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Wo Schwule therapiert werden | BR24

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Neu im Kino: "Boy Erased - Der verlorene Sohn"

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Wo Schwule therapiert werden

Psychoterror, getarnt als Therapie: Das Drama „Boy Erased - Der verlorene Sohn“ erzählt von erzkonservativen Christen, die einen jungen Schwulen zum Hetero umerziehen wollen. Mehr Haltung hätte dem starbesetzten Film allerdings gut getan.

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Jared ist 19, gut in der Schule, seine Freundin ist Cheerleaderin. Ein All American Boy - an der Oberfläche. Schon länger fragt sich der Sohn eines Baptisten-Predigers, ob irgendetwas anders ist mit ihm. Schließlich muss er sich seinen streng religiösen Eltern öffnen. Die Trennung von seiner Freundin zwingt ihn dazu. „Wir haben Schluss gemacht, weil ich denke, dass es wahr ist, das mit mir“, sagt er zu seinen Eltern. „Gott steh mir bei. Ich denke an Männer.“

Die Eltern wollen die Homosexualität "heilen" lassen

Sein Vater ist geschockt, die Mutter den Tränen nahe. Das Coming-Out ihres Sohnes zu akzeptieren, ist keine Option. Will Jared nicht aus der Familie verstoßen werden, muss er sich ändern. „Mutter und ich wissen nicht, wie du noch unter diesem Dach leben, zum Gottesdienst gehen und im Autohaus arbeiten kannst, wenn du so grundsätzlich dem Kern unseres Glaubens zuwider handelst“, sagt sein Vater zu ihm. „Ich will dir die eine Frage stellen, Sohn – reinsten Herzens: Willst du dich ändern?“

Es ist nur eine von zahlreichen, scheinheiligen Fragen, mit denen Jared in nächster Zeit konfrontiert werden wird. Der 19-Jährige wird von seiner Familie in ein sogenanntes Konversionszentrum geschickt, eine Einrichtung, in der homosexuelle Minderjährige mittels eines streng nach der Bibel ausgerichteten Programms von ihren angeblich sündigen Gedanken befreit werden sollen. Der selbsternannte und teuer bezahlte Therapeut Victor Sykes verspricht, seine Schäfchen innerhalb von zwölf Tagen auf den Pfad der Tugend zurückzuführen: „Ich weiß, der Weg hierher war nicht leicht für viele von euch. Wer ist bereit? Sagt Amen. Amen. Amen. Willkommen beim Erneuerungsprogramm.“

Die "Therapie" mündet in Psychoterror

Und sind sie nicht willig, so braucht Sykes Gewalt. Da keiner der Jugendlichen freiwillig in der hermetisch abgeschotteten Einrichtung ist, mündet die Therapie vom ersten Tag an in Psychoterror. Den Jugendlichen wird eingetrichtert, sie sollen nach Fehlern suchen, die sie oder andere Familienmitglieder in der Vergangenheit begangen haben. Sie sollen lernen, was „echt“ männlich beziehungsweise weiblich ist, wie sie zu gehen, zu sprechen, sich zu verhalten haben, um den Normen einer konservativen Gesellschaft zu genügen. Tag für Tag werden sie ein wenig mehr gebrochen. Jared jedoch realisiert, dass nicht er derjenige ist, der falsch handelt. Er wehrt sich.

„Boy erased – Der verlorene Sohn“ spielt im erzkonservativen Bible Belt im Süden der USA und basiert auf wahren Begebenheiten: 2016 veröffentlichte der in Arkansas aufgewachsene Baptistensohn Garrard Conley seinen autobiografischen Roman „Boy erased“. Er erzählt darin die Erlebnisse in einer Einrichtung namens „Love In Action“.

Alle meinen, das Richtige zu tun

Mit seiner zweiten Regiearbeit macht der australische Schauspieler Joel Edgerton auf eine kaum diskutierte Praxis aufmerksam. Er setzt dabei nicht auf emotional überbordende Szenen, die Erzählweise ist eher nüchtern. Niemand ist hier der Böse, weder der von Edgerton dargestellte Therapeut, noch die von Nicole Kidman und Russell Crowe gespielten Eltern. Alle glauben, das Richtige zu tun. „Der verlorene Sohn“ will nicht anprangern, sondern die Konsequenzen falsch verstandener Nächstenliebe aufzeigen. Das ist einerseits fair, andererseits dann doch eine Spur zu haltungslos. Denn die von Lucas Hedges zumeist wie betäubt gespielte Hauptfigur bleibt dem Zuschauer befremdlich fern.

Weniger Distanz wäre in diesem Fall wünschenswert gewesen. Denn bei Konversionstherapien gibt es eindeutig Leidtragende, denen oft schwerwiegende Traumata zugefügt werden. So bleibt der „Der verlorene Sohn“ vorrangig als kühle Studie zu einem unbestritten wichtigen Thema im Gedächtnis.

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