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Verrostete Fußfessel: Zeichen der Erniedrigung

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    Brutale Bestattung: So "entsorgten" die Römer ihre Sklaven

    Der Mann wurde achtlos in eine Grube geworfen, die Leiche trägt bis heute eiserne Fußfesseln. Im britischen Great Casterton machten Archäologen eine schaurige Entdeckung: Erstmals gibt es ein Beweisstück für die gewaltsame römische Sklavenhaltung.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Der Mann starb zwischen 226 und 427 nach Christus, die Todesursache ist nicht mehr feststellbar. Seine Leiche wurde offenbar ohne jede Respektbezeugung in eine Grube geworfen. Sie trägt verschließbare eiserne Fußfesseln, aus welchen Gründen auch immer. Unter den Füßen fanden sich mehrere Nägel, womöglich Überbleibsel von Schuhen. Für die Experten vom MOLA (Museum of London Archaeology) ist es jedenfalls ein weltweit bedeutsamer Fund, der als einer der ganz wenigen direkte Rückschlüsse auf die Sklavenhaltung im Römischen Reich zulässt. Zwar gebe es dazu eine Reihe von schriftlichen Quellen, so die Archäologen, aber außer Metall-Fesseln keine vorzeigbaren Objekte. Sie würden überdies sehr selten gemeinsam mit Knochenresten ausgegraben, und die Bestattung des Mannes von Great Casterton, der zwischen 26 und 35 Jahren alt gewesen sein soll, sei der bisher einzige derartige Fund, der fraglos aus der römischen Antike stamme.

    Warum wurde die Fußfessel nicht entfernt?

    Es stellten sich in diesem Fall Fragen, die sonst nicht aufkämen, so MOLA-Experte Chris Chinnock. Er sagte zur "Zufallsentdeckung", es sei unstrittig, dass die Römer Sklaven hielten, einmal mehr sei jedoch deutlich geworden, wie schwer das bei Ausgrabungen nachzuweisen sei. Wer der Mann war, dessen Knochen ans Tageslicht kamen, werde niemals zu klären sein, es handle sich jedoch um den zumindest in Großbritannien bisher augenfälligsten Beweis für Sklaverei in der Antike. Gegenstand der Debatte sei vor allem, warum die Fußfessel bei der Bestattung der Leiche nicht entfernt wurde. Womöglich sei das als besondere Erniedrigung gedacht gewesen, vielleicht auch ein Zeichen für die außergewöhnliche Rohheit der betreffenden Sklavenhalter.

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    Röntgenbild der Fußfessel

    Für MOLA-Spezialist Michael Marshall ist klar, dass Fesseln bei den Römern in Ausnahmefällen für Gefangene, häufiger jedoch zur stigmatisierenden Bestrafung eingesetzt wurden, zumal die äußerlichen Spuren auch nach dem Entfernen noch lange Zeit deutlich sichtbar blieben: "Die Entdeckung von Eisenschellen in einem Grab legt jedoch nahe, dass sie sowohl eingesetzt wurden, um Lebende, als auch Tote zu beherrschen. Das mag ein Hinweis darauf sein, dass die symbolischen Folgen von Gefangenschaft und Sklaverei sich ins Jenseits erstrecken konnten." Er sprach von einem "sehr außergewöhnlichen" Fall. Bisherige Forschungsergebnisse legen nahe, dass Fußfesseln vor allem Anwendung fanden, wenn es galt, entlaufende Leibeigene oder zur Zwangsarbeit Verurteilte zu strafen. Möglicherweise mussten sie auch von Sklaven bei der Feldarbeit getragen werden, ließen sie doch nur kurze Gehdistanzen zu.

    Der Mann musste schwer arbeiten

    Die Forschungsergebnisse des MOLA wurden am Montag in der Fachzeitschrift "Britannia - A Journal of Romano-British and Kindred Studies" ohne Gebührenschranke veröffentlicht, wo auch zahlreiche Fotos zu sehen sind. Dort heißt es, zwar gebe es einige wenige Leichenfunde aus der Römerzeit, bei denen ebenfalls Fesseln entdeckt wurden, in diesen Fällen handle es sich jedoch ausnahmslos um Opfer von Naturkatastrophen, etwa Vulkanausbrüchen. Die Betroffenen trugen ihre schmählichen Kennzeichen also zu Lebzeiten, wurden vom Tod "überrascht" und von Asche und Geröll bedeckt. In einer Bestattung gab es demnach aus der Zeit des Römischen Reiches bisher noch keinen Fall, wo eine Leiche gefesselt war.

    Bemerkenswert ist auch die Position des Skeletts. Obwohl es rund sechzig Meter von der Fundstelle entfernt einen römischen Friedhof gab, so Chris Chinnock, wurde der Mann abseits beerdigt, auf der anderen Seite einer heute dort angelegten Straße. Die Anordnung der Knochen lege nahe, dass dessen sterbliche Überreste in eine Grube geworfen wurden. Die Leiche ruhte auf der rechten Schulter, der linke Arm stand ab. Verletzungsspuren deuten darauf hin, dass die Person schwere, gleichförmige Arbeiten verrichten musste, womöglich auch mal gestürzt ist oder misshandelt wurde, weil ein Oberschenkelknochen gebrochen war. An den Knöcheln waren ebenfalls Verletzungsspuren nachweisbar, die unter Umständen von den Fesseln stammten.

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    Lageskizze der Leiche

    Archäologe Chris Chinnock hat einen Blog eingerichtet, wo er den 2015 gemachten und jetzt intensiv studierten Fund ausführlich diskutiert. So fehlt der Schädel der Leiche, der offenbar irgendwann bei Bauarbeiten unabsichtlich weggebaggert wurde. Dass der Mann enthauptet wurde, sei möglich, aber unwahrscheinlich, denn auch einige Halswirbel würden vermisst. Ein Sarg oder irgendeine Form von Verhüllung seien nicht nachweisbar. Es handle sich vermutlich um eine Abfallgrube, in der zunächst Tierknochen und anderer Haushalts-Müll abgelegt worden war. Dort sei dann ein flaches Grab ausgehoben worden.

    All das lässt die Archäologen über die Rolle von Sklaven in der Antike spekulieren, die Opfer "struktureller Gewalt" geworden seien. Wie ihr Leben im Einzelfall genau aussah, lässt sich bisher nicht mit Sicherheit sagen, da ihr Schicksal wohl sehr unterschiedlich war und manche Sklaven Seite an Seite mit Freien arbeiteten, wenn auch zu unterschiedlichen Bedingungen.

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