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Gespannte Erwartungen: Publikum vor TV-Gerät

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    Britischer TV-Sender will "Wichtigtuerei der Eliten" entlarven

    Er war 25 Jahre bei der BBC, jetzt startete der schottische Starjournalist Andrew Neil mit "GBNews" seinen eigenen Nachrichtenkanal und kündigte "hitzige Debatten" an, wenn auch keine "Schreiduelle" - und klare Distanz zur "Medienblase".

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    Von
    • Peter Jungblut

    Es ist der erste neue Nachrichtensender in Großbritannien seit 24 Jahren, als die BBC ihren aktuellen TV-Kanal startete, und "GBNews" dürfte noch für viel Wirbel sorgen. Im Vorfeld des Sendestarts war bereits spekuliert worden, ob da etwa ein Ableger der amerikanischen "Fox News" in Europa Fuß fassen wolle. Und tatsächlich war Senderchef Andrew Neil (72) ja mal elf Jahre Chefredakteur der "Sunday Times", einem Blatt des rechtslastigen Medienzaren Rupert Murdoch, zu dessen Konzern auch "Fox News" gehört. Neil war 1988 auch Gründungsdirektor von Murdochs "Sky TV" und gab das konservative Wochenblatt "The Spectator" heraus. Er zählt zu den streitbarsten und bekanntesten britischen Medienleuten und will ungeachtet seines Rentenalters seinen Ruf als rechter Meinungsmacher offenbar weiter festigen.

    "Wir werden nicht sklavisch der Tagesordnung folgen"

    "GBNews" werde all denen eine Stimme geben, die sich an den Rand gedrängt oder zum Schweigen gebracht fühlten, so Neil in seinen Begrüßungsworten gestern Abend um 20.00 Uhr Ortszeit in London: "Wenn es für Sie wichtig ist, ist es für uns wichtig. GB News wird nicht sklavisch der bestehenden aktuellen Tagesordnung folgen." Obwohl er gelobte, niemand werde auf dem neuen Sender "tyrannisiert", ließ er keinen Zweifel daran, wo er politisch steht: "Wir werden der Aufgeblasenheit unserer Eliten in der Politik, Wirtschaft, Medien und Wissenschaft die Luft ablassen und deren wachsende Propaganda für die politische Korrektheit (cancel culture) als die Gefahr für Redefreiheit und Demokratie entlarven, die sie ist."

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    Andrew Neil bei seiner Eröffnungsrede

    Der maßgeblich vom amerikanischen Medienkonzern Discovery mitfinanzierte Sender wolle keine "Echokammer" der großstädtischen Mentalität sein, wie viele andere Programme, daher werde er auch nicht übermäßig präsent sein in der "Westminister-Blase" der Londoner Politiker, die sich allesamt hauptsächlich um sich selbst drehten: "Wir werden uns mehr darauf konzentrieren, was den Wohlstand und den Arbeitsmarkt in unseren zurückgelassenen Städten beleben kann, als darauf, was im Übermaß privilegierte und geschichtsvergessene Studenten in Oxford an die Wände kleben. Soziale Mobilität und eine faire Chance für alle im Leben werden für uns wichtiger sein als das Ödland im Nirgendwo der Identitätspolitik." Und wenn "GBNews" doch mal dieselben Themen behandle wie andere News-Kanäle, dann werde das auf "unterschiedliche Art" geschehen. In jedem Fall wollten er und seine Kollegen niemanden "belehren", so Neil, der selbst vier Mal die Woche auftreten wird.

    "Wir wollen zivilisierten Streit"

    Mitunter werde "GBNews" Widerspruch herausfordern: "Aber wir wollen den zivilisierten Streit. Keine Schreiduelle. Wie hitzig unsere Diskussionen auch immer werden - und wir lieben hitzige Debatten - wir werden immer Respekt für abweichende Meinungen einfordern." Und da das gesamte Team fest vor habe, bei der Arbeit "Spaß zu haben" und die Moderatoren nicht nur nach "Charakter, Ausstrahlung und Ansichten" ausgewählt worden seien, sondern auch nach "Sinn für Humor", sei gute Unterhaltung zu erwarten. Im Übrigen fühlen sich Andrew Neil und seine Kollegen sehr "britisch" und haben nach eigener Aussage demnach kein Interesse daran, immer nur über die nationalen "Gebrechen" zu sprechen, sondern auch "gute Nachrichten" beizusteuern.

    Immerhin, "Fake News, Lügen, Desinformation, Tatsachenverdrehungen und Verschwörungstheorien" würden bei "GBNews" keinen Niederschlag finden: "Denn in allem, was wir machen, lassen wir uns von den höchsten journalistischen Ansprüchen leiten, und das steht im Arbeitsvertrag von jedem, der für uns arbeitet. Handfeste, sogar streitige Debatten - natürlich!" Daher sei auf dem neuen Sender auch eine "deutlich größere Bandbreite von Stimmen" als bisher ins Auge gefasst. Gleichwohl würden Themen, die erkennbar auf Unwahrheiten beruhten, "niemals" Beachtung finden: "Und wenn wir Fehler machen - was vorkommen wird - werden wir sie schnell und ohne Spitzfindigkeiten korrigieren."

    Zuschauer: Bildqualität wie beim "Studentenkanal"

    Klar, dass der konservative Ex-Starmoderator Piers Morgan auf seinem Twitter-Account Beifall klatschte und gratulierte, dass die "neue Welle schon Wellen" schlage. Morgan war beim Sender ITV rausgeworfen worden, nachdem er Meghan, die Herzogin von Sussex, übel beschimpft hatte. Zeitweise hieß es, der sehr polarisierende Journalist werde auch bei "GBNews" unterkommen, inzwischen ist nicht ausgeschlossen, dass er wieder bei seinem alten Arbeitgeber anfängt, denn die Quoten von "Good Morning Britain" sind seit Morgans Weggang drastisch gefallen.

    Die Eigentümer von "GBNews" wollen möglichst 96 Prozent der britischen Haushalte erreichen. Erste Zuschauer machten sich vor allem über die technische Qualität lustig und vermuteten wegen der leicht verschwommenen Bilder eine Art "Studentenkanal". Andere fragten sich, wofür "das ganze Geld" denn ausgegeben worden sei. Auch das größte britische Boulevardblatt "The Sun" verwies auf den "körnigen Bildschirm" und darauf, dass der Ton mitunter nicht lippensynchron gesendet worden sei, von einem kurzzeitigen Totalausfall ganz abgesehen.

    Politisch brisant ist der Sender-Start auch deshalb, weil die BBC derzeit unter gehörigem Rechtfertigungsdruck steht: Sie gilt vor allem einigen Tories als zu teuer, zu unbeweglich und zu links.

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