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Kaiser Karl V. im Clinch mit Frankreich
© Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper München

Autoren

Peter Jungblut
© Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper München

Kaiser Karl V. im Clinch mit Frankreich

Kein Wunder, dass der Mann wegen Burn-Out in Frührente ging: Kaiser Karl V. hatte Ärger mit den Franzosen und den Türken, den Deutschen und dem Papst, und natürlich mit Martin Luther. Beruhigend wirkte eigentlich nur das viele Gold aus Übersee, das seine Konquistadoren den Indianern raubten. Entnervt und frustriert dankte er 1556 ab und verzog sich im Jahr darauf in eine luxuriöse Villa mit fünfzig Angestellten, offiziell, um Buße zu tun, inoffiziell, um seine Ruhe zu haben. Ein einmaliger Vorgang, eine faszinierende Persönlichkeit, ein dankbarer Theaterstoff!

Krenek wollte sich vergeblich anbiedern

Der Wiener Komponist Ernst Krenek, dessen Eltern noch den bömischen Namen Křenek trugen, machte aus dem aufsehenerregenden Abgang von Karl V. 1933 eine Zwölfton-Oper, mit der er sich eigentlich der damaligen österreichischen Regierung anbiedern wollte. Die verstand sich nämlich als erzkatholischer Ständestaat, so dass Krenek durchaus annehmen konnte, mit einem Stück über Karl V., diesem gescheiterten, aber fanatischen Glaubensbewahrer, im klerikal-autoritären Wien Furore zu machen. Stattdessen liefen die Rechtsradikalen gegen die dissonante Musik Sturm, die verspätete Uraufführung fand erst 1938 in Prag statt.

Welten-Scheibe, Welt-Anschauung

Welten-Scheibe, Welt-Anschauung

Manche Abonnenten wollten in der Pause gehen

Viel Geschichte also, und tatsächlich ist Kreneks "Karl V." zunächst mal eine ziemlich dröge Seminararbeit, die gemächlich die Lebensstationen des Kaisers abschreitet, und zwar in Rückblenden, etwas Bauernkrieg, etwas Luther, etwas Krach mit Frankreich und dem Sultan, etwas Inka-Gold. Der alte Monarch erzählt sein Leben einem jungen Beichtvater. Ein sprödes Libretto, sperrige Musik: Kein Wunder, dass sich manche Premieren-Abonnenten nach eigener Aussage gestern Abend in der Bayerischen Staatsoper fest vorgenommen hatten, in der Pause zu gehen. Und dann das! Tosender Jubel am Ende eines optisch und musikalisch staunenswerten Abends.

Karl V. ringt mit der Familie

Karl V. ringt mit der Familie

Wahrhaft "kosmische" Ausstattung

Der katalanische Regisseur Carlus Padrissa und seine Truppe machten aus "Karl V." einmal mehr ein opulentes Akrobaten-Schaustück, also das, was sie immer machen, nur diesmal passte es ganz wunderbar zum Stück. Der Kaiser ringt mit nichts weniger als seiner Weltanschauung, und deshalb ging die wahrhaft "kosmische" Ausstattung voll in Ordnung. Die Bühne war zentimeterhoch unter Wasser gesetzt, drumherum standen bewegliche Spiegelwände, was beeindruckende Reflexionen ergab. In der Mitte, an einer kreisenden Scheibe hängend, turnten die obligatorischen Statisten in der Luft - bildeten aus ihren Leibern mal eine Weltkugel, mal eine Spirale, mal andere geometrische Formen. Feuersäulen flammen auf, Tizians Gemälde vom "Jüngsten Gericht" prangt im Hintergrund, ganz so, wie Krenek es in seinen Regie-Anweisungen ausdrücklich vorsah.

Goldlieferungen aus Übersee

Goldlieferungen aus Übersee

Ohne Bo Skovhus womöglich nur Zirkus

Das alles ist ein Riesen-Spektakel, klar, zumal Carlus Padrissa den Chor sogar in die erste Reihe des Zuschauerraums holte und die Statisten über die Stühle quer durch den Saal klettern ließ. Jede Menge Tamtam also, das das Publikum mit dem schwierigen Stück vollauf versöhnte. Aber ohne den dänischen Bariton Bo Skovhus, diesen unfassbar intensiven Charakterdarsteller in der Titelrolle, wäre es möglicherweise doch mehr Zirkus als Oper geworden. Er hat die Präsenz, auch im grellsten Kulissenzauber authentisch zu bleiben. Da wurden alle anderen zu Nebendarstellern, zumal Janus Torp als blutjunger Beichtvater nur eine Sprechrolle hatte.

Kosmische Reflexionen

Kosmische Reflexionen

"Tatort"-Stimme aus dem Lautsprecher

Aus dem Lautsprecher kam die sonore Bass-Stimme von Mechthild Großmann, der kettenrauchenden Staatsanwältin aus dem Münsteraner "Tatort" - sie ist als Stimme Gottes so glaubwürdig wie als Papst, Kardinal und Kurfürst. Der Chor leistete Schwerstarbeit in Gummi-Stiefeln. Der amerikanische Dirigent Erik Nielsen bekam völlig zurecht Ovationen, so spannungsreich, farbenfroh und lebensprall wie er Kreneks streckenweise recht dröge Partitur zu Gehör brachte. Ein echter Überraschungserfolg also an der Bayerischen Staatsoper, sage und schreibe 54 Jahre nach der hiesigen Erstaufführung, und ein verdienter Triumph, an dem Intendant Nikolaus Bachler mit seinem Besetzungs-Gespür gehörigen Anteil hatte.

Wieder am 13., 16., 21. und 23. Februar.

Autoren

Peter Jungblut