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Tom Kühnel und Jürgen Kuttner, Kuratoren des diesjährigen Brechtfestivals

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Brechtfestival eröffnet mit Thomas Brasch-Abend

Er war so etwas wie der Enkel Bertolt Brechts: Mit einem Thomas-Brasch-Abend startete gestern das Augsburger Brechtfestival. Unter dem Titel "World Wide Brecht" gibt es zehn Tage Theater, Musik, Lesungen und Ausstellungen zu sehen.

Von
Christoph LeiboldChristoph Leibold
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Brecht und Brasch – das alliteriert wunderbar. Mehr als der Gleichklang der Namensanfänge aber ist es der Nachhall von Bertolt Brechts Themen im Werk Thomas Braschs, der beide Dichter verbindet. Thomas Brasch sei, so Jürgen Kuttner, einer der beiden Festival-Kuratoren, "so ein Autor, der unter diesem Schutt der deutschen Wiedervereinigung lange Zeit begraben lag. Wir dachten, dass es wichtig ist, den auszubuddeln. Er steht wirklich in der Tradition Brecht, ist sozusagen der Enkel Brechts. Und das beleuchtet sich gegenseitig ganz schön, wenn man ein bisschen Brecht im Kopf hat und auf Brasch guckt, und wenn man Brasch sieht und an Brecht denkt – dann ist das durchaus erkenntnisstiftend."

Brasch erlebte, was Brecht erspart blieb

Als Auftakt-Produktion daher: ein Brasch-Abend, inszeniert von Kuttner und Festival-Co-Kurator Tom Kühnel. Thomas Brasch war ein Kind der aus Ruinen auferstandenen DDR. Dass dieses Land, wie Brasch es formulierte, das sein könnte, "was Marx sich von Deutschland gewünscht hat", war eine Hoffnung, die schon Brecht gehegt hatte. Allerdings: Brecht entschied sich nach Krieg und Exil bewusst für den Osten, die gravierendsten Irrwege des real existierenden Sozialismus mitzuerleben, blieb ihm durch einen frühen Tod erspart. Brasch ging den umgekehrten Weg von Ost nach West, übersiedelte 1976 in den Westen, weil er sich um seine Hoffnung betrogen sah.

Das Regie-Duo Kuttner und Kühnel kollagiert chorische Vorträge, Gedicht-Rezitationen und Spielszenen mit dokumentarischem Filmmaterial, das auf die Rückwand eines White-Cubes projiziert wird, der als Spielort dient. Interviews mit Brasch sind zu sehen, Nachrichtenbilder oder Braschs Rede zum Bayerischen Filmpreis, den er 1981 für "Engel aus Eisen" erhielt. Bei der Verleihung suchte er bewusst die Konfrontation.

Festhalten am ausgeträumten Traum

Dass sich der Traum vom Sozialismus für Brasch in der DDR nicht erfüllt hatte, sprach für ihn nicht gegen diesen Traum. Gleichzeitig wusste Brasch, dass Torheit darin steckte, an diesem Traum festzuhalten, so wie er wusste, dass ein Künstler, dessen Kritik an den Verhältnissen vom Staat finanziert wird, ein Hofnarr ist. Als Shakespeare-Übersetzer wusste er aber auch um die Weisheit in der Narretei. Nicht zufällig haben Jürgen Kuttner und Tom Kühnel die Schauspielerinnen und Schauspieler, die in Augsburg Braschs Prosa und Poesie performen, in Narrengewänder gekleidet: Stumpfhosenbeine in zweierlei Farben wie einst Eulenspiegel.

Wäre diese gelungene Mischung aus Bühnen-Biopic, Dokudrama und Werkschau ein Stück von Bert Brecht, sie hieße womöglich "Die Ballade vom traurig-trotzigen Thomas B". Das titelgebende Brasch-Zitat, das Kühnel und Kuttner gewählt haben – "Morgen wird auch ein schöner Tag, sagte die Eintagsfliege" – mag nach ironischem Bonmot klingen. Genau besehen drückt sich darin aber so etwas wie die Hoffnung auf ein besseres Morgen aus, die sich im eigenen kleinen Leben im Heute vielleicht noch nicht erfüllen mag, deswegen aber noch längst nicht tot ist. Darin liegt die utopische Kraft von Thomas Braschs Werk, dem diese Inszenierung eindrucksvoll die Ehre erweist.

Programm mit viel Brecht und Brasch

Das Brechtfestival verspricht übrigens auch noch weitere schöne Tage. Mit viel Brecht und eben auch Brasch. Am Montag zum Beispiel wird "Engel aus Eisen" gezeigt, der Film, mit dem Brasch für den Eklat beim Bayerischen Filmpreis sorgte. Und am Mittwoch kommt Braschs Schwester Marion, selbst Schriftstellerin, zu einer Lesung nach Augsburg.

Der Brasch-Abend steht noch bis zum Juni auf dem Spielplan des Staatstheaters Augsburg.

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