer eine jüdische Mutter hat. Bei Ihnen war es allerdings so, dass Ihre Mutter, so wie Sie es schildern, eigentlich erst einmal prägend war für Facetten Ihrer Persönlichkeit, die mit dem Glauben nichts zu tun haben: Das Interesse fürs Musische, auch eine Vorliebe für einen gewissen Luxus haben Sie von ihr. Die religiöse Identität aber kam erst später, im fortgeschrittenen Erwachsenenalter zum Tragen.

Dahinter steckt aber eine theologische Überlegung, wenn Sie so wollen. Ich habe Theologie nicht studiert, aber über Martin Luther und die Juden promoviert. Und mir war diese seltsame, im Christentum vertretene Dreieinigkeit nie einsichtig. Ich fand im Judentum die Vorstellung, dass es nur einen Gott gibt und ich mich mit ihm unterhalte, wenn ich bete, um vieles für mich einfacher und besser als diesen gedrittelten Gott.

Aber interessant ist ja doch, dass diese Identität der Mutter später im Leben sozusagen zu Ihnen zurückkam. Auch wenn die Überzeugung des jüdischen Glaubens die ist, dass Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat, muss es ja nicht so sein, dass die Mutter tatsächlich so prägend wird. Aber Sie haben kein Buch über den Vater geschrieben, weil eben die Mutter so prägend war.

Meine Mutter war sozusagen das Zentrum meines Lebens und ist es wahrscheinlich immer noch, denn dieses Buch ist keine Abrechnung, sondern ich sage eigentlich, wie sehr ich sie liebhabe. Mein Vater spielte in meinem Leben wirklich keine Rolle - bis zu dem Zeitpunkt, als wir einander verstanden. Und wir verstanden einander erst spät, als mein Vater einsah, dass er sich in der Erziehung manchmal nicht richtig benommen hatte.

In ein paar Tagen, das ist kein Geheimnis, werden Sie 70. Ist das Buch ein Geschenk, das Sie sich selber machen? Oder ist die titelgebende Befreiung, die sich schon in den Tagebüchern andeutet, die Sie zitieren, jetzt erst so richtig möglich?

Ich hätte das Buch nicht zu Lebzeiten meiner Mutter schreiben können. Das wäre eine Demütigung meiner Mutter gewesen. Das wollte ich auf keinen Fall. Und dass es jetzt erscheint, hat eigentlich nur verlegerische Gründe. Felicitas von Lovenberg wurde Piper-Verlegerin und wünschte sich ein Buch von mir. Die Idee zu diesem Buch gab es schon, aber ich habe dieses Buch nie irgendjemandem angeboten. Aber als dieses Angebot kam, habe ich gesagt, ich könnte das schreiben. Dann gab es ein Exposé, und aufgrund dieses Exposés entschied sich der Piper Verlag, dieses Buch sofort zu machen.

Irgendwann schreiben Sie im Buch, Ihre Mutter hätte vielleicht eine Therapie gebraucht. Ihr Schreiben über Ihre Beziehung zur Mutter – war das Therapie für Sie?

Das glaube ich nicht. Das Verwunderliche ist nur, dass ich trotz dieser Erziehung nicht gescheitert bin. Ich hätte ja auch Alkoholiker werden können oder drogenabhängig. Oder mich meiner Mutter verweigern und genau diesen Ehrgeiz nicht entwickeln können. Dass das aber funktioniert hat und ich einigermaßen gesund geblieben bin, das ist das eigentliche Wunder. Und das verdanke ich meiner Mutter auch noch.

Inwieweit sind Sie bei diesem Schreibprozess der Befreiung Ihrer manchmal unnahbaren Mutter nähergekommen, haben sie wiedergewonnen? Sie haben ja gesagt, irgendwo ist es auch eine Liebeserklärung.

Ja, ich bin ihr nähergekommen. Weil ich noch besser verstand, dass sie nur so erziehen konnte. Denn wenn jemandem das angetan wurde, was meiner Mutter angetan wurde, und das in diesem Alter – sie war Jahrgang 1925 und 17 Jahre alt, als sie ins KZ kam – da kann man wahrscheinlich, wenn man sich nicht selbst das Leben nimmt, nur so weiterexistieren, wie sie es tat. Es ist ein Wunder, dass sie zwei Kinder hat zeugen können und diese Kinder erzogen hat.

"Mamsi und ich. Die Geschichte einer Befreiung" von C. Bernd Sucher ist im Piper Verlag erschienen.

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