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Böse Schwule: Rosa von Praunheims Film "Darkroom" | BR24

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Böse Schwule: Rosa von Praunheims Film "Darkroom"

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Böse Schwule: Rosa von Praunheims Film "Darkroom"

Er hat Homosexualität im Kino "normal" gemacht. Diesmal sei es Zeit für böse Schwule, findet Filmregisseur Rosa von Praunheim. Und erzählt den wahren Fall eines Berliner Mörders, der Männer liebte und sie vergiftete: "Darkroom - Tödliche Tropfen".

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Von
  • Marie Schoeß

Eine Schwulenkneipe in Saarbrücken, Anfang der Zehnerjahre. Hinter dem Tresen steht Lars: Tank Top, trainierter Körper, blau schimmernder Nagellack. Und doch wirkt dieser Mann eher wie ein zurückhaltender Typ, ein wenig scheu – und damit ganz anders als Roland, der Sänger vor dem Tresen, der Lars unverhohlen anschaut, ihn fast schon fixiert, während er selbst – mit nichts als einer Unterhose und einigen roten Blüten am Körper – das Wunderland besingt. Die Szene ist der Beginn einer klassischen Liebesgeschichte: Die beiden Männer lernen sich kennen, sie verlieben sich, einigen sich – mal mehr, mal weniger harmonisch – auf eine offene Beziehung. Ziehen nach Berlin, gestalten Leben und Wohnen gemeinsam.

Erst küssen, dann vergiften

Die Geschichte dieser Liebe erzählt Rosa von Praunheim von der ersten Sekunde an gebrochen, indem er verschiedene Zeitebenen ineinandergreifen lässt. Der Zuschauer weiß gleich, dass Lars nicht nur Liebender, sondern auch Mordender ist. Der Mann hinter dem Tresen ist derselbe Mann wie der, der später in Handschellen ins Gericht geführt wird. Er ist derselbe Mann wie der, der Männer, die er gerade noch geküsst hat, vergiftet. Der zusieht, wie ihnen langsam die Luft ausgeht. Der sich – ist der Tod eingetroffen – scheinbar ungerührt die Haare zurechtstreicht, nach Hause fährt und wieder zu dem freundlichen Mann wird, den Roland in der Kneipe kennengelernt hat.

Wie konnte Roland nichts bemerken?

Warum? Und wie konnte er, Roland, der Partner dieses Mannes, nichts bemerken? Das wird er im Prozess gefragt werden. Und die Frage ist natürlich nicht nur Rolands Frage, sondern auch die der Zuschauerin und des Regisseurs, Rosa von Praunheim: Wie kann ein Mann, der zu sozialen Berufen hingezogen ist, der pflegen, unterrichten will, wie kann es dieser Mann genießen, Menschen beim Sterben zuzusehen? Und wie hängt all das mit seiner Geschichte zusammen, mit der Liebe zu Roland, aber auch mit den Gespenstern der Vergangenheit, der Großmutter zum Beispiel, die ihn in wirren, stark überzeichneten Träumen verfolgt?

Die Frage nach dem "Warum?" treibt den Film an, gibt ihm Spannung. Tiefe aber gibt ihm, dass die Frage letztlich unbeantwortet bleibt. Wir sehen Zeugen, die nach Erklärungen suchen. Hören die Psychiaterin, die ihre Diagnose stellt. Wir haben Mitleid mit dem Verhafteten und glauben zu wissen, dass er es ernst meint, wenn er darum bittet, noch einen Anruf machen zu dürfen, ihm, Roland, alles erklären zu wollen. Wir glauben es zu wissen, eingefangen von der Überzeugungskraft der zärtlichen Liebesszenen.

Der Reiz des Rätsels

Eigentlich aber wissen wir doch, wie Roland selbst, wenig über die Seele dieses Mannes. Das mag unbefriedigend klingen, aber es liegt doch ein großer Reiz darin, sich ein Rätsel zu stellen und auszuhalten, es nicht lösen zu können. Und vielleicht ist man dem Rätsel selbst damit sogar eher auf die Spur gekommen als die Psychiaterin, die glaubt, mit dem Wort "Narzissmus" alles erklärt zu haben.

"Darkroom - Tödliche Tropfen". Der neue Film von Rosa von Praunheim ist als DVD und Video on demand zu sehen.

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