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Bei der Flaneuse wird der Spaziergang zum politischen Protest | BR24

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Ziellos umherstreifen und darüber schreiben: Das taten Männer wie Charles Baudelaire und Edgar Allan Poe. Doch nicht alle können unbeschwert flanieren, etwa Frauen und Queers, sagt Özlem Özguel Dündar – und hat ihre Texte übers Flanieren gesammelt.

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Bei der Flaneuse wird der Spaziergang zum politischen Protest

Ziellos umherstreifen und darüber schreiben: Das taten Männer wie Charles Baudelaire und Edgar Allan Poe. Doch nicht alle können unbeschwert flanieren, etwa Frauen und Queers, sagt Özlem Özguel Dündar – und hat ihre Texte übers Flanieren gesammelt.

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Flaneure – das waren für Jahrhunderte fast ausschließlich Männer, privilegiert, gebildet, finanziell unabhängig, so dass sie es sich leisten konnten, ziellos durch die Stadt zu streifen. Daraus entwickelte sich die Figur des Dandys, und mit Charles Baudelaire und Edgar Allan Poe ein ganzes Genre. Frauen, die flanieren, muss man in der Literaturgeschichte suchen, genauso People of Color und Queers. Der Erzählband "Flexen. Flâneusen* schreiben Städte" setzt dem etwas entgegen. Eine der Herausgeberinnen ist Özlem Özguel Dündar. Joana Ortmann hat mit ihr gesprochen.

Joana Ortmann: Warum ist denn Flanieren für Frauen etwas so Anderes? Hängt es damit zusammen, dass es auch was mit ‚Raum einnehmen‘ in einer Stadt zu tun hat?

Özlem Özguel Dündar: Also, der Stadtraum ist ja ein ganz besonderer Raum, in dem man als Frau, aber zum Beispiel auch als transsexueller Mensch, ganz anders wahrgenommen wird. Davon handeln viele Geschichten in dem Band. Es geht in den Texten immer wieder darum, dass sich Frauen beobachtet fühlen, auch auf sexuelle Art und Weise. Dabei ist ja der klassische Flaneur eigentlich der Beobachter! Insofern ist für die Flaneuse das Flanieren etwas ganz Anderes als für den Flaneur, der es sich als weißer, heterosexueller Mann leisten kann, unbeobachtet und unbehelligt durch die Stadt zu wandern.

Aber das ist ja die Frage: Der Flaneur wird vielleicht auch beobachtet – nur schert er sich nicht darum. Welche Rolle spielt das?

In den meisten Texten empfinden die Frauen es als unangenehm, beobachtet zu werden. Sie streben eher nach Anonymität, wollen entspannt herumlaufen und selbst in die Beobachterinnen-Perspektive schlüpfen. Aber das gelingt eben nicht – und wird deshalb als ein Problem dargestellt, beziehungsweise als ein Störfaktor.

In einer Geschichte ist eine Mutter mit Kinderwagen unterwegs – und sie schildert auch dieses Phänomen. Zuerst denkt man als Leserin, naja, das ist ja ganz normal, dass Mütter Aufmerksamkeit auf sich ziehen, aber bei ihr passiert das, weil sie als Frauenpaar mit Baby in Erscheinung tritt…

Sie wird automatisch immer gefragt, wo denn der Vater ist. Das heißt, es wird die Norm vorausgesetzt, dass eine Frau mit Kinderwagen einen Mann als Vater an der Seite haben muss. Die Geschichte thematisiert zugleich, dass diese Frau echt Probleme hat, mit ihrem Kinderwagen durch die Stadt zu kommen. Die Straßen sind nicht dafür gemacht, und sie muss sich da irgendwie ihren Weg suchen und sich ständig neu orientieren. Und da klappt das Flanieren eben auch nicht.

Wenn wir jetzt über das Flanieren und seine Grenzen in Deutschland oder Europa sprechen, dann bewegen wir uns natürlich immer noch in einem privilegierten Bereich. In Ihrer Anthologie finden sich auch Geschichten, die zeigen, dass es Orte gibt, an denen Flanieren schon bedeuten kann, dass man sich politisch positioniert …

Zum Beispiel in Indien, wo sich Frauen zu einer bestimmten Uhrzeit verabreden, zum Beispiel nachts oder in Gegenden, wo sie sich normalerweise nicht hin trauen. Und sie tun das einfach nur, um durch die Stadt zu laufen. Das ist politischer Protest.

Ist das Buch dann auch ein Aufruf dazu?

Ja, im Vorwort haben wir als Herausgeberinnen ein kleines Manifest geschrieben, in dem wir besonders Frauen und Queers aufrufen, zusammen rauszugehen, Beobachtungen zu sammeln und Texte darüber zu schreiben. Denn ihre Perspektiven auf die Stadt fehlen im Kanon. Es geht also nicht nur ums Flanieren, sondern auch darum, das Flanieren in literarischen Texten oder anderen Formen zu dokumentieren – denn ohne Dokumentation wird es nicht weitergegeben. Dann kann auch keine Wissenschaft und keine Literaturgeschichte dazu entstehen. Das ist aber sehr wichtig, damit das zum Beispiel in hundert Jahren auf andere Art und Weise gelesen werden kann.

Sie beschreiben das Flanieren auch noch mit einem ganz lustigen Wort: flexen. Was heißt das genau?

Das Wort kannten wir vorher aus unterschiedlichen Kontexten, es ist vieldeutig und heißt schleifen, im handwerklichen Sinn, aber auch Muskeln zeigen, Koks nehmen oder Sex haben. Das heißt es passt in viele Zusammenhänge, auch dieses ‚sich mehr nach außen zeigen‘ steckt drin. Das fanden wir gut für die Anthologie und haben dem ‚Flexen‘ noch die Bedeutung ‚Flaneuserie‘ hinzugefügt.

© Cover: Verbrecher Verlag, Montage: BR

"Flexen. Flâneusen* schreiben Städte", herausgegeben von Ö. Ö. Dündar, R. Othmann, M. Göhring und L. Sauer, ist im Verbrecher Verlag erschienen.

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