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Kultur

Brecht und Bratwurst: "Dreigroschenoper" in Eggenfelden | BR24

© Theater an der Rott

Mackie Messer unterm Galgen

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    Brecht und Bratwurst: "Dreigroschenoper" in Eggenfelden

    Am Theater an der Rott wird die unverwüstliche Satire von Bertolt Brecht und Kurt Weill zu einem recht schwermütigen Totentanz, der mehr Tempo und Biss vertragen hätte. Gleichwohl überzeugte die opulente Ausstattung, das Publikum war angetan.

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    Beim Handlesen will Mackie Messer nur die guten Prognosen hören, er ist also doch sentimentaler als es scheint. Dabei kennt er natürlich weder ein schlechtes Gewissen, noch schlechte Manieren, nur schlechte Umsätze. Der Mann ist also wie geschaffen für den Kapitalismus und in jeder Hinsicht unverschämt, sogar unverschämt gut aussehend: Markus Krenek spielt ihn im Theater an der Rott in Eggenfelden als österreichischen Stenz im weißen Anzug mit schwarzen Glacéhandschuhen. Ein eleganter Frauenversteher und ungewöhnlich dezenter Flaneur. Richtig gefährlich wirkt er nicht, er ist auch weder sarkastisch, noch kaltschnäuzig oder brutal, dafür hat er erotische Ausstrahlung: Klar, dass nicht nur die Huren von Soho von ihm hingerissen sind, sondern auch die brave Polly Peachum.

    Melancholischer Totentanz

    Regisseur Lorenz Gutmann zeigt die "Dreigroschenoper" als recht melancholischen Totentanz. Der Schnitter treibt sich von Anfang an als Kind auf der Bühne herum, ausgestattet mit einer bunten Maske, wie sie die Mexikaner Allerheiligen tragen, am dort sehr wichtigen Día de Muertos, bei dem die Verstorbenen mit einer ausgelassenen Party geehrt werden. In Eggenfelden stößt der Tod wahllos die Passanten an, ohne dass die es zunächst merken, und doch steht Macheath, der schlimmste Verbrecher von England, am Ende natürlich unter dem Galgen und fügt sich in sein Schicksal. Ausstatter Gerrit von Mettingen hatte dafür einen Raster-Raum mit quadratischen Holzelementen entworfen, eine sehr formatierte Angelegenheit, als ob die Mitwirkenden optisch zurecht gestanzt werden sollten für die Profitmaximierung. Und tatsächlich wird Mackie Messer, als er in "Old Bailey" einsitzt, von diesen Elementen im eigentlichen Sinn des Wortes "eingekastelt".

    © Theater an der Rott

    Parade für die Königin

    Alle, die hier auftreten, reden von Liebe und meinen den Zaster. Sie sind also bereits perfekt funktionierende Konsumenten, die für ihr Wohlergehen jederzeit bereit sind, zu morden, rauben und stehlen, zu verraten, intrigieren und prellen. Das wird in der Inszenierung von Lorenz Gutmann sehr deutlich, und die Batterie aus Discokugeln, die gelegentlich für Glamour sorgt, ist dafür ein genauso treffendes und hämisches Bild wie die pastellfarbenen Lampions und der fahle Vollmond im Hintergrund. Alles billiger Talmi-Tand, der die "wahren" gesellschaftlichen Verhältnisse, die ja ständig besungen werden, bloßstellen soll. Optisch ist das für Eggenfeldener Maßstäbe sehr opulent, am Ende sogar überraschend aufwändig umgesetzt.

    Ohne ätzende Pointen

    Das hätte noch deutlich überzeugender werden können, wenn Lorenz Gutmann mehr Tempo in diese "Dreigroschenoper" gebracht hätte. Mancher Dialog zieht sich arg in die Länge, mancher Song kommt viel zu bieder - was fehlt, ist der satirische Biss, die ätzende Pointe. Alle Beteiligten sind engagiert, aber weder frech, noch ordinär, was bei einem Stück, das im Gossenmilieu spielt, doch nicht ganz unwesentlich wäre. Andererseits ist es die Sommerproduktion des kleinen Landkreistheaters, die selbstredend vor allem unterhaltsam sein soll. So gesehen war die Stückauswahl für diesen Anlass das Problem. Wäre draußen gespielt worden, wie sonst in Eggenfelden im Juni üblich, wäre das möglicherweise weniger gravierend gewesen. So überwog schauspielerisch zu oft der Eindruck, eine Shakespeare-Komödie stünde auf dem Spielplan.

    © Theater an der Rott

    Das ist der Mond über Soho...

    Bertolt Brecht selbst hat übrigens auch einen Auftritt, als mittelloser junger Bettler, der sich bei Jonathan Peachum verdingt. In der Pause darf er die Zuschauer beim Bratwurst-Kauen mit der Gitarre begleiten - ein amüsanter Einfall, der einmal mehr bewies, wie sehr der Dichter schon zur Ikone wurde, bei dem die Nickelbrille und die Lederjacke längst wichtiger sind als seine kommunistischen Überzeugungen von ehedem. Als sommerliches Theaterevent geht diese "Dreigroschenoper" schon in Ordnung, auch wenn sie zu "weich gespült" wirkt und eine halbe Stunde schneller sein könnte.

    Stimmlich überzeugten Carolin Waltsgott als Polly, aber auch Anna Veit als trunksüchtige Frau Peachum. Markus Krenek in der Rolle des Mackie Messer kam deutlich an seine Grenzen, versuchte viel zu "schön" zu intonieren, statt Zähne zu fletschen. Armin Stockerer als Polizeichef von London hätte ruhig noch etwas drastischer auftreten können, schließlich soll er eine Karikatur sein - wie eigentlich alle Mitwirkenden.

    © Theater an der Rott

    Nehmen ist seliger als Geben?

    Dirigent Dean Wilmington hatte anfangs etwas Mühe, die Band rhythmisch in den Griff zu bekommen, doch dann steigerten sich die Musiker deutlich. Der "Kanonensong" allerdings, der sonst immer das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinreißt, verhallte hier ohne Applaus. Das lag an der recht unmartialischen Interpretation, aber auch an der nicht besonders guten Lautsprecher-Anlage, die den Text häufig verschluckte. Gleichwohl ein Brecht/Weill-Abend, der beim regionalen Publikum gut ankam. Die Botschaft wurde demnach verstanden, der Tod nahm seine Maske ab - ist allerdings wohl nur aufgeschoben.

    Wieder am 29., 30. Juni, 5., 6. und 7. Juli 2019 im Theater an der Rott Eggenfelden

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