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Was inhaftierte Väter ihren Kindern aus dem Gulag schrieben | BR24

© dpa

Zaun und Stacheldraht eines ehemaligen Straflagers in Perm

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Was inhaftierte Väter ihren Kindern aus dem Gulag schrieben

Diese Briefe wurden jahrzehntelang unter Lebensgefahr aufbewahrt und wie Schätze gehütet: letzte Worte, die inhaftierte Väter zur Stalinzeit aus dem Gulag an ihre Kinder sendeten. Nachzulesen nun in einem neuen Buch der Organisation Memorial.

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Die Menschenrechtsorganisation MEMORIAL setzt sich in Russland und anderen nach-sowjetischen Staaten für die Aufarbeitung der Gewaltherrschaft des Stalinismus ein. Was es bedeutete, von Stalin in Sippenhaft genommen und in den Gulag geschickt zu werden, wird sehr deutlich an einem Buch mit Material aus Memorial-Archiven, das gerade erschienen ist und Briefe von Vätern versammelt, die aus dem Lager an ihre Kinder schrieben. Herausgeberin ist die russische Germanistin und Kulturwissenschaftlerin Irina Scherbakowa, die schon lange zu den Opfern des Stalinismus forscht und auch vielfach in Deutschland engagiert ist, etwa als Mitglied des Kuratoriums der Gedenkstätte Buchenwald und des Beirats der Stiftung Topographie des Terrors. Judith Heitkamp hat mit Scherbakowa gesprochen.

Judith Heitkamp: 14 Familiengeschichten liegen da vor uns, in Briefen aus dem Lager. Das klingt so alltäglich – gehörte das Briefeschreiben zum Alltag im Gulag?

Irina Scherbakowa: Natürlich gehörte es nicht zum Alltag, aber es gab verschiedene Phasen, die Lager bestanden bis Ende der 50er-Jahre, eine sehr lange Zeit, in der Millionen von Menschen die Erfahrung des Gulags gemacht haben. Anfang der 30er-Jahre etwa konnte man Briefe schreiben. Dazu gibt eine Geschichte in diesem Buch von Professor Wangenheim, einem Wissenschaftler mit deutscher Abstammung. Seine kleine Tochter Maria war vier, als er verhaftet wurde, und er hat ihr jahrelang Briefe geschickt, lange Briefe, darunter mathematische Aufgaben, lustig aufgemacht, und ein sehr schönes ABC. Die Erinnerung an ihn hat seine Tochter absolut geprägt, sie wurde selbst später Professorin für Geografie. Diese Briefe haben eine irrsinnige Bedeutung für sie. Wir sehen das auch an anderen Beispielen – es sind ja immer letzte Worte. Manchmal auch nur auf geschmuggelten Kassibern oder aus Transportwaggons herausgeworfenen kleinen Zettelchen, die glücklicherweise angekommen sind.

In fast allen Botschaften werden die Kinder beschworen, weiter an die Partei zu glauben, weiter zur Sowjetführung zu stehen – von Vätern, die doch gerade in diesem Moment die Grausamkeit dieser Führung erduldeten. Wie kommt das?

Nicht in allen, aber in fast allen. Diese Väter waren Ingenieure, Architekten, Intellektuelle, Redakteure, Übersetzer. Ich denke, sie haben alle oder fast alle auf diese oder jene Weise an die Partei geglaubt. Und auch wenn die Partei sie festgenommen hat, dann durften die Kinder trotzdem diesen Glauben nicht verlieren. Es war eine Utopie. Gleichzeitig mussten sie große Angst um ihre Kinder haben. Mit Recht, einige wurden noch, als sie schon erwachsen waren, ihrer Väter wegen verhaftet, als Kinder von Volksfeinden

Sie haben sich dafür entschieden, nur Lebenszeichen, Briefe, Zeugnisse von Vätern auszusuchen. Warum?

Es gibt tatsächlich unter den 60.000 Familiengeschichten im Memorial-Archiv viel mehr Geschichten und Erinnerungen von Frauen, denn unter den Überlebenden waren viel mehr Frauen als Männer. Auch sonst hatten die Väter oft keine Zeit, sich um die Kinder zu kümmern. Aber im letzten Augenblick liegt ihnen sehr viel daran, dass ihre Kinder in ihnen keine Verräter sehen. Und dass aus ihren Kindern etwas wird, dass sie eine sinnvolle Arbeit haben, dass sie Bildung bekommen. Diese Briefe sind voll von Ratschlägen: Da sitzt ein Redakteur nachts in der Lager-Baracke und schreibt bei Funzellicht aus dem Kopf einen Abriss der Welt-Philosophie für seine Töchter. Es ist das Letzte, was diese Menschen in ihren letzten Stunden oder Tagen hatten.

© Mike Wolff, TSP

Germanistin und Kulturwissenschaftlerin Irina Scherbakowa

Weiß man, wie diese Kinder es ausgehalten haben, dass ihr Vater einerseits als Ratgeber und Leitbild auftaucht und sie andererseits akzeptieren sollten, dass er zu Recht vom System gestraft wird?

Danke für diese Frage – das ist die dramatischste Frage überhaupt in unserer Geschichte, der Fluch unserer Vergangenheit, von der wir uns nicht lösen können. Wir haben in unserem Archiv ja auch die Kinder-Briefe an Eltern, die im Gulag sitzen. Diese Kinder sind in absoluter Zersplitterung aufgewachsen, in einer unglaublichen seelischen Spaltung. Sie ist, glaube ich, symbolisch für unsere Gesellschaft.

In Russland wird heute viel positiver über Stalin gesprochen als noch vor 20 Jahren. Neue Denkmäler werden aufgestellt. Wie passt das zusammen mit den grausamen Erfahrungen dieser Familien?

Die Menschen leben in kognitiver Dissonanz: Einerseits trauert man eigentlich den Opfern nach, wenigstens den eigenen Opfern. Es gibt kaum Familien, in denen es keine Opfer gab. Andererseits will man den Glauben an den starken Staat nicht verlieren. Und dieser Glaube wurde in den Jahren seit etwa 2000 zur wichtigsten ideologischen Doktrin der Regierung. Interessanterweise – und obwohl dieser Staat den Menschen gegenüber sehr brutal war und immer wieder zum Ausdruck gebracht hat, dass der Staat alles ist und der Mensch nichts bedeutet. Das sitzt den Menschen bis heute in den Knochen.

© Matthes & Seitz Berlin

"Ich glaube an unsere Kinder. Briefe von Vätern aus dem Gulag"

Der Band "Ich glaube an unsere Kinder. Briefe von Vätern aus dem Gulag", herausgegeben von Irina Scherbakowa, ist bei Matthes & Seitz Berlin erschienen.

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