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Böhmermann: So opferte Helmut Kohl die Digitalisierung | BR24

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Bildrechte: Hans Wiedl/Picture Alliance

Glasfaser-Kabel: Deutschland im Rückstau

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    Böhmermann: So opferte Helmut Kohl die Digitalisierung

    Auf der Suche nach einem Schuldigen für Deutschlands Digital-Misere wurde der ZDF-Satiriker fündig: Helmut Kohl habe seinem Kumpel Leo Kirch zuliebe auf Kupferkabel gesetzt, um das Privatfernsehen zu fördern. Daran kranke die Infrastruktur bis heute.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Für den allerletzten Platz hat es nicht gereicht, aber Deutschland strengte sich zumindest mächtig an: Unsere Schulen liegen bei der Digitalisierung noch hinter Moldawien, ergab im September letzten Jahres eine Auswertung der OECD, das reichte für Platz 76 von 78 Teilnehmern. Eine Steilvorlage für ZDF-Satiriker Jan Böhmermann, der sich diesmal den traurigen Zustand der digitalen Infrastruktur hierzulande vorknöpfte: "Nichts funktioniert, alles ist langsam, warum? Wir sind doch im Jahr 2021, in der Zukunft. Wir müssten seit sechs Jahren mit Hoverboards durch die Gegend fliegen“, so Böhmermann mit Bezug auf die Science-Fiction-Serie "Zurück in die Zukunft“ aus den achtziger Jahren.

    Im Bundestag müssen Farbkopien angemeldet werden

    Geradezu Gruseliges berichtete er aus dem Deutschen Bundestag. Dort müssten nach Angaben einer Abgeordneten Farb-Ausdrucke angemeldet werden, die Genehmigung benötige zwei volle Tage: "Die Abschaffung des Faxgeräts ist der mutigste Schritt in Richtung Digitalisierung seit Erfindung des Buchdrucks: Ja, ja die Zukunft klopft an, sogar im Deutschen Bundestag! Aber ist Faxgeräte abschaffen schon Digitalisierung? Bin ich dann auch Veganer, wenn mir eine Bratwurst in den Müll fällt?“ Sage und schreibe 1.600 Geräte seien im Parlament kürzlich ausgemustert worden, kein Wunder, dass Deutschlands Behörden im EU-Vergleich bei der Digitalisierung auf Platz 21 von 28 landeten.

    © Jens Kalaene/Picture Alliance
    Bildrechte: Jens Kalaene/Picture Alliance

    Helmut Kohl (links) und Filmhändler Leo Kirch (ganz rechts)

    "Irgendwann muss etwas schiefgelaufen sein“, vermutete Böhmermann: "Von der versprochenen 100-Prozent-Abdeckung mit Glasfaserkabeln sind wir momentan weiter entfernt als Brose-Mitarbeiter vom Home-Office. Liebe Grüße nach Coburg!“ Die oberfränkische Stadt wird sich "freuen", neuerdings in fast jeder Ausgabe vom "Magazin Royale" vorzukommen. Die dortige Unternehmerfamilie Stoschek war schon mehrfach Zielscheibe von Hohn und Spott. Derzeit seien es jedenfalls 13,8 Prozent Glasfaser-Abdeckung, so Böhmermann.

    Und während in Rumänien schnelles Internet für acht Euro monatlich zu haben sei, müssten die Nutzer in Deutschland 54,94 Euro für ein Drittel der Leistung bezahlen, wenn Telekom-Tarife verglichen würden. Verantwortlich für den traurigen Zustand der Datenautobahnen sei Bundeskanzler Helmut Kohl, der mit dem im Juli 2011 verstorbenen Münchner Fernsehrechte-Händler und Privatfernsehen-Pionier Leo Kirch paktiert habe: "Statt Glasfaser ließ er für seinen Freund Leo Kirch noch mehr Kupferkabel in Deutschland verlegen. Kupfer war für Leos Fernsehimperium nämlich viel praktischer, schneller und vor allem billiger. Außerdem hatte Helmut Kohl ein Herz für das Privatfernsehen.“

    "Helmut Kohl hat Internet für Luke Mockridge geopfert"

    Nebenbei habe sich herausgestellt, dass Kohl vom Fernseh-Tycoon, der übrigens auch Großhändler für das ZDF war, jährlich 600.000 DM Parteispenden erhielt. Und nach einer eingespielten Szene, in der Helmut Kohl beim Gang durch eine Drehtür Journalisten maßregelt, sagte Böhmermann: "Wegen diesem explosiven Drehtür-Steher und seinem Kumpel Leo Kirch haben wir heute zwar kein schnelles Internet, aber die 'Geissens', die unendlichen Wiederholungen von 'The Big Bang Theory' und den TV-Titanen Hans Meiser.“

    Es gebe kein "Stop-and-go“ auf deutschen Datenautobahnen, wie es Helmut Kohl seinerzeit mal missverstanden habe, weil es keine Datenautobahnen gebe: "Der Deal zwischen Kohl und Kirch ist fast vierzig Jahre her. Trotzdem liegen im deutschen Boden noch immer statt moderner Glasfaserkabel vor allem langsame Kupferkabel. Warum rüstet Deutschland nicht einfach auf?“ Kohl sei schuld daran, dass das marode Kabelnetz die Deutschen bis heute "in den Wahnsinn“ treibe: "Helmut Kohl hat unser schnelles Internet der Zukunft dafür geopfert, dass Luke Mockridge zur besten Sendezeit Frauen fängt. Und Männer natürlich auch.“

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    Bildrechte: Sven Hoppe/Picture Alliance

    Jan Böhmermann

    Böhmermann mutmaßte, dass die Bundesregierung mit dem Börsengang der Telekom im November 1996 voll auf die Infrastruktur-Bremse gestiegen sei: "Die Telekom wurde privatisiert und musste Gewinne machen, und wer schnell und einfach Gewinne machen will, der investiert nicht Milliarden Euro in neue, teure Glasfaserkabel, sondern versucht einen Weg zu finden, wie man für die teils achtzig Jahre alten Kupferkabel immer noch 54,94 pro Monat verlangen kann.“ Wenig Beifall gab es auch für das Werbeversprechen der Telekom, die alten Kupferkabel mit moderner Technik "schneller“ zu machen, besser bekannt unter dem Schlagwort "Vectoring“: "Das Vectoring der Telekom macht zwar für die eigenen Kunden das Internet schneller in den alten Kupferkabeln, aber bremst das Internet für die Kunden von anderen Anbietern mit staatlicher Hilfe.“

    "Wir reiten in Deutschland ein totes Pferd"

    Die Digitalisierung sei in Deutschland in den letzten Jahren von elf Ministern aus drei Parteien in vier Ministerien verwaltet worden: "Der Initialfehler ist vierzig Jahre alt. Digitalisierung bedeutet in Deutschland, wir reiten ein totes Pferd.“ Böhmermann rechnete vor, dass der Bund für den Straßenausbau in Deutschland jährlich 10,5 Milliarden Euro ausgibt, während für Datenautobahnen nur 388 Millionen Euro zur Verfügung stünden: "Der helle Wahnsinn ist, Infrastruktur im Wettbewerb aufzubauen.“ Das Ganze sei ein "Clusterfuck mit Tradition“. Wie zum Beweis nannte der Satiriker ein Beispiel aus Nordrhein-Westfalen. Dort kaufte die Landesregierung für 2,6 Millionen Euro eine Drei-Jahres-Lizenz für das Brockhaus-Online-Lexikon, um digitales Lernen zu fördern.

    Werbung für "Männer-Impfstoff" von Astra-Zeneca

    Immerhin gab Böhmermann wegen des Wetters auch den Frühlingsboten: "Im ZDF-Fernsehgarten sprießen schon die ersten Amigos aus dem Boden.“ Vierzig Grad Temperatur-Unterschied zwischen letzter und dieser Woche haben also Spuren hinterlassen. Und weil der Astra-Zeneca-Impfstoff so unbeliebt ist, empfahl die "ISG“, das "Impf-Shopping-Germany“, das Serum als "Männer-Impfstoff für echte Kerle“ in einem wahrhaft martialischen Handgranaten-Flakon, der bis zu 500 Meter Wurfweite "bruchsicher“ und bis zu 125 Metern Tiefe wasserdicht sei. Obendrein soll die Luxus-Ausgabe „auf bis zu drei Kilometern Braunbären und Pottwale“ verscheuchen und so hart im Nehmen sein, dass ein Leopard II-Panzer der Bundeswehr "bis zu 1.000 Mal“ drüber brettern könne. Mal sehen, ob diese Marketing-Anstrengung die dritte Welle verhindert.

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