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Bregje Hofstede erzählt von Verlangen und zerbrochener Liebe | BR24

© Audio: BR / Bild: Willemieke Kars

Bregje Hofstede legt mit "Verlangen" einen feinen autofiktionalen Roman vor.

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Bregje Hofstede erzählt von Verlangen und zerbrochener Liebe

Bregje Hofstede gilt in den Niederlanden als eine der besten jungen Schriftstellerinnen. Sie ist erfolgreiche Kolumnistin, ihr Debüt war 2014 für mehrere Literaturpreise nominiert. Jetzt legt sie mit dem feinen autofiktionalen Roman "Verlangen" nach.

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Bregje Hofstedes erster Roman, "Der Himmel über Paris", erzählt von einem Professor für Kunstgeschichte an der Sorbonne, 52 Jahre alt und umgetrieben von den großen Fragen: verpasste Lebenschancen, der Fluch des Selbstbetrugs, andauernde Mutlosigkeit. Als der Roman herauskam, fragte die Presse immer wieder, wie autobiografisch er sei, erzählt die Autorin, selbst Jahrgang 1988 und damit alles andere als ein 52-jähriger Kunstprofessor. Um diese Frage gleich vom Tisch zu haben, treibt sie in ihrem neuen Buch die Lust am autobiografischen Lesen selbstbewusst weiter: Bregje heißt die Erzählerin, und diese junge Frau teilt nicht nur den Vornamen mit ihrer Urheberin.

Ein Mensch im Plural

Sie muss sich mit "Bregje Hofstede" vorstellen, wenn sie ans Telefon geht: So haben es ihr die Eltern eingeschärft. Und doch, als das Telefon klingelt, die Großmutter mit der kleinen Bregje sprechen will, meldet die sich mit "Hallo, ich bin’s, Arielle". Bregje Hofstede, Erzählerin und Protagonistin dieses Romans, ist nicht im Singular zu fassen zu kriegen, nicht mit einem Gesicht, einer Stimme vorzustellen: Als Kind spielt sie nicht bloß Arielle, sie schlüpft nicht einfach ins Tierkostüm, sie ist das, was andere als ihre Maske verstehen.

Und auch die Geschichte ihrer Liebe zu Luc lässt sich nicht einstimmig erzählen. Verschiedene Ichs müssen zu Wort kommen: das Mädchen, das sich das Unangepasste noch traut und sich über die Mutter wundert, die ganz und gar Mensch ist – kein bisschen Meerjungfrau oder wild herumspringendes Tier. Außerdem spricht und schreibt: die junge Frau, die Luc kennenlernt, sich in ihn verliebt und das erlebt, was dem Ideal der romantischen Liebe schon ziemlich nah kommt. Und die erwachsene Bregje, ein paar Jahre später, die an der Jugendliebe zweifelt, zugleich zweifelt, ob es die wahre Liebe im Plural überhaupt geben kann und die – über ihre Zweifel – Gewicht und Schlaf verliert: "Mit meinem Körper schrumpften auch meine Nächte. Irgendwann schlief ich gar nicht mehr. Stattdessen lauschte ich auf mein Herz, das gnadenlos weiterschlug, auf meine Atmung, die viel zu schnell zu gehen schien. Ich lag so steif da wie eine Luftmatratze, die längst aufgepumpt ist und trotzdem weiter aufgeblasen wird."

Die Botschaften des Körpers

Bregje ist eine Frau, die den Stift selten aus der Hand legt und ihn vor allem dafür nutzt, ihre Lebensgeschichte in Form zu bringen: Eine unermüdliche Tagebuchschreiberin ist sie – mit all den Tücken, die diese Disziplin mit sich bringt. Die Gnade des Vergessens hat Bregje gegen eine Regalwand der Beweislast eingetauscht, jedes Detail der Liebe ist dokumentiert und eingeordnet. Das Vertrackte: Das Reflektieren hilft ihr nicht, klar zu sehen. Dass ihr die Liebe keine Lebendigkeit mehr schenkt, verrät ihr nicht das Schreiben, sondern der Körper: Es verraten Flecken auf Hals und Brust eine Serie schlafloser Nächte. "Die Schlaflosigkeit spielt eine große Rolle in dem Roman", so die Autorin. "Sie sagt sich immer, er ist die große Liebe, der Eine, aber der Körper protestiert. Als ob die Kontrolle, die sie sprachlich versucht zu haben, den Körper nicht erreicht."

Dieser Roman sucht nicht nur nach Wendungen, die dem Gedanken "Ich liebe dich" wieder sprachliche Kraft und Unverbrauchtheit geben. Er findet auch verschiedenste Bilder für die Verletzungen einer Liebenden: "flügellahm" werden, "Schwielen auf der Seele" entwickeln – eine Art der Verwundung, die die Erzählerin zugleich ablehnt. Eher schon spielt sie eine Situation gedanklich noch einmal durch – so als "betastete man mit einer Zunge einen wehen Zahn, wobei einem jedes winzige Loch wie ein Riesenkrater vorkommt".

Unverbrauchte Umschreibungen von "Ich liebe dich"

Beim Lecken der Wunden bleibt es aber nicht, der Roman fragt zugleich nach dem Reparieren und Heilen: Wie kann das Ich wieder stark werden? Aber auch: Wie kann ich eine Liebe brechen, ohne einen Scherbenhaufen zu hinterlassen, eher schon: eine geteilte Tasse, die mit Goldpulver wieder zusammengefügt wurde. Keine Einheit mehr, aber auch kein hässlicher Abfall?

"Für mich ist das eine Stärke dieser Figur", sagt Bregje Hofstede. "Denn es ist einfach zu sagen: Diese Liebe war schon von Anfang an kaputt, es musste schiefgehen, eigentlich war er ein Arschloch. Dann hat man einen Punkt gemacht und kann weiter machen. Es ist viel schwieriger, beide Perspektiven zu behalten, aber das versucht sie. Sie will das Süße, die Liebe bewahren, wie sie war, eine lebendige Liebe, aber auch ihr eigenes Leben leben und sagen: Ich muss es zerbrechen. Und beidem versucht sie Raum zu geben im Schreiben."

Die Autorin Bregje Hofstede schafft diesen Raum in ihrem Roman: Die Stimmen erzählen alle im Hier und Jetzt, sie sind miteinander verschränkt, sodass keine glaubwürdiger, kraftvoller, endgültiger scheint als die andere: im Hingerissensein vom frechsten Jungen der Klasse steckt genauso viel Wahrheit wie im Blick der Frau, die plötzlich spürt, dass Freiheit für sie nur noch hypothetisch ist. Und so entwickelt sich eine Geschichte zwischen Eheroman, Coming-of-Age-Geschichte, Kindheitserinnerung, die in feiner Sprache fragt: Wer ist dieses Ich, das da von sich erzählt, und worin liegt die Kraft einer solchen Lebenserzählung?

"Verlangen" von Bregje Hofstede ist in der Übersetzung von Christiane Burkhardt im Verlag Freies Geistesleben erschienen.

© Verlag Freies Geistesleben

"Verlangen" von Bregje Hofstede

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