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Regisseur Bong Joon-ho, der große Oscargewinner im Gespräch | BR24

© Bayern 2

Für "Parasite" bekam er die Goldene Palme, in seiner Heimat erreicht er ein Millionenpublikum mit seinen sehr eigenwilligen Filmen. Im Interview erzählt Bong Joon-ho, warum Korea eine verstörte Gesellschaft ist – und eine eigene Kunst hervorbringe.

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Regisseur Bong Joon-ho, der große Oscargewinner im Gespräch

"Parasite", die schwarze Komödie von Regisseur Bong Joon-ho, gewann überraschend vier Oscars, darunter den Hauptpreis für den besten Film. In einem früheren Interview erzählt Bong Joon-ho, warum Korea eine ganz eigene Kunst hervorbringe.

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Sechs Filme hat Bong Joon-ho bisher gedreht. Stilistisch bedient er sich bei den klassischen Genres. Mit seinem neuen Werk "Parasite" hat der weltweit gefeierte Regisseur dieses Jahr in Cannes die Goldene Palme gewonnen. Der Film läuft inzwischen in den deutschen Kinos. Im Juli wurde er beim Filmfest München im Rahmen einer Retrospektive gezeigt. Moritz Holfelder hat Bong Joon-ho bei dieser Gelegenheit zum Interview getroffen.

Moritz Holfelder: Herr Bong, in ganz Asien sind Sie ein Superstar – vergleichbar einem Pedro Almodóvar in Spanien, einem Lars von Trier in Dänemark oder einem Quentin Tarantino in den USA. Allein in Südkorea erreicht jeder Ihrer Filme über zehn Millionen Zuschauer, und das bei einer Gesamtbevölkerung von nur 50 Millionen Menschen...

Bong Joon-ho: Ja, ich bin der jüngste der großen südkoreanischen Regisseure. Neben mir sind da noch Park Chan-wook, Kim Ki-duk und Hong Sang-soo. Es wird immer wieder gesagt, wir würden im Moment das beste Kino der Welt machen. Vielleicht ist das so. Meine Landsleute mögen meine Filme.

Dabei machen sie gar kein typisches Mainstreamkino, sondern dekonstruieren kunstvoll Genres wie Horror, Thriller, Familienfilm und Science Fiction. Vor allem aber sind Ihre Werke tief in der gesellschaftlichen Wirklichkeit, in der Kultur und Geschichte Südkoreas verwurzelt. In welchem Umfeld entstehen Ihre Arbeiten?

Prinzipiell lässt sich über unser Land sagen: Die Koreaner arbeiten und trinken zu viel. Es wird viel sublimiert. Mit unserer speziellen Geschichte machen wir sicher auch deshalb andere Filme. Es kommt aus uns: Wir sind eine verstörte Gesellschaft, die den Autoritäten misstraut. Aus den zivilisatorischen Turbulenzen, in denen wir uns befinden, entsteht eine eigene Kunst. Immer wieder geht es darin um unterdrückte Aggressionen, auch um Gewalt. Dabei sind die Menschen in Südkorea eigentlich von großem Respekt voreinander erfüllt. Die meisten sind nicht gegen etwas, sondern wollen nur angemessen leben.

Wenn Sie sagen, dass in Südkorea viel sublimiert werde, muss man das ein wenig erklären...

Nun ja, es gab eine lange Zeit der japanischen Besatzung, bis 1945, darauf folgte der Koreakrieg – und dann kam die Epoche wechselnder Militärregierungen, die die Zeitspanne zwischen 1961 und 1987 bestimmt haben.

Politisch und gesellschaftlich aufgearbeitet wurde diese Zeit von Folter, Gewaltwillkür und der brutalen Unterdrückung oppositioneller Bewegungen aber nie. In Ihren Filmen schwingt das alles mit. Sie überführen die Dynamik populärer Genres in große Gesellschaftsparabeln – wie in Ihrem Monsterfilm "The Host" von 2006. Dort kann eine mutierte Riesenechse als Verkörperung der ehemaligen diktatorischen Gewalt gesehen werden. Sie ist die Bewohnerin der Folterkeller, in denen noch Mitte der 80er-Jahre protestierende Studenten verhört wurden.

Meine Filme haben zuerst einmal keine politische Zielrichtung. Die Zuschauer sollen sie erleben und genießen können. Wenn sie dann auf dem Nachhauseweg über das Gesehene nachdenken und auf die Idee kommen, unter den Bildern verstecke sich noch eine andere Botschaft, ein politischer Gedanke, dann freut mich das.

Da schwingt an Tiefe und Auseinandersetzung etwas mit, was man so im üblichen Mainstreamkino nicht findet. Ihnen gelingt immer wieder eine faszinierende Balance zwischen subversivem Humor und plötzlicher Gewalt. Dabei sind Sie weit davon entfernt, sinnlose Brutalität zu verherrlichen, wie das im US-Kino oft geschieht, sondern Sie scheinen eher ausdrücken zu wollen, was in der südkoreanischen Gesellschaft so unter der Oberfläche gärt, explosiv und unberechenbar.

Mir ist das beim Entwickeln des Drehbuchs gar nicht bewusst. Ich schreibe einfach. Und nach den Dreharbeiten denke ich mir oft: Das ist jetzt ein seltsamer Film! Die Marketingleute wollen dann immer eindeutige Kategorien, aber da kann ich ihnen nicht helfen. So kamen sie auf die Idee, mein neues Werk "Parasite" als Familienkomödie zu bezeichnen, aber ich selbst empfinde die Geschichte gar nicht so. Ich mag es vielmehr, Filme zu machen, die unvorhersehbar sind, die mich selbst und dann natürlich auch die Zuschauer überraschen. Deshalb fällt es mir schwer, meine eigenen Werke zu beschreiben und einzuordnen. Nach der Weltpremiere von "Parasite" in Cannes meinte ein amerikanischer Journalist sogar, man müsse meine Filme gar nicht kategorisieren, sondern ich selbst sei inzwischen eine Gattung. Das habe ich natürlich gern gehört.

"Parasite" handelt von der in Südkorea sehr deutlich aufgegangenen Schere zwischen Arm und Reich. Das Land hat sich in den letzten Jahrzehnten von einem landwirtschaftlich geprägten Staat zu einer Hightech-Nation samt Turbokapitalismus entwickelt. Der Film spielt an zwei Orten und handelt von zwei Familien: Die Kims, Mutter, Vater und zwei erwachsene Kinder, hausen in einer niedrigen Souterrainwohnung. Auf der anderen Seite der Schere die neureichen Parks, die eine modernistische Villa bewohnen. Sie beschäftigen Chauffeur, Haushälterin sowie zwei Nachhilfelehrer für ihre Kinder.

Ja – und dann fangen die armen Kims an, die Parks in ihrem gestylten Architektenhaus zu unterwandern. Sie schleichen sich ein, nach und nach, und ersetzen die bisherigen Bediensteten. Tatsächlich sitzen die Kims aus dem Souterrain dann nach der Hälfte des Films im Wohnzimmer der Parks und trinken deren Hausbar leer, während diese im Urlaub sind.

Dann beginnt es sintflutartig zu regnen. Die Hausherren, die zum Campen gefahren sind, kehren unerwartet früh zurück und die Emporkömmlinge müssen überhastet flüchten...

Ich mag diese Regenszene sehr. Natürlich ist sie metaphorisch gemeint. Ich wollte zeigen, dass Wasser eben von oben nach unten fließt und dabei alles mitreißt. Dagegen kann man nicht anschwimmen, durch den Regen wird die soziale Hierarchie wiederhergestellt – und die Kims werden zurück in ihr Souterrain gespült, in dem inzwischen das Wasser steht.

In "Parasite" offenbart sich die Erbarmungslosigkeit der sozialen Verhältnisse. Schon in Ihrer abgefahrenen internationalen Co-Produktion "Snowpiercer" riefen Sie vor fünf Jahren zur Revolte auf: Nach einer apokalyptischen Eiszeit fährt ein Zug mit den letzten Überlebenden als eine Art ratternde Arche nonstop um den Globus. Vorn im Zug leben die Reichen im Luxus, hinten vegetiert ein unterdrücktes Lumpenproletariat in engen Abteilen.

Und dann kommt der Zeitpunkt, an dem das wie Sklaven gehaltene Volk beginnt, sich im Zug Wagon für Wagon nach vorne zu arbeiten, um endlich ein gerechtes System zu installieren. Ja, auch in "Snowpiercer" geht es um arme und reiche Leute. Die beiden Filme gehören zusammen, nur dass der eine eben eine horizontale Struktur besitzt, die Bewegung vom Zugende hin zur Lokomotive, und "Parasite" jetzt eine vertikale Struktur, aus dem Souterrain nach oben ans Licht.

Sie wurden 1969 in Daegu geboren, einer südkoreanischen Provinzstadt, die heute mit dem Schnellzug zwei Stunden von der Metropole Seoul entfernt liegt. Es heißt, Sie hätten sich schon während Ihrer Schulzeit und dann vor allem als Student für das europäische Kino interessiert, etwa für die schwarzhumorigen Gesellschaftsdramen von Claude Chabrol.

Ja, er ist tatsächlich eine große Inspiration für mich, vor allem durch seine Provinzkrimis aus den 60er- und 70er-Jahren, etwa "Das Biest muss sterben". Da geht es um Kleinbürger auf dem Land – und einen Fall von Fahrerflucht, bei dem ein neunjähriger Junge von einem Auto überfahren wird. Diese Geschichte hat mich sehr beeinflusst.

In Ihren Filmen geht es, wie bei Chabrol, immer wieder um Muster von Schuld und Sühne. So auch in dem Thrillerdrama "The Mother", mit dem vor zehn Jahren Ihre internationale Karriere endgültig begann. Der Film gewann den asiatischen Filmpreis als beste Produktion und wurde von Südkorea für den Oscar nominiert. Auf dem Filmfest München erhielt er 2010 die Auszeichnung als bester ausländischer Film. Jetzt sind Sie wieder in München – diesmal werden Sie mit einer Retrospektive geehrt. Was erinnern Sie noch von Ihrem ersten Aufenthalt?

Nun, das ist jetzt neun Jahre her. Damals kam ich als eher unbekannter Regisseur, diesmal mit "Parasite" als Gewinner der Goldenen Palme von Cannes. Aber eigentlich hat sich nicht viel verändert. Ich liebe es nach wie vor, Filme zu machen. Finanziell gesehen fällt mir das inzwischen leichter. Letzten Endes bin ich aber ein Jahr zu früh in München, ich hätte mir gerne wieder die Passionsspiele angeschaut. Als ich vor neun Jahren das erste Mal hierher eingeladen wurde, haben meine Frau und ich die Gelegenheit genutzt, dieses kleine Dorf in den Bergen zu besuchen. Mich haben die große Bühne beeindruckt, die Kostüme und vor allem die vielen Laienschauspieler.

Wissen Sie noch, wie das kleine Dorf heisst?

Ja, Obaarammagau...

+++ Originalfassung des Interviews vom 21.10.2019, der Teaser ist aktualisiert +++

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