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Taylor Russell (links) und Timothée Chalamet in einer Szene in "Bones and All."

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"Bones and all": Luca Guadagninos unkonventionelles Horror-Drama

"Bones and all": Luca Guadagninos unkonventionelles Horror-Drama

Ein Roadmovie der anderen Art legt der Luca Guadagnino mit "Bones and All" vor, eins, das auch das Horror-Genre sprengt. Sensibel blickt der italienische Regisseur auf ein junges Paar das sich mit seinem Anderssein in der Welt zurechtfinden muss.

Alle seine Filme handeln von Außenseitern – so auch dieser. "Ich denke, wir alle kennen diese Angst", sagt Luca Guadagnino, "die Angst, dass wir keine Gleichgesinnten in unserem Leben finden könnten, dass wir von allen anderen nicht verstanden würden". Immer wieder erzählt der italienische Regisseur von dieser Furcht des Alleinseins auf der Welt. Das war in dem schwulen Coming-Out-Drama "Call Me by Your Name" so, dann auch in dem im noch geteilten Berlin angesiedelten Horrordrama "Suspiria" über Hexen, die eine moderne Tanzcompagnie leiten – und in der Serie "We are who we are" über italienische Jugendliche, die im Umfeld eines amerikanischen Militärstützpunktes bei Chioggia aufwachsen. Im Spannungsfeld unterschiedlicher kultureller Einflüsse hinterfragen sie ihre Identität.

Zwei Kannibalen auf Reisen

In Guadagninos neuem Werk "Bones and All" geht es um ein junges Paar, das durch die USA reist. Sie sind Kannibalen, was erstmal verstörend ist, und sie versuchen, ihr Anderssein zu verstecken. Es gibt auch noch weitere Eater, also Esser, wie es im Film heißt – die meisten versuchen trotz ihrer Veranlagung nicht zu töten. Gar nicht als Horrorfilm angelegt, nutzt der Regisseur das gleichnamige Jugendbuch von Camille DeAngelis als Vorlage, um über Gewalt und die dunkle Seite der Seele nachzudenken, über moralische Konventionen und ein Leben am Rande der Gesellschaft.

Maren und Lee erleben ihre erste Liebe – es ist nicht nur eine emotionale Reise, auf die sie sich und der Film begeben, sondern auch eine tatsächliche. Auf der Suche nach Marens Mutter sind sie durch den Mittleren Westen unterwegs, Mitte der achtziger Jahre im konservativen Amerika der Reagan-Ära. Guadagnino dockt in seinem ersten in den USA gedrehten Film zum einen an das uramerikanischste Genre überhaupt an, das Roadmovie, und nutzt zum anderen den kulturellen Hintergrund einer Zeit des neoliberalen Rigorismus und der konservativen Abkehr vom Sozialstaat, um ein Gefühl des Ausgestoßen-Seins erlebbar zu machen.

Eine Utopie einer solidarischen Innigkeit

Leonard Cohens letzte Single "You Want It Darker", veröffentlicht rund zwei Wochen vor dessen Tod im September 2016, ist der Titelsong zu "Bones and All". Das passt, denn Cohens melancholischer Schlussakkord zu seinem Leben erzählt genauso vielschichtig, wie Guadagnino das auch tut, von der Ambivalenz menschlicher Emotionen. Daraus ergeben sich Reibungen: Während Cohen mit depressiven Untertönen an der Liebe verzweifelt, mit Textzeilen wie "A million candles burning for the love that never came – Eine Million Kerzen brennen für die Liebe, die nie kam", inszeniert Guadagnino die hoffnungsvollere Utopie einer solidarischen Innigkeit. Er begreift seinen großartigen Film als Meditation zu der Frage: Wer bin ich und wie überwinde ich das, was ich nicht fähig bin zu kontrollieren. Was braucht es, um mich im aufrichtigen Blick eines anderen wiederfinden zu können?

Wie schon in "Call Me by your Name" spielt der junge Hollywoodstar Timothée Chalamet eine der Hauptrollen, als faszinierende Verkörperung einer neuen hybriden Männlichkeit. Er tut das neben der wunderbaren Newcomerin Taylor Russell, die für "Bones and All" auf dem Festival von Venedig mit dem Preis als beste Nachwuchsdarstellerin ausgezeichnet wurde. Chalamet sagte, für ihn drücke die Geschichte zweier Verstoßener genau den aktuellen Zustand der Welt aus, es gehe um junge Menschen, die sich selbst suchen würden. Das Drehbuch sei zur Hochzeit der Pandemie entstanden und der Film helfe, zu verstehen, welche Gefahren in sozialer Isolation lägen. Kaum ein anderer Regisseur blickt so zart und liebevoll auf seine Figuren wie Luca Guadagnino; kaum ein anderer versteht es, so sensibel in die Leben junger Charaktere einzutauchen und dabei höchst politische Fragen zu stellen: Was bedeutet Andersartigkeit? Wie lassen sich Menschen und damit die Welt verändern? Welche Hoffnung liegt darin, Seelenverwandte zu finden?

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