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Bühnen-Essay: "Erste Staffel. 20 Jahre Großer Bruder" | BR24

© Audio: BR/ Bild: Konrad Fenster

Autor und Regisseur Boris Nikitin hat die erste Staffel von Big Brother umgearbeitet zu einer Art Bühnen Essay über Selbstdarstellung. Jetzt am Staatstheater Nürnberg.

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Bühnen-Essay: "Erste Staffel. 20 Jahre Großer Bruder"

Autor und Regisseur Boris Nikitin hat für das Nürnberger Staatstheater die erste Staffel von Big Brother umgearbeitet. Unterhaltsam, solange es ums Abhängen der Container-Bewohner*innen geht, aber doch recht ambitioniert bei der Interpretation.

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Da steht er also auf der Theaterbühne, der Container. Ein schmuckloser weißer Klotz mit vielen Fenstern an der Vorderseite, durch die man aus dem Zuschauerraum ins Innere blicken kann. Mehr oder weniger gut. Das meiste von dem, was im Container passiert, sieht man eigentlich – na klar – über einen großen Bildschirm. Die Langeweile, die Streits, die alltagsphilosophischen Debatten von John, Andrea, Jürgen, Sabrina, Jona und Alex, sie sind ein audiovisuelles Produkt. Auch hier im Theater.

Big Brother als Bühnen-Essay

Manche Dialoge sind original, Reenactments der Fernsehshow, andere sind dazugedichtet. Der Autor und Regisseur Boris Nikitin hat die erste Staffel von Big Brother umgearbeitet zu einer Art Essay über Selbstdarstellung, Wettbewerb und Wahrheit. Er findet, wir sollten uns gerade jetzt mit den Anfängen des Reality-TV auseinandersetzen, weil mit Big Brother vor 20 Jahren etwas angefangen und sich bis heute weiterentwickelt habe und in dem wir mittendrin steckten: "Das ist diese neue Welt der Reality, der inszenierten Realität, eine Realität, in der von Menschen ganz wesentlich verlangt wird, dass sie sichtbar sind und diese Sichtbarkeit als ihre Konkurrenzmasse preisgeben. Und das ist etwas, was wir heute sehen natürlich in Social Media, in dieser ganzen Casting-Gesellschaft und das ist etwas, was vor 20 Jahren mit dem Einzug dieser Menschen in den Container begonnen hat."

Nicht nur Vorformen von Castingshows und Influencertum sehen wir, wenn wir mit unseren Augen von heute Big Brother, die erste Staffel, anschauen, meint Boris Nikitin. Nein, wir sehen angeblich auch den Nährboden für einen Populismus des 21. Jahrhunderts.

© Konrad Fenster

Szene aus "Erste Staffel. 20 Jahre großer Bruder"

Läutete Big Brother den Populismus ein?

Es sei ein Wettbewerb und innerhalb von Wettbewerben greifen Mechanismen der Steigerung, erklärt Nikitin. "Man muss besser werden, man muss Dinge zuspitzen, es geht darum Aufmerksamkeit zu erregen. Und das führt natürlich automatisch auch dazu, dass da eben Realität anfängt, sich zu verkrümmen, dass Realität plötzlich zur Karikatur wird. Dann sind wir da, wo wir jetzt sind. Dann haben wir durchgedrehte Wahlkämpfe, wir haben eine Diskussion über so etwas extrem Ernsthaftes wie eine Pandemie, die dann auch plötzlich in einen Wettbewerb der Meinungen und der Zuspitzung von Darstellung von Meinungen mutiert, wo plötzlich so ein Jeder gegen jeden ausbricht - und die gemeinsame Basis dabei verlorengeht". Aber das sei jetzt natürlich nicht eine Konsequenz aus Big Brother, sondern eine der Reality-Show: also der Realität als Produkt, denn die müsse immer besser, schlagender, zugespitzter sein, weil es sonst niemand sähe.

Ganz ehrlich: Zu behaupten, in diesem Stück die direkte Linie zwischen Fernsehshow und Populismus zu sehen, ist gewagt. Klar, argumentativ kann man Boris Niktin schon folgen, aber diesen großen Bogen schlagen die banalen Alltagsdiskussionen der Bewohner*innen nicht. Wie auch? Es ist ja gerade der Reiz des Stücks, dass wir vordergründig Menschen beim Abhängen beobachten, es aber eigentlich um etwas ganz anderes geht. Das funktioniert gut. Warum also dieser letzte Teil, in dem die Charaktere aus ihren Rollen fallen und minutenlang Orwell vortragen oder in die Haut eines Medienpsychologen oder einer Youtuberin schlüpfen? Braucht es das? Vielleicht doch lieber im Container-Setting bleiben, denn spätestens jetzt ist doch klar: Da kommt nicht nur Trash bei raus.

"Erste Staffel . 20 Jahre großer Bruder" ist am Staatstheater Nürnberg zu sehen, das nächste Mal am Freitag den 25. September.

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