Hellmut Lange (links), Helmut Förnbacher
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Filmszene aus der "Kuba-Krise" (1969)

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    "Brauchen keine Welt ohne Russland": Droht eine neue Kuba-Krise?

    "Brauchen keine Welt ohne Russland": Droht eine neue Kuba-Krise?

    Die Frage, ob Putin bereit ist, Atomwaffen einzusetzen, beschäftigt die Russen mehr als den Westen: Offenbar trauen ihm nicht wenige zu, bis zum Äußersten zu gehen - ausgerechnet zum 60. Jahrestag des bislang gefährlichsten Duells der Supermächte.

    In Russland geht es drunter und drüber: Der Widerstand gegen die Mobilisierung wächst nicht nur im Kaukasus dramatisch, an der Grenze zu Georgien fuhr ein gepanzertes Fahrzeug des Geheimdiensts auf, um offenbar erwartete "illegale Durchbrüche" ausreisewilliger Russen zu verhindern. Inzwischen passieren Hunderte die Grenze auf Rollern und Fahrrädern. Selbst leidenschaftliche Propagandisten zeigen sich erschüttert über die chaotischen Begleitumstände der Mobilisierung. Putin bekam für seine inszenierten "Volksbefragungen" sogar von ihm gewogenen Ländern wie Serbien, Belarus und Kasachstan eine Abfuhr.

    Das lässt die Frage aufkommen, wie weit der Präsident gehen würde, um eine absehbare Niederlage im Ukraine-Krieg zu verhindern. Der finnische Präsident Sauli Niinistö sagte sinngemäß, er halte Putin für einen "Kämpfer", was die Lage "verständlicherweise sehr, sehr kritisch" mache: "Sein Frust ist gewachsen. Er hat beschlossen, das jetzt auf die eine oder andere Weise zu lösen."

    Aus ukrainischen Geheimdienstkreisen wird kolportiert, Putin suche in seiner Verzweiflung kurz vor seinem 70. Geburtstag am 7. Oktober mal wieder Rat bei hellseherisch talentierten "Schamanen". Die Lage in Dagestan, wo sich Demonstranten massenhaft gegen die Mobilisierung wehren, beunruhige ihn sehr. Das Verteidigungsministerium sah sich unter massivem Druck der russischen Medien genötigt, die Freizügigkeit, also Reisefreiheit, zu garantieren.

    "Fatale Fehleinschätzung" des Westens?

    Ausgerechnet zum demnächst anstehenden 60. Jahrestag der Kuba-Krise hat Putin sich in eine fast ausweglose Lage bugsiert. Vom 14. bis 28. Oktober 1962 drohte der Welt eine atomare Auseinandersetzung zwischen den Vereinigten Staaten und der damaligen Sowjetunion. Grund dafür war der Plan Moskaus, Kuba mit nuklearen Mittelstreckenraketen zu beliefern. Nach dramatischen Geheimverhandlungen mit den USA lenkte der seinerzeitige sowjetische Staatschef Nikita Chruschtschow ein und verzichtete auf die Stationierung.

    An dieses historische Ereignis wird jetzt in Russland mehrfach erinnert - mit nicht durchweg beruhigendem Unterton. So spricht der Chefkolumnist des "Moskowski Komsomolez", Michail Rostowski, von einer "fatalen Fehleinschätzung", wenn der Westen glaube, Putin werde keinesfalls Nuklearwaffen einsetzen, um sich den Sieg in der Ukraine zu sichern.

    "Satz ist bei mir hängen geblieben"

    Der Präsident selbst hatte sich alle Optionen offen gehalten und eigens betont, er "bluffe" nicht, was im Westen allgemein als so leere wie hilflose Drohgebärde interpretiert wurde. Tatsächlich habe Putin 2018 gesagt: "Wir brauchen keine Welt ohne Russland", raunt Rostowski mit propagandistischem Eifer: "Der Satz ist bei mir hängen geblieben." Das soll wohl andeuten, bei Putin sei mit allem zu rechnen, auch mit dem Willen zum selbst inszenierten Untergang: Möglicherweise werde Russland den Jahrestag der Kuba-Krise "laut feiern", so der Autor in einem "Witz" - obwohl er selbst zugibt, darüber "nicht wirklich" lachen zu wollen.

    "Wäre Desaster für russische Außenpolitik"

    Ganz anders bewertet der ebenfalls kremlnahe Politologe Sergej Markow die Drohung Putins mit Atomwaffen, nämlich als reine Selbstbehauptungs-Geste: "Es ist absolut klar, dass Nuklearwaffen in keiner Weise gegen ein Nichtnuklearland, nämlich die Ukraine, eingesetzt werden. Denn es wäre ein Desaster für die russische Außenpolitik. Die meisten Länder der Welt, die sich den antirussischen Sanktionen wegen Russlands Militäroperation in der Ukraine bisher nicht angeschlossen haben, sind fast alle nicht nuklear. Der Einsatz von Atomwaffen gegen die nicht-nukleare Ukraine würde dazu führen, dass sie sich den antirussischen Sanktionen mehrheitlich alle anschließen würden."

    Denkbar sei ein Atomschlag nur dann, wenn Russland zu "kollabieren" beginne, so Markow, etwa durch eine durchschlagende ukrainische Offensive bis weit ins russische Territorium hinein: "Und wenn die russische Führung mit der Androhung ihrer physischen Liquidierung komplett gegen die Wand gedrückt würde, dann könnte sie Atomwaffen gegen eine Atommacht einsetzen."

    "Dem Feind darf nicht erlaubt werden, an sich lobenswerte Friedfertigkeit mit Schwäche und Unentschlossenheit zu verwechseln", schreibt dagegen ein anonymer Autor des russischen Portals "Topcor": "Sonst finden wir uns sprunghaft in einer zweiten Karibikkrise wieder, wo die Finger wieder auf dem 'roten Knopf' liegen werden." Auch hier wird deutlich: Die kremlnahen Medien versuchen krampfhaft, mit Blick auf die Geschichte eine Drohkulisse aufrechtzuerhalten.

    "Jetzt haben wir gute Karten"

    "Das Thema [Kuba-Krise] behält seine Aktualität nicht nur, weil wir es mit demselben Gegner zu tun haben – den amerikanischen Eliten mit ihrer spezifischen Mentalität und außenpolitischen Philosophie, die sich erfahrungsgemäß nicht ändern, obwohl sich die Zeiten ändern", heißt es in einer Analyse von Alexander Kramarenko für den "Russian Council", dem Lobbyverein der russischen Diplomaten zum Jahrestag: "Jetzt sind wir an der Reihe, nicht nur auf eine eindeutige Bedrohung an unseren Grenzen zu reagieren, was unsere Identität und Geschichte betrifft, sondern auch auf eine ganz konkrete militärische Bedrohung unserer Sicherheit."

    Bei einer direkten Konfrontation mit Russland riskierten die USA einen "Zwei-Fronten-Krieg", so Kramarenko, weil dann auch ein Konflikt mit China drohe. Die Karten seien im aktuellen Fall gegenüber der Kuba-Krise neu gemischt: "Wie die Amerikaner damals haben wir jetzt einen geografischen Vorteil – die Nähe zu unserem Territorium. Das hängt mit den unterschiedlichen Eskalationspotentialen zusammen. Damals lag der klare Vorteil auf Seiten der Vereinigten Staaten - eine Seeblockade Kubas. Jetzt haben wir gute Karten in der Hand, einschließlich der Schaffung von Bedrohungen für beispielsweise das Baltikum und Polen, sogar zu Finnland mit seiner langen Grenze zu Russland."

    "Schlussstrich unter westliche Dominanz"

    Ziel Russlands sei es jetzt, einen "Schlussstrich unter drei Jahrhunderte westlicher Dominanz und Eindämmung" zu ziehen und zum Staatensystem am "Vorabend des Ersten Weltkriegs" zurückzukehren. Damit ist vor allem gemeint, die von Russland behauptete "Vorherrschaft" der Amerikaner zu brechen und zu einer "multipolaren" Welt zu kommen, übrigens auch, was die Hierarchie unter den Währungen betrifft.

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    Bildrechte: World History Archive/Picture Alliance

    Gespannte Atmosphäre im Weißen Haus: Kennedy und russische Emissäre während der Kuba-Krise

    Der frühere enge Berater von Boris Johnson, Dominic Cummings, twitterte, die Ereignisse von 1962 hätten gezeigt, dass der damalige kubanische Machthaber Fidel Castro bereit gewesen sei, einen Atomkrieg zu riskieren, auch um den Preis der völligen Vernichtung Kubas - er sei überzeugt gewesen, dass wäre es "wert" gewesen: "Es ist leicht, sich eine Eskalation zwischen Russland und der NATO vorzustellen, die noch verrückter ist als das, was im Juli 1914 passierte." Damit spielt Cummings auf den Ausbruch des Ersten Weltkriegs an.

    Der Vergleich zwischen dem Ukraine-Krieg und der Kuba-Krise sei "durchaus berechtigt", argumentierte der russische Senator Alexej Puschkow, und zwar im Gegensatz zu russischen Bloggern, die darauf verwiesen hatten, dass sich Russland und die USA diesmal anders als 1962 nicht direkt gegenüberstünden.

    "Biden muss beide Lektionen lernen"

    David Ignatius, Kolumnist der "Washington Post", verlangt vom Westen, ebenso wie 1962 hart zu bleiben: "Die Mächtigen müssen jetzt mit der gleichen Kombination aus Zähigkeit und Kreativität vorgehen, die Präsident John F. Kennedy während der Kubakrise im Jahr 1962 an den Tag legte. Denn das ist die einzige Parallele. Das bedeutet, eine harte Kante zu zeigen. Kennedy zögerte nie, den Abzug der sowjetischen Raketen aus Kuba zu fordern. Es bedeutet aber auch, nach Wegen der Deeskalation zu suchen." Kennedy sei in der Kubakrise aus zwei Gründen erfolgreich gewesen: "Erstens zeigte er, dass er bereit war, einen Atomkrieg zu riskieren, um Moskaus rücksichtsloses Vorgehen zu stoppen. Zweitens fand er durch einen geheimen Umgehungskanal einen gesichtswahrenden Weg, um die endgültige Katastrophe zu vermeiden. Biden muss beide Lektionen lernen."

    Die britische "Times" erinnerte ebenfalls an die Kuba-Krise und daran, dass sie "relevanter denn je" sei, angesichts eines "umso gefährlicheren Führers im Kreml". Buch-Autor Max Hastings ("Abyss: The Cuban Missile Crisis 1962") argumentiert dort, die Kuba-Krise sei nicht zuletzt entstanden, weil Moskau damals in John F. Kennedy nach der verunglückten, von den USA organisierten Invasion Kubas in der Schweinebucht einen geschwächten Präsidenten erkannt haben wollte. Ähnlich habe Putin nach dem Abzug der USA aus Afghanistan Biden für nachgiebig gehalten. Der Rat von Hastings: Angst vor dem nuklearen Untergang sei ein guter Berater aller Weltpolitiker. Ob das auf Putin und Xi Jinping zutrifft, darüber maßte sich der Publizist jedoch kein Urteil an.