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© Sebastian Stolz/Staatstheater Meiningen

Schlapper Adel: Revolution im "Schloss Dürande"

Der kunstsinnige Reichsmarschall Hermann Göring nannte den Textdichter einen "absolut Wahnsinnigen" und kommentierte die Oper nach der Lektüre: "Als absoluter Schwank ist es noch zu blöde". Bei der Uraufführung in der Berliner Staatsoper im April 1943 - Propagandaminister Joseph Goebbels hatte zwei Monate zuvor den "Totalen Krieg" verkündet - sorgte "Das Schloss Dürande" beim Publikum beinahe für Panik, denn das Stück endete mit einer gewaltigen Explosion, die einige wohl für einen Bombenangriff hielten. Das konnte dem Chef der Luftwaffe natürlich nicht behagen.

Textdichter schrieb Spitzelberichte

Trotzdem gilt "Das Schloss Dürande" nach der gleichnamigen romantischen Novelle von Joseph von Eichendorff bis heute als ziemlich braunes Machwerk, was vor allem an der Text-Bearbeitung durch Hermann Burte liegt, ein nach heutigen Maßstäben eindeutig rechtsextremer und antisemitischer Dichter, der seit 1936 NSDAP-Mitglied war, Hitler-Hymnen schrieb und auch Spitzelberichte verfasste. Dafür kam der Mann auf die bizarre "Gottbegnadeten-Liste" der Künstler, die keinen Kriegsdienst leisten mussten und erhielt vom "Führer" 15 000 Reichsmark zum 65. Geburtstag. Göring freilich musste über Burtes Ergüsse lachen und sprach von "Schaf-Rollen".

Der Mob im Restaurant

Der Mob im Restaurant

Intendant und Regisseur Ansgar Haag vom Meininger Staatstheater hatte also einen besonders schweren Fall von "Entnazifizierung" zu stemmen: "In dem Text kommt 43 mal das Wort 'Blut' vor, und allein zehn Mal das Wort 'Boden' und zwanzig Mal 'Treue', 'Deutsche Ehre', da sind Begriffe drin, die natürlich nicht an sich falsch sind, aber in dem Kontext der Entstehung einfach, wie sagt der Schwabe, ein 'Gschmäckle' haben. Aber die Geschichte selber hat ja schon damals nichts mit der Zeit zu tun gehabt und schon damals nicht das Dritte Reich gespiegelt." Aber womöglich gibt es ja gar keine "NS-Oper" im engeren Sinne, sondern nur solche unterschwellig nazistischen Werke. Hitler und seine Anhänger wollten ja gewaltsam zurück zur Romantik, die Moderne beseitigen, stattdessen die Fassade von Biedermeier. All das ist im "Schloss Dürande" zu sehen.

Der Diener weiß Rat

Der Diener weiß Rat

Eher Gelächter über Stabreime

Einigen engagierten Schweizern ließ es keine Ruhe, dass der ansonsten durchaus geschätzte Komponist Othmar Schoeck mit seinen Opern dermaßen negativ da stand. Also setzten sich Forscher der Musikhochschule Bern zusammen, um "Schloss Dürande" von braunen Flecken zu befreien. Der Berner Schriftsteller Francesco Micieli schrieb den Text gründlich um - was nach Auffassung von Ansgar Haag dringend notwendig war: "Wir machen uns manchmal zurecht lustig über den Stabreim bei Richard Wagner, und denken, man könnte auch mal die Wagner-Oper in einem neuen Text machen, aber in diesem Fall waren die Reime ja, wenn man ehrlich ist, noch blöder. Und zwar ohne Inhalt! Die haben sich nicht mal dran gestört, Reime zu machen, wie der Schwabe, wo d und t oder kurzes i und langes i sich trotzdem reimen mussten, so ist die Vorlage, und das hat dann natürlich zurecht in der Zürcher Inszenierung, wo es nach einer Vorstellung abgesetzt wurde, eher zu Gelächter geführt, als dass man das typisch nationalsozialistisch fand." Goebbels selbst war bei der Uraufführung übrigens nicht dabei, hatte sich aber 1937 nach dem Besuch einer früheren Oper von Schoeck ("Massimilla Doni" nach Honoré de Balzac) in seinen Tagebüchern lobend geäußert.

Seitensprung in Paris

Seitensprung in Paris

Gehässige Zitate der Marseillaise

Der Meininger Generalmusikdirektor Philippe Bach ist selbst Schweizer und hatte daher wohl großes Interesse, die hoch umstrittene Musik seines Landsmanns Othmar Schoeck wieder neu zu Diskussion zu stellen. Ein Wagnis! Wie alles, was zur Zeit des Nationalsozialismus in Mode war, fehlt es der Komposition an einfallsreichen Melodien, an Modernität und Leichtigkeit, dafür dominiert hohles Pathos. Damit auch jeder Zuhörer versteht, um welche Gefahr es geht, zitiert Schoeck immer wieder gehässig die Marseillaise, als Inbegriff revolutionären Furors. Die Aufständischen werden als plumpe, gierige Bande dargestellt, die vor allem daran interessiert ist, das Schloss zu enteignen, Paris ist natürlich ein Sündenpfuhl. Der Adel rafft seine Pretiosen zusammen und türmt. Ansgar Haag: "Ich glaube, man sollte sich nicht feige davor wegdrücken. Es ist nicht grundlos, dass man es solange nicht gespielt hat. Aber nach so langer Zeit kann man es zumindest prüfen und sich jetzt Fragen stellen. Ob diese Musik wirklich was wert ist für das Repertoire der Zukunft, kann man heute vielleicht nicht entscheiden, aber was man heute sicher hat merken können: Sie funktioniert erst mal."

Keine gemeinsame Zukunft

Keine gemeinsame Zukunft

Fackel in den Pulverturm

Das stimmt: Das Publikum in Meiningen reagierte sehr freundlich auf diese Wiederentdeckung. Gleichwohl bleibt der Eindruck, dass hier über gut drei Stunden romantischer Schwulst auf die Bühne kam, wie er den Nazis behagte. Im Kern ist "Schloss Dürande" antibolschewistisch und reaktionär, wird doch die französische Revolution in ein äußerst düsteres Licht getaucht, während der schlappe Adel sich nicht so recht zu helfen weiß. Regisseur Ansgar Haag vermied es, die politische Belastung der Oper optisch deutlich zu machen oder die Handlung gar in die Zeit der Uraufführung zu verlegen. Die Ausstatter Bernd Dieter Müller und Annette Zepperitz hatten einen schief gestellten Einheitsraum entworfen: Sinnbild von Verhältnissen, die ins Rutschen geraten. Drumherum sorgte ein Lichtrahmen für die Anmutung eines Fernsehers mit "Ambi-Light", wo die Umgebung ja immer im selben Farbton schimmert wie die gerade gezeigten Bilder. Die Mitwirkenden fügten sich teils sehr engagiert in ihr Schicksal, an dieser schwierigen Oper beteiligt zu sein: Shin Taniguchi war ein kerniger Antiheld, der am Ende die Fackel in den Pulverturm wirft, Matthias Grätzel ein eindrucksvoller alter Graf, der mit seinem mumienhaften Auftreten markant zu diesem etwas unheimlichen Opern-Wiedergänger passte. Ja, dieser Abend war äußerst fair gegenüber Othmar Schoeck, stellte aber auch die Frage, ob Musik als solche unbelastet sein kann. Langatmig auf jeden Fall, und hohltönend auch.

Wieder am 10., 16. und 29. März 2019, weitere Vorstellungen.