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Bildrechte: Daniel Schäfer/Picture Alliance

Rechtsextreme Rock-Fans bei sächsischem Festival

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    Böhmermann über Sachsens Neonazis: "Ist wohl Herdenimmunität"

    Aus "Angst vor Thomas Gottschalk" will der ZDF-Satiriker "nie mehr krank" sein und nutzte das ZDF-"Magazin Royale" für eine Abrechnung mit Sachsens Rechten. Ist der "Holzmichl" tatsächlich unter die "Prepper" gegangen? Und warum ist Dortmund so leer?

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    Von
    • Peter Jungblut

    "Nazis verschwinden über Nacht", beunruhigte Jan Böhmermann das Publikum, jedenfalls sei das in Dortmund-Dorstfeld so, dem "Wimbledon der Neonazi-Szene". Dort tummelten sich in den Eckkneipen immer weniger Rechtsextreme, weil sie buchstäblich "Lebensraum im Osten" suchten, konkret zum Beispiel in Chemnitz.

    Überhaupt sei der sächsische Verfassungsschutz schon alarmiert, weil ihm "rechtsextremistische Siedlungsprojekte" aufgefallen seien, einer Institution, der "sonst eigentlich überhaupt nichts auffällt: Nazis ziehen nicht nur wahnsinnig gern in den Osten, sie kaufen inzwischen ganze Grundstücke dort", so Böhmermann, der es sich nicht nehmen ließ, darauf hinzuweisen, dass von den sieben bisherigen Präsidenten des sächsischen Verfassungsschutzes kein einziger aus dem Freistaat stammte, sondern drei aus Nordrhein-Westfalen, drei aus Baden-Württemberg und eine aus dem Saarland: "Seit 1990 waren nur Wessis an der Spitze von Sachsens wichtigster Behörde gegen Rechtsextremismus."

    Der "Holzmichl ist jetzt Prepper"

    Mit der in Chemnitz geborenen Perkussionistin Claudia Lippmann vom "Rundfunk Tanzorchester Ehrenfeld" als "Aufpasserin" an seiner Seite hatte Böhmermann zu Beginn der Sendung versprochen: "Wir lachen hier nicht über Sachsen, sondern mit Sachsen." Lippmann durfte los trommeln, sobald ihr ein sachsenfeindlicher Gag auffiel, und das war ein paar Mal der Fall: "Wir machen das jetzt hier wie bei der BILD-Zeitung, wir sind eine Doppelspitze." Mit einer "stimmungsvollen" Einlage der "Randfichten" in der ehemaligen "Wernesgrüner Musikantenschenke" des MDR (lief bis 2011) illustrierte Böhmermann das "Grauen" im Osten: "Ja, er lebt noch, der alte Holzmichl, der ist heute Prepper, V-Mann für den Verfassungsschutz und leitet eine Wehrsportgruppe in Bautzen."

    © Matthias Wehnert/Picture Alliance
    Bildrechte: Matthias Wehnert/Picture Alliance

    Diskussionen: Polizisten mit rechtsextremen Demonstranten

    Mit Bezug auf die massiven Auseinandersetzungen mit Kritikern der Corona-Politik am 16. März hieß es: "Sachsen ist ein Ort, an dem Nazis noch Nazis sein können, und sich das Gewaltmonopol von der Polizei zurückholen." Zwölf Polizisten sollen durch "überraschend aggressive ältere Bürger" verletzt worden sein. Und weil kaum ein Westdeutscher die legendäre, im November 1991 verstorbene DDR-Unterhaltungsgröße Helga Hahnemann kennt, wurde "Gerda Sonnemann" als Stargast begrüßt, dargestellt von Schauspielerin Karyn von Ostholt, die zur Belohnung ein goldenes Karamell-Bonbon entgegennehmen durfte. Dazu Böhmermann: "Deutschland weiß 30 Jahre nach der Wende immer noch überhaupt nichts von Sachsen. Westdeutschland denkt bis heute, wir hätten vor dreißig Jahren die Sachsen befreit und den armen, ahnungslosen Menschen in der Zone Demokratie und Südfrüchte geschenkt."

    "27 Prozent AfD? Das muss diese Herdenimmunität sein"

    Böhmermann schilderte Sachsen als langjährigen Nazi-Hotspot. So verwies er auf die Auseinandersetzungen in Hoyerswerda im September 1991, als Rechtsextreme gegen Asylbewerber hetzten: "Viele Menschen in Hoyerswerda standen daneben und bewegten ihre Hände so unglücklich, dass man mit viel bösem Willen unterstellen kann, das sei Applaus." Dagegen spreche freilich ein Zitat: "Sachsen können von Natur aus keine Nazis sein, das entdeckte vor zwanzig Jahren der aus dem Westen importierte Kurt Biedenkopf."

    Der übrigens sagte tatsächlich im Jahr 2000: "Die Sachsen sind immun gegen Rechtsextremismus". Was aber schwerer wiegt: 2017, als die AfD bei der Bundestagswahl in Sachsen mit 27 Prozent stärkste Partei wurde, beharrte Biedenkopf auf seiner Einschätzung. "27 Prozent der Sachsen haben rechtsextrem gewählt, obwohl sie eigentlich immun sind, das muss diese Herdenimmunität sein, von der immer alle reden", so die Einschätzung des ZDF-Satirikers.

    "Sachsen sind einfach so offen und gastfreundlich"

    "Meine Theorie ist ja, Sachsen sind gar nicht besonders rechtsextrem, sondern einfach so offen und gastfreundlich, dass sie erstmal mit jedem reden und zuhören, leider auch Nazis. Und kaum war die Mauer gefallen, waren die auch schon da", so Böhmermann. Der 13. Februar, der Jahrestag der Bombardierung Dresdens im Jahr 1945, sei für Neonazis ein besonders "hoher" Feiertag: "Für die ist dieser Tag sowas wie Weihnachten, Sonnenwende und Führers Geburtstag in einem."

    Dresden sei jedenfalls schon am Ende des Zweiten Weltkriegs ein "besonders fanatischer Nazi-Hotspot" gewesen, eine Bemerkung, die in der sächsischen Landeshauptstadt für erbitterte Kommentare sorgen dürfte. Dort ist so ziemlich alles umstritten, was mit dem 13. Februar zusammenhängt: Wie viele Tote es gab, wie viel Militär damals in der Stadt war, wie viel Widerstand gegen die Nazis tatsächlich geleistet wurde.

    © Sven Hoppe/Picture Alliance
    Bildrechte: Sven Hoppe/Picture Alliance

    Jan Böhmermann

    "Inzwischen wissen wir, mit Ausnahme des sächsischen Ministerpräsidenten, es gibt Gestalten, mit denen man besser nicht sprechen sollte, erst recht, wenn man gerade in einer hässlichen grünen Funktionsjacke vor seiner eigenen Haustür Schnee schippt", so Böhmermann, der dabei auf einen Vorfall an Michael Kretschmers Zweitwohnsitz in Waltersdorf bei Zittau am 20. Januar 2021 zu sprechen kam, als der Politiker mit aufgebrachten Demonstranten zusammengetroffen war.

    "Sachsen ist nicht zufällig zum deutschen Superspreader für Nazis geworden, das hat Vorteile für alle. Die Wessis können das Nazi-Problem auf die doofen Ossis schieben, die Ossis sagen, wir haben hier nur so viele Nazis, weil wir uns von den Wessis so benachteiligt und schlecht behandelt fühlen, und das gibt Wessis und Ossis eine tolle Ausrede, warum man leider, leider nichts tun kann gegen Nazis", so Böhmermann.

    "Niemals krank aus Angst vor Gottschalk"

    Der Moderator gelobte übrigens "ewige Gesundheit", mit Verweis auf Dieter Bohlen: "Der liegt mit Allüren im Bett, kann nicht kommen zu DSDS und was macht RTL? Tommy Gottschalk anrufen, und schon sitzt er da – dieses verdammte Showgeschäft! Aber ich zieh' das durch, ich bin niemals krank, aus Angst vor Thomas Gottschalk."

    Zu Merkels spektakulärer Entschuldigung für ihre zunächst verkündete "Osterruhe" sagte Böhmermann: "Ich bin nicht richtig bibelfest, aber wenn ich das richtig verstanden habe, ist sie am Karfreitag tot und steht am Ostersonntag wieder auf." Jens Spahn habe auch schon an Entschuldigung gedacht, "ging aber nicht, er hatte ein Duplo im Mund". Und was die jetzt geltenden Pandemie-Regeln betrifft, brachte es der Moderator auf den Punkt: "An Ostern sind Gottesdienste erlaubt in Blumenläden auf Mallorca, wenn der Friseur des Pfarrers negativ getestet wurde."

    Der im Netz sehr emsige Böhmermann verabschiedete sich von seinen viele Followern mit einem "gut" gemeinten Rat in die Osterpause: "Das Internet hat mit seiner vergifteten Ironie und Besserwisserei unsere Politiker zerstört. Merken denn diese anonymen Comedy-Trolle wie sie mit ihrem Getwittere den digitalen Dolch in Deutschlands Rücken stoßen?"

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