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© Bild: picture alliance/Hauke-Christian Dittrich; Audio: BR
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Adam Gordon besucht eine Highschool, ist Meister im Debattieren und süchtig nach dem Rausch, in den ihn die Sprache versetzt, wenn er ihr freien Lauf lässt. Der Jugendliche auf dem Bild ist weder Adam Gordon noch Ben Lerner - er könnte es aber sein.

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Dichterpussy! Debattiernerd! "Die Topeka Schule" von Ben Lerner

Wer die USA verstehen will, muss zurückblicken in die 90er Jahre: Der Sieg im Kalten Krieg, das "Ende der Geschichte", das Massaker von Columbine. Entlang dieser These hat Lerner einen Roman geschrieben, in dem er von einem Debattier-Crack erzählt.

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Von
  • Marie Schoeß

In der Jugend bestand das Problem für Adam darin, dass Debattieren ihn zum Nerd und Dichten ihn zur Pussy machen konnte. Das lässt uns Ben Lerner über seinen Protagonisten und über die Bilder von Männlichkeit in dessen Jugend wissen: Adam Gordon besucht eine Highschool in den USA, er ist: Sohn eines Psychologenpaars, Meister im Debattieren und heimlich hingezogen zur Lyrik – besonders zu dem Rausch, in den ihn die Sprache versetzt, wenn er ihr freien Lauf lässt, Intonation, Rhythmus, Klang nicht mehr bewusst steuert. Diese Erfahrung macht Adam auch beim "Schnellsen", einer besonders verstörenden Art, Highschool-Debatten zu gewinnen. Eigentlich ein Kollaps der Sprache, einem Nonsense-Gedicht nicht unähnlich: Ziel ist es, möglichst viele Argumente in kürzester Zeit vorzubringen, damit der Gegner nicht auf jedes eingeht und unterliegt.

"Diese Kinder dehnen die Sprache, bis sie bricht"

"Das 'Schnellsen' war umstritten; erfolgte es vor Laienpunktrichtern, sorgte es für Entsetzen und für Beschwerden. Altgediente Trainer sehnten sich nach der Zeit zurück, als Debatten noch echte Debatten waren. Die häufigste Kritik, die am 'Schnellsen' geübt wurde, war, dass es die politische Debatte von der wirklichen Welt löste, dass kein Mensch Sprache so verwendete wie diese Debattierer."

"Auf der einen Seite ist das abstoßend und macht Angst", sagt Lerner – "aber es liegt auch eine gewisse Poesie darin: Diese Kinder dehnen die Sprache so weit, bis sie bricht. Und das bringt einen zurück zum eigentlichen Wunder Sprache: Wenn Sprache wieder zur Masse im Mund wird, und wir bemerken, dass sie sich erneuern lässt und dass wir sie erneuern müssen, wenn sie an dieses Extrem gelangt ist. So gesehen ist die gute Seite an dem ganzen Trump-Desaster auch, dass er in jeder Lüge eine Wahrheit ausspricht – nämlich die, dass wir eine neue Sprache brauchen."

Familiengeschichte mit lebendigen Charakteren

Ben Lerner nutzt ein der Sprache und Literatur ganz eigenes Wissen, um sich einen Reim auf die Politik unserer Zeit zu machen: Er sucht nach Mustern, Symmetrien, Analogien, nach den Figuren also, die Geschichte und Literatur gleichermaßen strukturieren. Und er findet in ihnen Schönheit und Poesie, aber auch politische Aufklärung: Was verrät es, überlegt Adam zum Beispiel, als er die Schule längst verlassen hat, dass die Trennung von Form und Inhalt, das Überwältigen mit Sprache und Skandalen, nicht mit Trump und Twitter begann, sondern in den 90er Jahren zu beobachten war? In Debatten unter Schülern? Welche Skripte, wie ein Mann zu sprechen, zu lieben, zu dominieren hat, wirken unbewusst in seiner Stimme, in seinen Gesten, in seiner Generation fort? Solche Fragen prägen die Geschichte zwischen Kansas und New York, und die große Kunst Lerners liegt darin, daraus keinen Ideenroman gestrickt zu haben, sondern eine Familiengeschichte mit lebendigen Charakteren, die einem ungemein nahkommen: Adam natürlich, aber auch die zwei weiteren Perspektiven dieser Erzählung, Adams Vater und seine Mutter:

"Ich drehte das Wasser ab, schlüpfte in einen der Hotelbademäntel, machte die Tür auf und sah euch beide aufeinander eindreschen (…); mit einem Mal sah ich dich und Jason nicht mehr als Kinder, sondern als junge Männer, und wie viel Kraft in euch steckte, echte Wut, echte Gewalttätigkeit. Inzwischen hattet ihr einander gepackt, versuchtet einander zu Boden zu werfen, und du hast Jason entweder absichtlich oder per Zufall einen kräftigen Ellbogenstoß gegen die Oberlippe versetzt. (...) Dad packte ihn, legte ihn aufs Bett und musste ihm langsam die Lippe von seiner Zahnspange ablösen; (…) Du hast dich in eine Zimmerecke zurückgezogen und wie ein Bauchredner irgendeinen Wortbrei aus Machosprüchen von dir gegeben – 'Ich hab dich gewarnt, Arschloch; Alter, lass es, hab ich gesagt' –, aber du hattest Tränen in den Augen, warst wieder ein Kind."

© Suhrkamp Verlag (Montage: BR)
Bildrechte: Suhrkamp Verlag (Montage: BR)

„Die Topeka Schule“ von Ben Lerner erscheint am 17. August im Suhrkamp Verlag. 395 Seiten kosten 24,- Euro.

Ben Lerner erzählt hier nicht die Geschichte irgendeiner Familie: Auch er ist in Topeka zur Schule gegangen, auch er übte sich im Debattieren, auch er wagte sich bald an die Lyrik. Lerner schreibt, wie so viele Autoren dieser Tage, Autofiktion.

Was interessant ist an der Autofiktion, ist doch, dass es heißt: Die eigene Erfahrung in den Vordergrund zu stellen, sie zu verbinden mit Fiktion, sei eine narzisstische Angelegenheit", sagt Lerner. "Ich verstehe das, das stimmt auch. Aber Autofiktion ist doch auch eine Art, die Möglichkeit auszuschlagen, den großen, weißen, männlichen amerikanischen Roman zu schreiben, der grenzenlosen Zugang zu jeder Perspektive hat und selbst aus einer Perspektive im Nirgendwo geschrieben ist. Was mich anzieht an der Arbeit mit autobiografischen Elementen, ist genau das: Dass du vornherein alle Probleme der eigenen Position zugibst."

Dieser Roman erinnert seine Leser hier und da ganz offen daran, dass Adam als weißer Mann durch die Welt geht. Aber er tut das nicht im Gestus des Politisch-Korrekten, so als wolle er pflichtbewusst auf Toni Morrison antworten, die beklagte, dass die US-amerikanische Literatur Weißsein nie benenne, weil sie sich den normalen Charakter immer weiß vorstelle. Dieser Roman hat sich diese Norm ausgetrieben und ist nun im besten Sinne neugierig darauf, die eigene Perspektive bewusst zu entdecken, zu entdecken, was es heißt, als weißer Mann durch diese Gesellschaft zu gehen. Und es ist ein Geschenk, von dieser Neugierde angesteckt zu werden.

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