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"Boxed Out": So vehement wehren sich US-Buchhändler gegen Amazon | BR24

© Daniel Kalker/Picture Alliance

Amazon-Buchladen in New York

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    "Boxed Out": So vehement wehren sich US-Buchhändler gegen Amazon

    Zwanzig Prozent der amerikanischen Buchläden fürchten wegen der Marktmacht von Amazon und der Pandemie die Pleite. Einkaufen vor Ort bringe einer Region drei Mal mehr Wohlstand als ein Online-Auftrag - deshalb startete ihr Verband eine Kampagne.

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    Bereits im August hatten die Verbände der amerikanischen Autoren, Verlage und Buchhändler einen gemeinsamen Brandbrief an das Repräsentantenhaus geschrieben und den dortigen Unterausschuss für Kartellrecht ("Antitrust Subcommittee") auf die ihrer Meinung nach verheerende Marktmacht des Online-Versandkonzerns Amazon aufmerksam gemacht. Die Lobbyisten warnten vor dem "Preisdumping" im Netz und stellten vier konkrete Forderungen: Amazon solle es untersagt werden, Kundendaten zu nutzen, um damit gegen andere Anbieter auf der derselben Plattform zu konkurrieren. Außerdem solle dem umsatzstarken, weltweit tätigen Unternehmen verboten werden, mit besonderen Rabatt-Aktionen zu werben wie den gerade wieder weltweit durchgeführten "Prime-Tagen". Der Konzern dürfe die Unterstützung beim Vertrieb auch nicht länger davon abhängig machen, dass Händler Anzeigen schalteten. Es sei darüber hinaus nicht länger hinzunehmen, dass Amazon grundsätzlich auf "Meistbegünstigungsklauseln" beharrt, also alle Bücher von den Verlagen grundsätzlich zum günstigsten Preis erhalten will.

    "Überlasst Horrorszenarien Orwell"

    Jetzt legte die Americans Booksellers Association (ABA) nach: Am vergangenen Dienstag startete sie die Kampagne "Boxed Out", übersetzt etwa "Ausgeknockt". Damit will der Verband, der rund 1750 Mitglieder hat, auf die Notlage des Sortimentsbuchhandels aufmerksam machen und prangert mit drastischen Sprüchen Amazon an. So heißt es auf Werbemitteln für die Schaufenster und die Webseiten etwa, die Kunden sollten ihre "Bücher von Menschen kaufen, die welche verkaufen wollten und kein Interesse daran hätten, den Mond zu kolonisieren". Andere Slogans lauten: "Lasst nicht zu, dass unabhängige Buchläden Fiktion werden", "Amazon, überlasse Horrorszenarien bitte Orwell" oder "Duldet nicht Amazons Schöne Neue Welt".

    © ABA

    "Boxed Out"-Kampagne der US-Buchhändler

    Einer Studie der American Independent Business Alliance zufolge bringe der Kauf in örtlichen Geschäften "drei Mal soviel Wohlstand" für eine Region als Bestellungen im Versandhandel. Von den Umsätzen der Buchläden würden knapp dreißig Prozent direkt wieder der lokalen Wirtschaft zufließen, was nur für vier Prozent der Amazon-Einnahmen gelte. Außerdem könnten die Kunden das Klima schonen, wenn sie ihren Büchern aufwändige Transportwege ersparten. Amazon zerstöre Arbeitsplätze überall im Land, sorge für Geschäftsaufgaben in der Fläche und unterhöhle den Gemeinschaftssinn: "Die Leute machen sich keine Vorstellung von den Kosten und Folgen von Amazons 'Bequemlichkeit', bis es zu spät ist", so Allison K. Hill, die Chefin der ABA, in einem Argumentations-Papier für ihre Mitglieder.

    Repräsentantenhaus kritisiert Marktmacht

    Nach statistischen Erhebungen mussten amerikanische Buchläden in den ersten sieben Monaten des laufenden Jahres einen Umsatzrückgang von 31 Prozent verkraften. Dagegen nimmt der Internethandel ständig zu und macht über alle Warengruppen hinweg in den USA bereits rund 16 Prozent des gesamten Handels aus. In Deutschland liegt der Anteil 2020 bei geschätzten 11,2 Prozent. Allison K. Hill rechnete vor, dass Amazon allein mit den "Prime-Tagen" am 13. und 14. Oktober schätzungsweise zehn Milliarden Dollar Umsatz machte. Demgegenüber fürchteten 26 Prozent der Kleinunternehmer, die nächsten drei Monate wirtschaftlich nicht zu überstehen.

    © Hasan Bratic/Picture Alliance

    Amazon-Vertriebszentrum am "Prime-Day"

    Das von der ABA und anderen Verbänden angeschriebene Repräsentantenhaus hat übrigens nach 16-monatiger Beratung am 6. Oktober Empfehlungen vorgelegt, um die Marktmacht der nach Ansicht der Politiker "Monopol-Unternehmen" Amazon, Facebook, Apple und Google zu beschränken. Der Bericht umfasst 450 Seiten. Die Konzernchefs Mark Zuckerberg, Jeff Bezos, Sundar Pichai und Tim Cook waren im Juli zu einer Anhörung geladen worden, bei der sie nach Ansicht der Abgeordneten überwiegend ausweichende Antworten gaben, die mehr neue Fragen aufgeworfen als beantwortet hätten. Zu den Maßnahmen, die der Unterausschuss vorschlug, gehört die Zerschlagung von Unternehmen. So könnte Facebook etwa gezwungen sein, Instagram und WhatsApp zu verkaufen, falls aus den Überlegungen der Politiker tatsächlich ein Gesetz wird. Wettbewerbsfeindlich seien die Unternehmen auf verschiedene Weise, so der Bericht: Google als Suchmaschine, Facebook als soziales Netzwerk und bei Online-Anzeigen, Amazon, was Drittanbieter auf seiner Plattform angehe und Apple beim Vertrieb seiner Software iOS.

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