Walküren im Kosmetiksalon

Bildrechte: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele
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Bühnenunfall überschattet "Walküre" bei Bayreuther Festspielen

Bühnenunfall überschattet "Walküre" bei Bayreuther Festspielen

Weil ein Lounge-Sessel nachgab, als sich der Sänger des Wotan auf ihn setzen wollte, kam es zu einer spontanen Umbesetzung der Hauptrolle. Die Inszenierung blieb äußerst umstritten: Regisseur Valentin Schwarz stellte die Zuschauer vor Rätsel.

Zunächst reagierte das Publikum mit Lachern, weil es einen skurrilen Regie-Einfall vermutete oder doch wenigstens kein Ungemach ahnte: Es schien zu komisch, dass sich Göttervater Wotan (Tomasz Konieczny) im zweiten Aufzug der "Walküre" gravitätisch auf einen Lounge-Chair setzte und damit prompt nach hinten umfiel, noch dazu, wo es sich bei dem Möbel um einen Stilikone handelte: Die berühmte und hochpreisige Sitzgelegenheit von Charles & Ray Eames, die in den Lobbys von Anwaltskanzleien und Großbanken zu finden ist. Die Lehne war abgefallen und musste flugs als Stolperfalle entsorgt werden.

Wie sich nach der zweiten Pause durch eine Ansage von Pressechef Hubertus Herrmann herausstellte, hatte sich der polnische Star-Bariton Konieczny bei dem Sturz mit dem Sessel so sehr verletzt, dass er zwar den zweiten Akt tapfer zu Ende singen konnte, darüber hinaus aber nicht einsatzbereit war. Er wurde auf die Schnelle durch Cover Michael Kupfer-Radecky ersetzt, der eigentlich als Gunther in der "Götterdämmerung" auftreten soll. Kupfer-Radecky, der offenbar bei den Proben dabei gewesen war, machte seine Sache hervorragend und wurde dafür mit großem Beifall bedacht.

Unsortiert wie die Ducks in Entenhausen

Wer sich vornimmt, die genauen Verwandtschaftsverhältnisse in Richard Wagners "Ring des Nibelungen" aufzuklären, der hat zumindest Selbstbewusstsein, denn bisher ist es noch keinem gelungen. Die Götter, Helden, Riesen und Zwerge sind familiär ungefähr so unsortiert wie die Familie Duck in Entenhausen. Trotzdem will der österreichische Regisseur Valentin Schwarz (33) den monströsen Vierteiler als Familien-Saga im Fernsehstil illustrieren, also realistisch bebildern und erzählen, wie und warum jeder der Beteiligten so wurde, wie er ist.

Familienrat bei Götters: Wotan (links) mit Hunding (Mitte) und Gattin Fricka

Bildrechte: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Das funktionierte im revueartigen "Rheingold" noch einigermaßen gut, sorgte in der deutlich umfangreicheren und ernsthafteren "Walküre" jedoch hauptsächlich für Verwirrung und unfreiwillige Komik. Vor allem der erste Akt, eigentlich der dramatische Höhepunkt jeder Aufführung, enttäuschte durch eine sehr unterkühlte, um nicht zu sagen teilnahmslose Personenführung und einen völlig überflüssigen, aber sehr aufwändigen Umbau der Szene. Grund dafür: Schwarz wollte unbedingt die offenbar glücklichen Kindheitserinnerungen des Geschwisterpaars Siegmund und Sieglinde darstellen, obwohl beide doch davon singen.

Ist Sieglinde nur "bedeutungsschwanger"?

Warum Sieglinde allerdings bereits schwanger ist, noch bevor sich ihr Bruder Siegmund überhaupt in sie verliebt und mit ihr inzestuös das Bett teilt, blieb schleierhaft: Hätte ja sein können, dass die Frau nur "bedeutungsschwanger" war, doch das Baby war pünktlich zum Beginn des dritten Aufzugs da. Eine echte Frühgeburt übrigens, denn bei Wagner kommt Siegfried deutlich später und ohne Zuschauer im finsteren Wald auf die Welt.

Brünnhilde wird übrigens von ihrem "Ross" Grane begleitet, das sich als ungemein höflicher und etwas melancholischer Bodyguard erweist. Mit seiner schwarzen Mähne erinnerte er eigentlich an Bösewicht Hagen, doch auf ein Rätsel mehr oder weniger kam es schon nicht mehr an.

Sieglinde (links, Lise Davidsen) mit Siegmund (Klaus-Florian Vogt)

Bildrechte: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Für Wagner-Insider ist das alles ungemein unterhaltsam, weil Valentin Schwarz im Grunde ein neues Stück auf die Bühne bringt, ohne sich um Wagners Dichtung viel zu scheren. Für Traditionalisten allerdings und weniger in den "Ring"-Kosmos eingeweihte Zuschauer war das alles vor allem verwirrend, teilweise auch ärgerlich. Und manches geht wirklich nicht auf: Brünnhilde war entgegen der Handlung auch schon im "Rheingold" präsent, als Kind, und trotzdem erklärt ihr Wotan in einem großen Monolog, was damals alles passiert ist, als ob sie nicht selbst dabei war.

Walküren stolz auf Brust-OPs

So türmen sich die Fragezeichen, so enttäuschte das Gesamtergebnis. Und weil statt dem üblichen Feuerzauber am Walkürenfelsen auch nur eine Kerzen-Funzel brannte (Ausstattung: Andrea Cozzi), waren die Buhrufer am Ende deutlich in der Mehrheit. Trotz technisch maximalem äußeren Aufwand war das optische Ergebnis regelmäßig ernüchternd mager. Scheint so, dass die skurrile Konzeptkunst von Valentin Schwarz den "Ring" entgleisen lässt, bei allerdings kunterbunten Bildern, die niemals langweilen und mitunter in die Satire abgleiten, etwa, wenn die anscheinend beauty-süchtigen Walküren samt und sonders von Schönheits- und Brust-Operationen bandagiert sind oder Wotans Gattin Fricka emsig das Silber putzt, während die Welt um sie herum zu Schanden geht.

Brünnhilde im feschen Look

Bildrechte: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Freunde der Ironie kommen auf ihre Kosten, und es gibt ja bis zuletzt die Chance, das sich alles aufklärt, wie in einem Staffelfinale bei Netflix. Weil allerdings das Ganze so sehr um die Familie kreist, bleibt die Politik völlig auf der Strecke: Zwar wird bis zur Ermüdung mit Revolvern hantiert, in der "Walküre" endlich auch mal abgedrückt und auf Organisiertes Verbrechen gemacht, doch als Gesellschaftskritik ist das arg schlicht.

Dafür gab es reichlich Jubel für die Sänger, darunter langjährige Bayreuth-Lieblinge wie Tenor Klaus-Florian Vogt als Siegmund und Bassist Georg Zeppenfeld als Hunding. Beide durften überwiegend frontal ins Publikum singen, ohne sich szenisch (über)anstrengen zu müssen. Auch Iréne Theorin als Brünnhilde wirkte von einzelnen Ausbrüchen abgesehen recht statisch und obendrein stimmlich metallisch-scharf. Dagegen bewies Lise Davidsen einmal mehr ihr unerreichtes Format als Sieglinde, wofür sie gebührend gefeiert wurde. Warum sie zehn Minuten auf einer Treppe liegend ausharren musste, erschloss sich nicht.

Szenisch enttäuschend, aber keineswegs öde

Dirigent Cornelius Meister, der das "Rheingold" für viele noch zu leise, passiv und bedächtig angegangen war, steigerte sich in der Lautstärke erheblich. Dass er allerdings emotionale Flammen aus dem Orchestergraben schlagen ließ, wäre stark übertrieben. Gleichwohl, der "Ring"-Einspringer (Kollege Pietari Inkinen war an Corona erkrankt) kam mit der tückischen Akustik bestens zurecht, ein Bayreuth-Neuling ist Meister ja nicht. Eine "Walküre", die musikalisch solide war, sängerisch Glanzpunkt setzte und szenisch enttäuschte, aber keineswegs anödete. Mal sehen, was der Grüne Hügel beim "Ring" noch bereit hält.

Wieder am 11. und 26. August (Restkarten), sowie in den kommenden Spielzeiten der Bayreuther Festspiele.

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