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Bundespräsident Steinmeier: "Ohne Bücher würden wir dümmer" | BR24

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Frank-Walter Steinmeier wirbt für das Lesen

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    Bundespräsident Steinmeier: "Ohne Bücher würden wir dümmer"

    Bei der Verleihung des Frank-Schirrmacher-Preises an den Schriftsteller Daniel Kehlmann mahnte Steinmeier, ohne "richtige Bücher" mit mehr als 280 (Twitter-)Zeichen würde für die Suche "wer wir sind und wer wir sein wollen" Entscheidendes fehlen.

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    Der Bundespräsident wollte seine Rede gestern in Berlin als "kleine Liebeserklärung an die Literatur" verstanden wissen. Es sei spannend, sich von einem Buch "überraschen" zu lassen und darüber zu staunen, was für "ein rätselhaftes Wesen der Mensch" doch sei: "Ohne intensive Lektüre, ohne also für Stunden sich in andere Welten zu versetzen, in andere Existenzen, mit anderen Ohren zu hören und mit anderen Stimmen zu sprechen, ohne all das würden wir sofort dümmer."

    Leistungen zum Verständnis des Zeitgeschehens

    Anlass war die Verleihung des jährlich vergebenen Frank-Schirrmacher-Preises, der an den 2014 verstorbenen Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erinnert. Die Auszeichnung würdigt "herausragende Leistungen zum Verständnis des Zeitgeschehens", ist mit 20.000 Schweizer Franken dotiert und wird wechselweise in Berlin, Zürich und dem italienischen Ascona verliehen. Den diesjährigen Preisträger Daniel Kehlmann kennt Laudator Frank-Walter Steinmeier nach eigenen Angaben seit 2006. Damals war der SPD-Politiker gerade Außenminister geworden.

    Vor einer Lateinamerika-Reise suchte er demnach "Rat und Expertise" bei Kehlmann. Grund dafür war die Lektüre des Romans "Die Vermessung der Welt" über die Expeditionen des deutschen Weltreisenden Alexander von Humboldt, der bis heute in ganz Lateinamerika bewundert wird. Überzeugt, dass Kehlmann durch seine Arbeit am Roman ein ausgewiesener Kenner der Region sei, lud ihn Steinmeier ein, die offizielle Reise mitzumachen, nur um gleich am ersten Tag festzustellen, dass der Schriftsteller selbst noch nie in Südamerika war. Das sei ein "kleiner Schock" gewesen, so der Bundespräsident, habe seinen "ohnehin schon großen Respekt" vor der "Empathie und Phantasie" des "außergewöhnlichen Schriftstellers" jedoch noch gesteigert.

    Steinmeier wünscht sich nachdenklichen Autor

    Literatur verfolge vordergründig keinerlei "didaktische Interessen", so Steinmeier, habe allerdings eine "philosophische und eine politische Konsequenz". Eine Welt, die "erzählbar" sei, sei nämlich auch "verstehbar": "Und eine verstehbare Welt ist eine gestaltbare, veränderbare Welt". Denn, so Steinmeier weiter: "Man kann Geschichte in die Hand nehmen. Der Ausgang ist nicht vorherbestimmt. Und das ist der Trost auch noch der trostlosesten Geschichten."

    Bei Daniel Kehlmann, den Steinmeier als "sehr nachdenklichen, weltgewandten und welterfahrenen Zeitgenossen", als "Citoyen und Aufklärer" würdigte, sei das Erzählen "kein artistischer Spaß, sondern Rettung des Gedenkens und der Erinnerung an all die Verlorenen und Vergessenen der Geschichte". Die "Macht des Erzählens selber" sei ein zentrales Element in Kehlmanns Büchern.

    "Ich wünsche mir weiter diesen Autor," so Steinmeier am Ende seiner Rede, "der immer wieder auch seinen literarischen Hochsitz verlässt und seine Stimme im politischen Hier und Jetzt hören lässt. Nachdenklich und klug, wie ich das oft erfahren durfte. Nie belehrend, aber Haltung einfordernd. Nie an der Welt verzweifelnd, aber verzweifelt über Zynismus und Ignoranz."