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Cannes-Preisträger "Bohnenstange": Weiterleben nach dem Krieg | BR24

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Cannes-Preisträger kommt ins Kino: Der Film "Bohnenstange" von Kantemir Balagow

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Cannes-Preisträger "Bohnenstange": Weiterleben nach dem Krieg

Der junge Regisseur Kantemir Balagow schildert in seinem zweiten Spielfilm das Schicksal zweier Frauen nach 1945. Er muss den Krieg nicht zeigen, um von seiner Grausamkeit zu erzählen – und tut das mit faszinierender physischer Sensibilität.

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Der Film leiht seinen Titel von seiner Hauptfigur: "Bohnenstange" ist der Spitzname der großen, spindeldürren Ija, einer jungen Frau, die in Leningrad in einem Kriegslazarett arbeitet. Gleich im ersten Bild ist sie lange zu sehen, die Kamera von Xenija Sereda kommt ihr ganz nahe, fokussiert ihr Gesicht. Ija steht in der Waschküche eines Militärhospitals, scheint jedoch ganz woanders zu sein. Wohl aus dem Krieg stammen ihre Anfälle: eine seltsame Schockstarre. Die Geräusche um sich herum hört sie nur gedämpft, die Tonspur des Films macht das für die Zuschauer auch akustisch erfahrbar. Dann ein plötzlicher Ruck, und Ija ist zurück in der Gegenwart.

Eine weibliche Perspektive

"Bohnenstange" ist der erst zweite Film des 29-jährigen Ausnahmetalents Kantemir Balagow. In Cannes wurde er dafür bereits als bester Regisseur ausgezeichnet. Inspirieren ließ er sich durch das Buch "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" der belarussischen Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexjiewitsch. Erst bei der Lektüre sei ihm aufgefallen, wie wenig er über den Krieg, insbesondere über die Rolle der Frauen im Krieg wisse.

Seitdem, erzählt Balagow im Interview, interessiere er sich für die Schicksale von Frauen im Zweiten Weltkrieg. Insbesondere für jene, die auch im Krieg gekämpft hätten: "Als Autor und Filmemacher wollte ich eine Antwort auf die Frage finden: Was passiert mit einer Person, die Leben geben soll, nachdem sie einen Krieg durchlaufen hat? Daneben möchte ich als Mann durch meine Figuren die weibliche Seite in mir entdecken."

© eksystent

Kriegsheimkehrerin Masha (vorne) wünscht sich nach dem Tod ihres Sohnes ein neues Kind.

Weiterleben trotz Verlust

Erstaunlich geht die Geschichte von "Bohnenstange" weiter. Ijas Freundin Masha kehrt im Herbst 1945 aus dem Zweiten Weltkrieg nach Leningrad zurück, in die einst so schrecklich belagerte Stadt. Der legendäre Hungerwinter liegt vor den beiden. Die russische Soldatin hat ihren Sohn bei Ija zurückgelassen, sie freut sich auf ihn. Doch Pashka ist bei einem Unglücksfall gestorben. Der einzige Weg weiterzuleben bestehe darin, noch einmal ein Kind zu bekommen, glaubt Masha. Doch wegen einer Verletzung kann sie nicht mehr schwanger werden. So entsteht die kühne Idee, Ija solle ein Baby für sie austragen.

Choreografie der Gefühle

Kantemir Balagows Film zeigt keine Gewalt und keine Schlachtfelder. Die Grausamkeit des Krieges sitzt bei diesem Kammerspiel im Kopf, die Wunden der Seele sind nicht zu sehen. "Bohnenstange" ist mit seinen gelblich leuchtenden Farben stilistisch und formal ein Erlebnis. Immer wieder überraschend werden Details fokussiert, ergründet die Kamera Gefühlslagen durch Blicke auf Hände, Gesten sowie Körperhaltungen im Wechsel von Nähe und Distanz. Bisweilen wirkt das wie eine Ballettchoreografie im filmischen Kosmos. Balagow spürt mit einer faszinierend physischen Sensibilität und Eigenwilligkeit den Zeichen von Trauer, Angst oder Müdigkeit nach – und kontrastiert diese dann mit Haltungen der Zuversicht oder der Sehnsucht nach Leben, nach Lust und Sinnlichkeit.

In einem faszinierend intimen Raum zwischen Kriegsfilm, Mutter-Kind-Drama, lesbischem Liebesreigen und Abrechnung mit den russischen Sozialismusversprechen gelingt es dem Regisseur auch noch, aus "Bohnenstange" mehr als einen historischen Film zu machen: Ganz prinzipiell geht es um die Möglichkeit, nach traumatischen Erlebnissen wieder leben zu lernen.

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