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Wie Jonathan Safran Foer die Klimakatastrophe verhindern will | BR24

© BR Diwan

Schon mit "Tiere essen" schrieb Jonathan Safran Foer ein Plädoyer für die vegetarische Lebensweise. In seinem Buch "Wir sind das Klima!" rät er nun: Jeder kann effektiv etwas gegen die Erderwärmung tun, indem er nur einmal am Tag Tierisches isst.

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Wie Jonathan Safran Foer die Klimakatastrophe verhindern will

Schon mit "Tiere essen" schrieb Jonathan Safran Foer ein Plädoyer für die vegetarische Lebensweise. In seinem Buch "Wir sind das Klima!" rät er nun: Jeder kann effektiv etwas gegen die Erderwärmung tun, indem er nur einmal am Tag Tierisches isst.

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Er gibt es selbst zu: Er schreibt erst mal um den heißen Brei herum, aber dann, auf Seite 77, kommt er doch – der Satz, vor dem Jonathan Safran Foer sich so lange gedrückt hat. Er ist überraschend schlicht und lautet: "Dieses Buch handelt von den Auswirkungen landwirtschaftlicher Tierhaltung auf die Umwelt." Foer hatte Angst, das Thema zu fokussieren, weil es oft reflexhaft Ablehnung, Zynismus und Aggressionen provoziert. Denn, schreibt er: "Diskussionen über Fleisch, Eier und Milchprodukte bringen die Leute auf die Barrikaden."

Bei Ernährung und Klimaschutz wird es schnell emotional

Warum ist die Verbindung zwischen der Ernährung und den Folgen für die Umwelt eine so emotionale? Das fragt man sich bei der Lektüre dieses über weite Strecken ermutigenden Buchs immer wieder. Vielleicht, weil den meisten Menschen doch insgeheim klar ist, dass mehr Wissen den Druck erhöht, etwas zu verändern, wozu sie sich nicht in der Lage sehen. Dazu ein paar Fakten aus dem Buch: "Wissenschaftler des Worldwatch Institute ermittelten, dass Nutzvieh verantwortlich für 32.564 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent pro Jahr ist, also für 51 Prozent der weltweiten Emissionen." Und deshalb fordert Foer: "Wenn wir den Planeten retten wollen, müssen wir deutlich weniger Tierprodukte konsumieren."

Kulinarische Gewohnheiten sind eine heikle Sache

Zugleich weiß er, wie schwierig das ist. Die kulinarische Sozialisation der meisten Menschen ist etwas sehr Persönliches. Tierprodukte sind mit der – wie er es nennt – "Ess-Identität" verbunden. "Verglichen damit, auf der ganzen Welt die Stromerzeugung umzustellen, den Einfluss mächtiger Lobbyisten auf Emissionsgesetze zu überwinden oder ein brauchbares, internationales Abkommen über Treibhausgase zu ratifizieren, ist anders essen ein Kinderspiel." Aber einfach sei es nicht, schreibt Foer.

Überhaupt gesteht er entwaffnend offen, wie schwach er selbst in diesem Punkt ist: Dass er sich des Öfteren, besonders auf Lesereisen und gern auch am Flughafen, zur Belohnung Burger reingezogen habe. Dass ihn das glücklich gemacht habe – zumindest für den Moment. Und dass es ihm peinlich gewesen sei. Denn er machte es auch, als er vor einigen Jahren mit dem Buch tourte, in dem er genau dagegen anschrieb: "Tiere essen". In seinem neuen Werk schreibt er nun, es sei in gewisser Hinsicht entlastend gewesen, von anderen Leuten etwas zu verlangen, zu dem er selbst nicht in der Lage war: "Meiner eigenen Scheinheiligkeit ins Angesicht zu sehen, erinnerte mich daran, wie schwer allein schon der Versuch ist, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen. Zu wissen, dass es schwer wird, macht die Mühen erträglicher."

© dpa picture alliance

Muss manchmal über seine Scheinheiligkeit beim Essen erschrecken: "Wir sind das Klima!-Autor Jonathan Safran Foer

Damit trifft er in seinem aktuellen Buch den Nerv aller, die gern etwas tun würden, im Dschungel der Fakten, Fakes und Vorhersagen aber nicht wissen, wo anfangen. Er konzentriert sich auf das Thema Ernährung und zeigt: Hier kann der Einzelne mehr ausrichten als den meisten bewusst ist.

Kleiner Verzicht, große Wirkung

Foer verharrt dabei nicht bei Forderungen, sondern bringt neue Zusammenhänge in die Klima-Debatte – etwa diese: "Wenn das zwei-Grad-Ziel des Pariser Abkommens doch noch erreicht werden soll, darf die individuelle CO2-Bilanz pro Jahr nicht höher als 2,1 Tonnen liegen. Der globale Durchschnitt liegt bei 4,6 Tonnen, mit gravierenden Unterschieden von Land zu Land. Amerikaner bringen es auf fast 20 Tonnen. Menschen in Bangladesch auf knapp 0,5. Und die Deutschen? Liegen mit etwa 10 Tonnen doppelt so hoch wie der Durchschnitt." Und jetzt kommt‘s: "Keine tierischen Produkte zum Frühstück und Mittagessen zu konsumieren, spart jährlich 1,3 Tonnen." Und das pro Person.

Der Verzicht wäre wirkungsvoller als etwa der Verzicht auf fossile Brennstoffe, was Foer von Jeff Anhang, dem Umweltexperten der Weltbank, auch bestätigen lässt: "Nach einer Schätzung der Internationalen Energieagentur würde es mindestens 53 Billionen Dollar kosten und mindestens zwanzig Jahre dauern, die Infrastruktur für die dafür nötigen erneuerbaren Energien zu schaffen. (…) Tierprodukte durch Alternativen zu ersetzen, bietet dagegen die einmalige Chance, schnell Treibhausgasemissionen zu reduzieren und zugleich Land zur Verfügung zu stellen, auf dem Bäume schon bald überschüssiges CO2 aufnehmen könnten.“

© Verlag Kiepenheuer & Witsch

"Wir sind das Klima!" von Jonathan Safran Foer, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch

Auch wenn das amerikanische Pathos ab und an mit Jonathan Safran Foer durchgeht und er manchmal ein paar Schleifen respektive Seiten braucht, um zum Punkt zu kommen, liest man das Buch trotz des harten Themas gern: Es ist persönlich gehalten, nahbar und angereichert mit einer Fülle an Informationen und Details, die Foer neu zueinander in Beziehung setzt. Dazu kommt die Tatsache, dass er seine Leser ermutigt und ermächtigt, selbst zu handeln. Was natürlich nicht heißt, dass die Politik damit aus der Pflicht wäre. Aber ist, unabhängig von Regulierungen, sein schlichter Vorschlag, nur einmal am Tag Tierisches zu essen, wirklich so undenkbar?

"Wir sind das Klima!" von Jonathan Safran Foer ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

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