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Warum "Bombshell" ein fragwürdiger Beitrag zur MeToo-Debatte ist | BR24

© Wild Bunch

Charlize Theron in "Bombshell - Das Ende des Schweigens" von Jay Roach

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    Warum "Bombshell" ein fragwürdiger Beitrag zur MeToo-Debatte ist

    Regisseur Jay Roach hat mit "Bombshell" einen Vorläufer der #MeToo-Debatte gedreht, was der Untertitel klar macht: "Das Ende des Schweigens". Doch die Rolle der Starmoderatorinnen, die im Zentrum des Films stehen, ist viel komplizierter.

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    Oscar-Nominierungen hin oder her, "Bombshell" ist ein schwieriger Film. In einer Mischung aus Fiktion und Fakten erzählt das Drama den auf wahren Ereignissen basierenden Sturz von Fox News-Chef Roger Ailes. Doch am Ende bleibt man ratlos im Kinosessel zurück. Was tun? Empathie empfinden für die Frauen, die vor knapp vier Jahren den toxischen Machtmissbrauch in Trumps Haus-und-Hof-Sender publik gemacht haben? In gewisser Weise ja. Aber in "Bombshell" ist alles komplizierter.

    Der Sturz des Fox News Gründers Roger Ailes

    Insgesamt 23 Frauen haben im Sommer 2016 ausgesagt, im Laufe ihrer Tätigkeit bei Fox News von Gründer Roger Ailes bedrängt worden zu sein. Doch die meisten von ihnen bleiben in "Bombshell" nur Randfiguren. Stattdessen konzentriert sich das Drehbuch auf die beiden prominentesten Opfer: die Moderatorinnen Gretchen Carlson und Megyn Kelly. Beide zählten jahrelang zu den Aushängeschildern des erzkonservativen Senders – und haben somit aktiv beigetragen zur gesellschaftlichen Spaltung der USA. Heldinnen sehen anders aus. Also erfindet man welche.

    "'Mach dir keine Sorgen, ob die Story seriös ist. Wenn du keine Quellen hast, verwende Manche sagen'. - 'Ernsthaft?' - 'Du musst die Denkweise eines irischen Streifencops annehmen: Die Welt ist mies, Menschen sind faule Volltrottel, Minderheiten sind kriminell, Sex ist krank, aber interessant. Stell dir die Frage, was würde meine Großmutter verängstigen oder meinen Großvater verärgern. Das ist dann eine Fox Story. Notierst du das?' - 'Das macht sowas von Sinn. - Verschrecken – erregen. Verschrecken – erregen. Verschrecken. Erregen.'"

    © Wild Bunch

    Szene aus "Bombshell"

    Fiktive Fox-Mitarbeiterinnen als Identifikationsfiguren

    Die beiden Frauen, die sich hier über das plumpe Erfolgsmodell von Fox News unterhalten, sind Kate McKinnon und Margot Robbie. Sie spielen zwei fiktive Redakteurinnen, die als Identifikationsfiguren für das liberale Publikum dienen sollen. Comedian Kate McKinnon spielt die lesbische Demokratin Jess, die tunlichst darauf achtet, dass niemand im Sender von ihren sexuellen und politischen Vorlieben erfährt. Dann nämlich wäre sie ihren Job los. Beim Anblick der naiven neuen Produktionsassistentin Kayla allerdings vergisst sie jegliche Vorsichtsmaßnahmen.

    "'Oh mein Gott! Ich darf nicht gefeuert werden! Das ist der einzige Job, den ich je haben wollte! Ich will nicht nur beim Fernsehen arbeiten, sondern bei Fox!! Meine Familie sieht jeden Tag, jeden Feiertag – also besonders an Feiertagen – sehen wir Fox News! Wir sind süchtig danach. Fox ist unsere Religion!' 'Kayla, du wirst nicht gefeuert. Er kann seinen Zorn nicht zügeln. Er ist ein Perpetuum Mobile der Empörung. Deswegen lieben ihn die Spinner – nichts gegen deine Familie.'"

    Ein Dialog wie dieser dient natürlich nicht nur der Charakterzeichnung, er beinhaltet auch die wenig subtile Kritik am einfach gestrickten Fox-Publikum. Drehbuchautor Charles Randolph, der vor vier Jahren einen Oscar für die beißende Wirtschaftssatire "The Big Short" erhalten hat, durchsetzt sein Skript mit einer ganzen Reihe ähnlicher Emotionsausbrüche. Und weil "Bombshell" eine Art Vorgeschichte der #MeToo- und TimesUp-Bewegung ist, platzt auch der sonst so perfekt ins System integrierten Starmoderatorin Megyn Kelly schließlich der Kragen.

    © Wild Bunch

    Szene aus Bombshell

    Fox-Kritik eingekleidet in fingierte? Wutausbrüche

    "Fox ist dazu berechtigt, unsere Kommunikation zu überwachen. Ne Hotline in diesem Gebäude ist wie ein Kummerkasten im besetzten Paris. Als sagten wir den Frauen: Na los, trete für dich selbst ein. Aber sei dir im Klaren, dass der gesamte Sender zu Roger hält. Niemand wird dir glauben. Sie werden dich ne Lügnerin nennen. Oh, und deine Karriere? Du willst Aufträge und Sendezeit? Nur zu: Nenn den paranoiden Mann, der dein Gehalt bestimmt, einen Perversling und tu's über ne verdammte Hotline, die er kontrolliert. Über ein Telefon, das er vertraglich befugt ist, abzuhören? Himmel Herrgott, denkt ihr, Frauen sind bescheuerte Idioten?"

    Ob der Wutanfall so wirklich stattgefunden hat? Man weiß es nicht. Praktisch ist er auf jeden Fall, knallt er doch in wenigen Sätzen komplexe Sachverhalte aufs Silbertablett. Gleichzeitig steht er beispielhaft für die irritierende Unentschiedenheit von "Bombshell". Natürlich wollen die Macher Kritik üben an Fox News und dem sexistischen Machtapparat unter Roger Ailes. Doch sie wollen auch jene realen Karrierefrauen nicht an den Pranger stellen, die jahrelang von dem System profitiert haben, die rechte Propaganda des Senders unterstützten und damit Millionengagen verdienten. Also muss die fiktive Kayla, deren Schicksal aus verschiedenen Zeugenaussagen konstruiert wurde, allerlei demütigende Extremsituationen durchleben. Sie ist die einzige, die Betroffenheit auslöst. Da dieser Effekt aber allzu kalkuliert und durchschaubar ist, ist der Beigeschmack so bitter wie die lang verschwiegene Wahrheit.

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