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Botho Strauß ruft das Ende des Romans aus | BR24

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Als Königsdisziplin der Prosa gilt der Roman. Aber kann man heute noch epische Erzählungen schreiben? Nein, sagt Botho Strauß. Sein neues Buch "zu oft umsonst gelächelt" ist eine literarische Feier der Episode – mit zivilisationskritischer Pointe.

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Botho Strauß ruft das Ende des Romans aus

Als Königsdisziplin der Prosa gilt der Roman. Aber kann man heute noch epische Erzählungen schreiben? Nein, sagt Botho Strauß. Sein neues Buch "zu oft umsonst gelächelt" ist eine literarische Feier der Episode – mit zivilisationskritischer Pointe.

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Einst gab es den "Jungen Mann", der es 1984 sogar in den Titel des gleichnamigen Romans von Botho Strauß geschafft hat. Seitdem hat der Dramatiker und Prosaautor keines seiner Bücher mehr Roman genannt. Da wirkt es nun wie ein Echo und Resümee der eigenen Werkgeschichte, wenn Botho Strauß in seinem neuen Buch, das zu seinem 75. Geburtstag erscheint, einen alten Romancier auftreten lässt, für den die Unmöglichkeit des Romanschreibens eine ausgemachte Sache ist: "Oft kreuzen vor mir Figuren auf, die mir wohlgesinnt Stoff anbieten und vielleicht gern für eine Weile mit mir durch dick und dünn gingen. Doch ich finde für sie kein episches Ziel. Die Aussaat betulicher Einzelheiten lässt keinen Roman aufwachsen."

Lange Liste der kulturellen Verluste

Es ist zweifellos ein selbstkritisches Vexierspiel, das Botho Strauß in seinem neuen Buch mit dem ironisch vieldeutigen Titel "zu oft umsonst gelächelt" betreibt. Denn der alte Romancier, der hier in der Rahmenhandlung als Gastgeber und Lehrmeister eines jungen Kollegen auftritt, bedauert es offensichtlich schmerzlich, dass das Romaneschreiben in seinen Augen unmöglich geworden ist. Zugleich tut er genau das, was Botho Strauß selbst seit Jahrzehnten praktiziert: Er schreibt Kurzprosa, zeitkritische Fabeln, Beobachtungen und Reflexionen: "Was bleibt mir von der Welt als nur die Episode? Von Mann und Frau, von Gott und Mensch? Die Episode. Es folgt nun eine auf die andere, narratio continua. Ein Wort gibt das andere…"

Ist also Botho Strauß mit diesem Buch, das man zweifellos als Alterswerk ansehen kann, in eine Phase des Selbstzweifels eingetreten? Nicht unbedingt. Viel eher verlängert sein Befund über den unmöglich gewordenen Roman seine lange Liste der kulturellen Verluste, die er über die Jahre stetig erweitert hat. Und das lässt sich durchaus auch als eine der typischen Straußschen Attacken auf die selbstzufriedene Besinnungslosigkeit der heutigen Zeit und ihrer Genossen lesen. Schließlich wurde die Bezeichnung Roman noch nie so häufig und sorglos auf Buchtitel gedruckt wie in unseren Tagen.

Im Übrigen jedoch fährt Strauß hier, eingebettet in die Rahmenhandlung um den melancholischen alten Romancier, mit dem fort, was er immer getan hat: Er reiht mehr oder weniger exemplarische Kurz- und Kürzestgeschichten über die Beziehungen zwischen den Menschen, besonders die erotischen zwischen Mann und Frau, aneinander: "Im täglichen Umgang mit seiner Frau gibt er sich kühl, zerstreut, uninteressiert, spröde und abgelenkt. Alles, was er ihr am Tag von sich nicht zeigen konnte, vertraut er spätabends seinem Tagebuch an. Dort gesteht er seine ihr immer verheimlichte Liebe."

© picture alliance/imageBROKER

Schriftsteller Autor Botho Strauß

Das Böse der Banalität

Nach Glück, Harmonie oder echter Leidenschaft sucht man in den Beziehungsgeschichten, die hier erzählt werden, vergebens. Denn sie sollen vor allem als Gradmesser für den gegenwärtigen Weltzustand dienen. Und der ist nach dem Urteil des Zivilisationskritikers Strauß ganz und gar nicht gut. Die Plattheiten eines geheimnislos aufgeklärten Vernunftdenkens bestimmen das gesellschaftliche Leben und zerstören die alten Güter der Kultur. Nicht mehr Leidenschaft, Gefühlstiefe und Unbedingtheit treiben die Menschen an, sondern Eigensucht, Herrschsucht, Gefühlskälte und das "Böse der Banalität".

Es sind die alten, wohlbekannten Botho-Strauß-Fabeln und -Parabeln. Und sie wirken, wie immer, sehr unterschiedlich geglückt. Manche leuchten ein wie eine blitzartige Erhellung. Andere erscheinen rätselhaft oder wenig aussagekräftig, weil sich die handelnden Figuren darin wie leblose Gedankenmarionetten ausnehmen. Immerhin weiß Botho Strauß, dass es auch um die Autorität des unzeitgemäßen Dichters nicht mehr zum Besten steht. Durch die Figur des alten Romanciers wird das Scheitern in diesem Buch immer mitgedacht.

Eine biblische Geschichte über das Scheitern

Um das Scheitern geht es auch in der zweiten Strauß-Publikation dieser Tage, der dramatischen Dichtung "Saul", deren Vertonung vom Autor und dem Komponisten Wolfgang Rihm schon erwogen wurde, wie ein Brief im Anhang deutlich macht. In diesem Fall handelt es sich um einen biblischen Stoff. Saul, der erste König der Israeliten missachtete die Weisung des Propheten Samuel und den Willen Gottes und erwies sich damit als Versager. Das ist das Thema, für das sich Strauß hier interessierte. Saul verkörpert nach dem Willen des Autors einen Gescheiterten und "Urdepressiven" während sein Nachfolger David als "Urbegünstigter – und begabter" glänzt: "Niemals habe ich den Feind so restlos vernichtet, wie Gott es befahl. Warum? Milde und Erbarmen waren es nicht. Eine heimtückische Krankheit war's. Kaum sah ich dem Sieg entgegen, lähmte mich Schwermut, befiel mich die Unlust zu töten."

Botho Strauß handelt diesen Konflikt in "Saul" auf spannende, konzentrierte Weise in einer alttestamentarisch inspirierten, aber sehr klaren, kraftvoll-beweglichen Sprache ab. Damit gibt er ein gelungenes Beispiel für die Auseinandersetzung mit archaischen Denkungsarten, auf die er sich in seiner Kritik an der Gegenwartskultur so oft bezieht.

"zu oft umsonst gelächelt" von Botho Strauß ist im Carl Hanser Verlag erschienen, "Saul" bei Rowohlt.

© Carl Hanser Verlag

"zu oft umsonst gelächelt" von Botho Strauß

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