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Der preisgekrönte Wolfram Eilenberger weiß, wie man dem Publikum philosophische Themen näherbringt

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Feuer der Freiheit: Wolfram Eilenberger und die Philosophinnen

In seinem Buch "Zeit der Zauberer" erzählte Wolfram Eilenberger vom Gipfel deutscher Ideengeschichte, von Martin Heidegger, Walter Benjamin, Ludwig Wittgenstein und Ernst Cassirer. In seinem neuen Buch "Feuer der Freiheit" geht es um Philosophinnen.

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Von
  • Jochen Rack

Der Erfolg von Wolfram Eilenbergers Buch "Zeit der Zauberer" war sicher nicht nur darin begründet, dass er sich vier weltberühmten deutschsprachigen Philosophen des 20. Jahrhunderts widmete – Ludwig Wittgenstein, Martin Heidegger, Walter Benjamin und Ernst Cassirer – sondern auch an seiner lebendigen Darstellung. Eilenberger ist kein akademischer Philosoph, der sich an universitäre Kollegen wendet und wissenschaftliche Fußnoten produziert. Seine Stärke liegt in der erzählenden Präsentation komplizierter philosophischer Zusammenhänge für ein größeres Publikum. In seinem neuen Buch "Feuer der Freiheit" spinnt er seine Geschichte der Philosophie im 20. Jahrhundert weiter, indem er sich vier Philosophinnen widmet, die in Deutschland nicht alle gleichermaßen bekannt sind: Simone de Beauvoir, Simone Weil, Hannah Arendt und Ayn Rand.

Warum hat er sich auf diese vier Denkerinnen konzentriert? Ein Zugeständnis an die politische Korrektheit, die verlangt, dass Frauen mehr Aufmerksamkeit zukommen soll, vor allem wenn sie in klassischen Männerdomänen tätig sind? "Mein Ziel war eigentlich nicht, diese vier Menschen als Frauen in den Vordergrund zu stellen", sagt Eilenberger, "sondern als philosophierende Menschen in einem Zeitraum, die besondere Druckverhältnisse erleiden müssen und diese vier Heldinnen meines Buches in den 30er Jahren sind als Frauen, als Intellektuelle und auch als Jüdinnen in einer Situation der dreifachen Marginalisierung. Und weil ich auch gerne darüber nachdenke, wie sich denkende Menschen in existentiellen Druckverhältnissen zeigen und entwickeln, schienen mir Simone Weil, Hannah Arendt, Ayn Rand und Simone de Beauvoir besonders geeignet. Dass sie Frauen waren, ist sicher interessant in der narrativen Entwicklung, aber es ist nicht das, was mich am meisten antrieb und interessierte."

Eine Geschichte der Philosophie im 20. Jahrhundert

Eilenbergers Begründung für die Konzeption seines Buches ist vielleicht nicht ganz überzeugend, wenn man bedenkt, dass die existentiellen Druckverhältnisse in den Jahren 1933-1943, in denen er das Leben und Denken seiner vier Philosophinnen verfolgt, auch für Philosophen wie Walter Benjamin, Theodor W. Adorno oder Leo Trotzki und viele andere zutrafen. Alle Denker jener Jahre standen in dem geistigen Spannungsfeld von Freiheit versus Totalitarismus, das den historischen Hintergrund für Eilenbergers Philosophiegeschichte abgibt. Aber ein erzählendes Sachbuch braucht vielleicht nicht unbedingt eine absolut stringente Konzeption, nicht umsonst bezeichnet Eilenberger sein Buch als Essay. Und gibt darin hochinteressante Einblicke in das Denken von vier Frauen, deren Antworten auf die Probleme der Zeit nicht unterschiedlicher hätten ausfallen können.

Am deutlichsten wird das in der Konfrontation des Denkens der amerikanischen Philosophin Ayn Rand mit dem Denken der französischen Jüdin Simone Weil – beide sind in Deutschland wenig bekannt. Hier liefert Eilenberger eine wichtige Nachhilfelektion. Ayn Rand hatte in der Sowjetunion den kommunistischen Kollektivismus als Repression erfahren und war in die USA emigriert. Ihre Freiheitsphilosophie, die sie in Romanen und Theaterstücken verbreitete, propagierte einen radikalen Individualismus, ja heroischen Egoismus, der sehr wirkmächtig wurde und noch die neoliberalen Ideologien von Ronald Reagan bis Donald Trump beeinflusste. Simone Weils Antwort auf die Bedrohung der Freiheit durch Faschismus und Kommunismus dagegen fiel entgegengesetzt aus: Statt auf radikale Selbstermächtigung setzte sie auf radikale Selbstentmächtigung – eine Zurücknahme des subjektivistischen Herrschaftsanspruches in der Hingabe an andere. Ein Denken, das sich in der Tradition der katholischen Mystik bewegt und von Simone Weil dadurch beglaubigt wurde, dass sie sich als Märtyrerin buchstäblich zu Tode hungerte. Mit Simone de Beauvoir war sie auch persönlich bekannt, beide lebten in Paris. Dort hatte sich in den 30er Jahren auf der Flucht vor den Nazis auch Hannah Arendt eingefunden, bevor sie nach New York emigrierte.

Auch die Liebesbeziehungen der Denkerinnen spielen eine Rolle

Wie es in der französischen Hauptstadt jener Jahre zuging und in welche persönlichen Beziehungen, auch Liebesbeziehungen die vier Denkerinnen verstrickt waren, erzählt Eilenberger nicht nur aus Gründen feuilletonistischer Anschaulichkeit: "Die Frage nach dem anderen, was die Existenz anderer Menschen für das eigene Leben bedeuten, ist die Kernfrage dieses Buches. Diese Frage stellt sich in ganz eminenter Weise in Verhältnissen der Liebe. Der andere als Geliebter ist das Wichtigste oder die stärkste Erfahrung, die ein Mensch machen kann. Das war im Bereich Heidegger/Arendt so, das ist sicher bei Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre so, das finden Sie dann später auch bei Ayn Rand, die den Mann ihres Lebens in dieser Zeit kennenlernt. Das heißt, wer philosophisch darüber nachdenken will, was die Existenz anderer Menschen für die eigene Freiheit, für die eigene Autonomie, für die eigene Selbstbestimmung bedeutet, der muss über den anderen als Geliebten nachdenken, weil das der größte Einschlag ist, den wir in unserem Leben erfahren. So zeigt es sich auch bei den Heldinnen dieses Buches."

Philosophie als transformierende Kraft für die eigene Existenz

Eilenbergers Philosophiegeschichte der Jahre 1933-1943 ist auch eine interessante soziologische Milieustudie und unterhaltsame philosophische Kulturgeschichte. Lesbarkeit steht bei einem erzählenden Sachbuch im Vordergrund. Das bedeutet natürlich die Komplexitätsreduktion philosophischer Zusammenhänge. Eilenbergers liberalem Temperament geschuldet aber ist die Tatsache, dass er beim Vergleich der vier Philosophinnen nur sehr selten eine eigene Position bezieht und dezidiert wertet. Das kann man auch als Schwäche seines Buches ansehen. Wolfram Eilenberger hingegen meint: "Zum einen ist das, was mich am Philosophieren interessiert, die transformierende Kraft für die eigene Existenz. Das heißt, es kann von der eigenen Biografie in diesem Zugang nicht losgelöst werden. Und wenn man Leben darstellen will, muss man sie erzählen. Zum anderen, ist es so, dass diese romanhafte Form für mich einen Raum schafft der Vielstimmigkeit, in dem es nicht darum geht, wer nun Recht hat, sondern indem sie sich verschiedene Stimmen vor dem Hintergrund einer geteilten Frage positionieren. Sodass wir sehen und nachvollziehen können, wie vielfältig man richtig über eine Frage nachdenken kann. Und dieses Ideal der Vielfalt, der Vielstimmigkeit, das ist für mich eine Ursprungsbewegung des Philosophierens, und diesen Raum möchte ich darstellen."

Wolfram Eilenberger: "Feuer der Freiheit. Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten (1933–1943)", Klett-Cotta.

© Cover: Klett-Cotta / Grafik: BR
Bildrechte: Cover: Klett-Cotta / Grafik: BR

Wolfram Eilenberger: "Feuer der Freiheit. Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten (1933–1943)", Klett-Cotta

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