BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Brücken-Sporn in die Romantik: So wuchtig ist die Isar | BR24

© Bild: Jungblut/BR / Audio: BR

Ein massiver Steg aus Fichtenholz ragt jetzt bis Ende 2021 über die Isar: Das japanische Architekturbüro Bow-Wow will damit an die Geschichte der Flößerei erinnern, aber auch romantische Gefühle wecken - denn die Insel gegenüber bleibt unerreichbar.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Brücken-Sporn in die Romantik: So wuchtig ist die Isar

Ein massiver Steg aus Fichtenholz ragt jetzt bis Ende 2021 über die Isar: Das japanische Architekturbüro Bow-Wow will damit an die Geschichte der Flößerei erinnern, aber auch romantische Gefühle wecken – denn die Insel gegenüber bleibt unerreichbar.

Per Mail sharen

Die Isar macht ja derzeit nur noch mit den Müllhalden Schlagzeilen, die sich Woche für Woche auf den Kiesbänken anhäufen. Ein intensiv genutztes Naherholungsgebiet für leidenschaftliche Grillfans und alle, die sich im Sommer zwischendurch mal kalte Füße holen wollen. Doch das wird dem eigentlichen Charakter dieses geschwind eilenden Gebirgsflusses natürlich überhaupt nicht gerecht, und diese Botschaft kommt ausgerechnet aus dem fernen Tokio.

Baumwipfelweg über Linz

Dort arbeiten die beiden japanischen Architekten Yoshiharu Tsukamoto und Momoyo Kajima, besser bekannt als Architekturbüro Bow-Wow, was beinahe klingt wie der deutsche Familienname Bauer, aber natürlich das englisch "Wow" enthält, mit zwei "W" und dem Ausdruck von Begeisterung. Sie haben international Erfolg, vertraten ihr Land bereits auf der Biennale in Venedig, überbauten die Altstadt von Linz mit einem riesigen, begehbaren Holzsteg, wie er sonst nur in Baumwipfelwegen eingesetzt wird, und bereicherten Liverpool mit einer hölzernen Open-Air-Rockbühne.

© Jungblut/BR

Imposante Stämme: Besucher auf dem Sporn

Und Holz ist auch jetzt wieder, in München, das Material, mit dem die beiden Architekten für Aufsehen sorgen. Dazu der deutsche Partner Hannes Rössler: "Mit Atelier Bow-Wow, diesem japanischen Architekturbüro, zusammenzuarbeiten, ist immer überraschend, weil sie ihre Fremdheit, ihre kulturelle Andersartigkeit immer benutzen, um den Ort, an den sie kommen, neu zu betrachten. Ihr Ansatz war, sich mit der Stadt München und ihrer Beziehung zur Isar auseinanderzusetzen. Der Bezug zu den Alpen, die Materialien, die die Stadt geprägt haben, das Holz, das transportiert wurde, dieses alles in das Projekt hinein zu nehmen und den Menschen damit nicht nur einen Raum zu geben, sondern eine zeitliche und kulturelle Bezugsachse."

© Jungblut/BR

Romantische Blickachse

Diese gedankliche Achse steht nun an einem eigentlich recht unwirtlichen Ort, einer viel befahrenen Uferstraße in der Nähe des Bayerischen Landtags. Wer dort vorbeisaust, hat es wahrscheinlich eilig, als Autofahrer sowieso, aber wohl auch als Radfahrer. Jetzt, wo dort eine mächtige Brücke über die Isar ragt, hält vielleicht doch mancher an. Das Holzgestänge ist gewaltig, massiv, urtümlich, als ob sich Fichten ineinander verkeilt haben, die bei einem Hochwasser hierher gespült wurden.

Die Isar ist eine Wucht

"Die Herstellung dieses Kunstwerks, dieses Objektes, dieses Brücken-Sprosses aus zwanzig Zentimeter starken, runden Holzstämmen, das ist eine Wucht, die auch die Wildheit der Isar zum Ausdruck bringen soll", sagt Hannes Rössler. "Statisch hätte etwas weniger auch gereicht, darum ging es nicht. Es war die ausdrückliche Absicht, diesen Fluss wieder in seine Bedeutung reinzusetzen und zu zeigen, wir haben es mit einem wilden Alpenfluss zu tun, der mitten durch die Stadt fließt und es geht sechs Meter runter bis zum Wasser und die Wassertreppe kommt von rechts daher, also das ist eine physische Erfahrung!"

© Jungblut/BR

Feierliche Enthüllung: Festgäste an der Isar

Es rauschen die Wassermassen, das Blätterdach der Baumallee und der Autoverkehr: Was für eine irritierende Klang-Mischung! Der Besucher betritt diesen Brücken-Spross, diesen "Bridge Sprout", über eine feuerrote Rampe. Dann geht es durch das Holzgestänge bis über die Isar, aber der Weg bricht ab, das gegenüberliegende Ufer wird nicht erreicht. Bleibt nur der sehnsuchtsvolle Blick hinüber, zur grünen Schwindinsel, wo Spaziergänger im Schatten flanieren, oder auch zur Wassertreppe, wo die Gischt Kühlung verspricht. Lauter Ziele, die von hier aus unerreichbar bleiben, damit spielen die Japaner mit der Gedankenwelt der typisch deutschen Romantik, die ja auch stets in die Ferne strebte, allerdings nicht mit dem Auto, sondern mit dem Herzen.

© Jungblut/BR

Sehnsucht nach der Ferne

Und das alles kombiniert mit japanischer Leichtigkeit, wie Hannes Rössler erklärt: "Sie schwingt auch leicht, die Brücke hat – da ist es wieder ein japanisches Projekt – eine ganz ephemere Konstruktion. Sie hat kein Fundament, sie liegt wie ein Waagebalken auf der Ufermauer, nur das Gegengewicht der Rampe hält sie im Gleichgewicht, natürlich alles statisch und prüfstatisch abgesichert, aber es ist ein non-invasives Projekt."

Erstaunlich, wie die Gedanken wandern

Der Isar-Sporn aus Fichtenholz wird nur bis Ende nächsten Jahres zu betreten sein, danach wird er wieder abgebaut: Es soll keine Stadtarchitektur werden, sondern ein künstlerisches Ausrufezeichen. Passt zur Städtepartnerschaft Münchens mit Sapporo, wo bekanntlich 1972 die Olympischen Winterspiele stattfanden. Bald ist das fünfzigjährige Jubiläum zu feiern. Erstaunlich, in welche Richtungen die Gedanken hier gelenkt werden: Zur einst wichtigen Isar-Flößerei, zur Romantik, zum Holzhandwerk und zu Münchens Gegenwart. Nur die Müllhalden, die kann der Besucher hier vergessen.

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!