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Wieso Sally Rooney mehr ist als die Stimme der Millenials | BR24

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Sie ist die neue literarische Stimme der Millenials: Sally Rooney, Schriftstellerin aus Irland. Ihr Debütroman wurde unter anderem vom Guardian zum Buch des Jahres gekürt. Jetzt erscheint "Gespräche mit Freunden" erstmals in deutscher Übersetzung.

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Wieso Sally Rooney mehr ist als die Stimme der Millenials

Sie ist der neue literarische Shootingstar aus Irland: die 28 Jahre alte Autorin Sally Rooney. Ihr Debütroman wurde unter anderem vom Guardian zum Buch des Jahres gekürt. Jetzt erscheint "Gespräche mit Freunden" erstmals in deutscher Übersetzung.

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Auch wenn alle Figuren das leugnen würden: Im Kern kreist diese Geschichte um die Liebe. Um die Frage, was sie sein und wie sie sich anfühlen könnte, wie sich über sie sprechen lässt und – natürlich – wie man an ihr nicht zugrunde geht. Frances ist die Erzählerin dieser Geschichte. Eine junge Frau – Studentin, Dichterin –, die Begriffe wie Liebe längst nicht mehr ohne ironischen Unterton verwendet. Und doch verrät ihre Erzählung sofort, wem sie sich nah fühlt. "Bobbi und ich" heißt es gleich in der ersten Zeile und im Verlauf der Geschichte wird sich immer wieder ein "Wir" einschleichen, wo eigentlich nur das "Ich" erzählen dürfte. Bobbi ist der heimliche Bezugspunkt, wenn Frances spricht und schreibt, wenn sie die Welt analysiert oder sich selbst: "Bobbi sagte, ich hätte keine 'echte Persönlichkeit', aber sie sagte auch, es sei ein Kompliment. Ich stimmte ihrer Einschätzung im Großen und Ganzen zu. Ich hatte das Gefühl, immer und überall sagen zu können, was ich wollte, und erst hinterher dachte ich: Oh, so ein Mensch bin ich also."

Alles steht unter Verdacht

In diesem Sommer wird Frances besonders häufig von der eigenen Persönlichkeit überrascht. Die Freundinnen – zwei Studentinnen, früher waren sie einmal ein Paar – lernen Melissa und Nick kennen: Ein schillerndes Paar ist das und – aus dem Blickwinkel der deutlich jüngeren Frauen – von einer fast unheimlichen, ganz sicher aber: anziehenden Autonomie. Und so verstrickt sich gleich beim ersten Treffen das bis dahin klare Beziehungsgeflecht: Bobbi schmeichelt Melissa, Frances beginnt mit Nick zu flirten, etwas später: ihn zu küssen und auszuziehen.

Das sprachlich und literarisch Spannende daran: Hier treffen vier Liebende aufeinander, die den eigenen Erfahrungen, Gefühlen, Worten ebenso misstrauen wie denen der anderen. Alles steht da unter Verdacht, anders gemeint zu sein: das zärtliche Zurückstreichen der Haarsträhne, die Frage nach Wünschen, Sehnsüchten, der unüberlegt ausgesprochene Satz, der das eigene Bedürfnis nach Nähe verrät. Die vier sind große Spieler auf dem Feld der sprachlichen Verschiebung, Meister der Ironie und gleichzeitig ihre Opfer.

Sally Rooney zeigt das sehr geschickt: Sie hält sich gar nicht an Beschreibungen der Figuren auf, sondern lässt sie reden. Hört zu, welche Sätze aus ihnen herauspurzeln, wenn die eigentlich gemeinten nicht ausgesprochen werden dürfen, oder wenn die so gemeinten nicht als solche verstanden werden können: "Ein plötzlicher und überwältigender Drang packte mich, ihm zu sagen: Ich liebe dich, Nick. Es war kein besonders schlechtes Gefühl; es war etwas erheiternd und verrückt, so wie wenn man von seinem Stuhl aufsteht und plötzlich merkt, wie betrunken man ist. Aber es war die Wahrheit. Ich war in ihn verliebt. 'Ich will den Mantel', sagte ich."

Schmerz wird zum verlässlichen Anker

Die Erzählung wird so zu einem Tableau verschobener Gefühlsäußerungen, und alte Topoi der Liebesliteratur müssen sich in den Medien moderner Liebesbeziehungen behaupten: Einmal zum Beispiel durchforstet Frances ihre Chats nach den Begriffen "Gefühle" und "Liebe". Die Suche soll Beweise liefern – dafür, dass sie die Erinnerungen an eine vergangene Beziehung nicht täuschen. Aber die Sprache kann diese Sicherheit nicht geben. Stattdessen rückt eine andere Instanz in den Blick: der Körper. Die Direktheit, Unhinterfragbarkeit des Schmerzes hält in der Schleife aus Misstrauen und Selbstbefragung eine Art Erlösung bereit. Das beginnt schon bei Frances’ alltäglichen Uni-Besuchen. Denn sind nicht die Kopfschmerzen am Abend der einzig untrügliche Beweis ihrer Anstrengungen?

"Meistens vergaß ich an solchen Tagen zu essen und ging mit schönen, gellenden Kopfschmerzen in den Abend hinaus. Körperliche Empfindungen traten an mich heran, als wären sie etwas gänzlich Unbekanntes: Eine Brise fühlte sich neu an, ebenso der Gesang der Vögel vor dem Long Room. Speisen und Softdrinks schmeckten unerhört gut. Hinterher druckte ich den Essay aus, ohne ihn noch einmal durchzulesen."

Kurzzeitig setzt hier die Selbstbefragung aus, kurz vertraut sie sich und dem eigenen Empfinden. Man kann diese Darstellung der grundlegenden Verunsicherung als Generationenporträt feiern. Aber berühren kann dieser Roman nur, weil er einem individuellen Charakter sehr nah kommt und ihn eben nicht ausstellt als Exemplar einer Generation. Man liest hier von einer verletzlichen und verletzenden Frau, nicht mehr und nicht weniger, von einer Frau, die darum kämpft, über ihren Verstand, über das ewige Analysieren und Hinterfragen, nicht die Fähigkeit zu verlieren zu vertrauen: ihren Freunden, aber vor allem sich selbst und den eigenen Gefühlen. Und so ist es der wunderbare Triumph dieser Figur, wenn sie am Ende über das Wir, das den Text eröffnete, dieses Wir aus Frances und Bobbi, sagen kann: Ich weiß eigentlich nicht, was wir da tun. Aber es scheint gut zu funktionieren.

Sally Rooneys Roman "Gespräche mit Freunden" erscheint am 22. Juli im Luchterhand Verlag.

© Luchterhand / Montage BR

Cover: Sally Rooney: Gespräche mit Freunden

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